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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 710 WochAMrtst Nr. 43 Sitzungen im Rathaus, um zu Zwecken größerer Popularität. ein paar Parteigenossen die Hand zu schütteln. Sonst aber durfte Neumayer tun und lasten, was ihm beliebte, während der christlichsoziale Handelsminister im Parlament den Weg ins Ministerpräsidium suchte. Seit dem Wahltag aber und dem Verluste des Portefeuilles ist Weiskirchuer wieder der allereifrigste Gemeinderat geworden. Da redet er und redet er, daß sich die Balken biegen. Das Schönste ist aber, worüber er spricht. Er ergreift meist das Wort zu Teuerungsfrageu und macht der Regierung heftige Vorwürfe — nachdem er selbst als Mitglied der Regierung durch den Ausgleich mit Ungarn und durch seine Tatenlosigkeit gegenüber den Agrariern und Kartellen diese Teuerung verschuldet hat. Weiskirchuer schimpft also auf Weiskirchner — wenn dieser echte, christliche Sozialismus nicht lustig ist, dann gibt es keinen politischen Humor. Mit dieser Art des Auftretens will der fleißig gewordene Gemeind erat Weiskirchuer den Bürgern vorspiegelu, daß er ihr Anwalt ist, will sich die Wahl zum Bürgermeister-vorbereiten. Aber er wird schwerlich viel Glück haben mit dieser politischen Spiegelfechterei. Denn erstens ist Neumayer da, der sich schwerlich als Puppe und Platzhalter des mehrfach durchgefallenen Weiskirchuer betrachten wird, wenn nach den nächsten Gemeinderatswahlen überhaupt noch ein christlichsozialer Bürgermeister gewählt wird. Zweitens wird man rechtzeitig die Oeffentlichkeit aufzuklären wissen, mit welchen Mitteln Welskirchner ein Erbe wieder antreten möcht-, das er seinerzeit verschmäht hat. Zur Dresdner Hygienische« Ausstellung. Nur noch wenige Tage dauert's und die Räume, die die Dresdner Hygienische Ausstellung bergen, werden in feierlicher Weife geschlossen werden. Ueber den Nutzen dieser in ihrer Art ersten und großartigsten Ausstellung ein Wort zu verlieren, halten wir für überflüssig, der Erfolg wird ein für die Menschheit segenbringender sein. Was uns Juden aber speziell betrifft, so muß es uns mit Befriedigung erfüllen, daß mau uns zwei Abteilungen für die jüdische Hygiene, wie sie seit fast 4000 Jahren bei uns gepflegt wird, zur Verfügung stellte. Wir wollen gleich hiuzufügen, daß auch zehnmal so große Räume nicht ausgereicht hätten, erschöpfend das darzustellen, was Juden und Judentum für die Gesundheit des einzelne» menschlichen Individuums wie für die Gesamtheit Bedeutendes geleistet haben. Die Einrichtung der oben genannten zwei jüdischen Abteilungen nahm, von der Ausstellungs-Verwaltung freundlichst eingeladen, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Mar Grunwald -Wien — materiell gefördert in erster Linie durch die Wiener israelitische Kultusgemeinde, dann durch noch andere jüdische Gemeinden und Private — in Angriff und führte sie auch vorzüglich aus. Wir hatten Gelegenheit, unter der liebenswürdigen, fachmännischen Führung des verdienstvollen Herrn Rabbiners Dr. I. Winter in Dresden die jüdische Abteilung der Hygienischen Ausstellung in Augenschein zu nehmen und erfüllte uns wie jeden der zahlreichen Besucher diese mit großer und inniger Befriedigung, besonders aber fiel uns das allgemeine Interesse auf, das man gerade dieser Abteilung der großen Ausstellung entgegenbrachte. Da gab es keine oberflächliche Besichtigung, jede einzelne Ausstellungsvmnmer, von den geöffneten altehrwürdigen Thorarollen, von den .... Thorarollen angefaugen bis zum kleinsten, der Hygiene dienenden und zum Ritus gehörigen Gegenstände, sie wurden von Juden und Nichtjuden genau und mit besonderem Ernst in Augenschein genommen und eingehend besprochen. Gerade „das Jüdische"^ das so übersichtlich und fachmännisch geordnet hier zu sehen war, erregte die Aufmerksamkeit aller Besucher und zeigte, welch ein großes Stück Hygiene in unserem ganzen Judentum liegt; der beste Beweis dafür, daß sich das numerisch nicht große, aber kulturell so hochstehende jüdische Volk durch bald 4000 Jahre geistig und körperlich gesund und frisch bis heute erhalten hat. Wohl finden wir bei Griechen, Römern und anderen großen Völkern im Altertum auch schon einzelne hygienische Einrichtungen, doch kamen diese nur der herrschenden Klasse, nicht aber der großen Volksmasse zustatten. Ganz anders war und ist es beim jüdischen Gesetze mit seinen hygienischen Maßnahmen, die nicht nur jedem Einzelnen i m V o l k e die Teilnahme an diesen Wohlfahrtseinrichtungen gestatteten, sondern dieselben sogar zum geheiligten Gesetze machten, das von der Gesamtheit beobachtet werden mußte. Hierin können wir den Grund dafür sehen, daß jene großen alten Völker spurlos von der Erde verschwunden sind, während das hygienisch-demokratische System des Judentums seine Bekenner bis heute erhalten hat. Dies zeigt uns auch so deutlich das Walten der göttlichen Vorsehung über Israel. Wenn wir in unserer Ausstellung das Modell eines „Judenbades" im engen Ghetto, getreu nachgebildet, vor uns sehen, wie es durch mehrere Stockwerke tief hinabgeht, bis es vom frischen Quellwaffer gespeist wird, dann verstehen wir so recht die Worte des groß» Hillel, der die Benützung des Bades als eine eminent heilige und gottgefällige Handlung bezeichnete. Jeder einzelne in der jüdischen Abteilung ausgestellte Gegenstand könnte dem denkenden Besucher eine ganze Geschichte erzählen, deren Pointe lauten würde: „D a s Judentum will einen gesunden Geist in einem gesunden Körper." Der altjüdische rituelle Haushalt spricht ganze Bände von Hygiene und jene junge jüdische Wiener Dame aus gutem Hause, die vor ihrer Hochzeit von „Jüdischhausführen" keine Idee hatte und uns noch rituell lebende Juden geradezu als Märtyrer (!) bezeichuete, hätten wir mit so vielen ihrer modernen Kolleginnen zum Besuche der jüdischen Abteilung der „Dresdner Hygienischen" gerne eingeladen, dann würden sie alle vor der alten, durch Jahrtausende erprobten jüdischen Hygiene einen gehörigen Respekt bekommen haben. Schade, daß eine renommierte rituelle Restauration, wie z. B. die von „Simon" — Dresden, Dippoldiswalderplatz 3 —- wegen der großen Miete, die sie allein nicht bestreiten konnte, ihre schmackhaften, kulinarischen Produkte nicht in den Ausstellungsräumen selbst den vielen Besuchern hat anbieten können. Wäre.der Versuch mit einem guten jüdischen Restaurant in der Ausstellung gemacht worden, er wäre sicherlich zugunsten unserer alterprobten und gesunden Küche ausgefallen. Und die „S a b b a t st u b e" aus dem Wiener jüdischen Museum, entworfen und ausgeführt vom genialen Maler Isidor Kaufmann,, sie paßt so recht hinein in die „Hygienische", sie verrät uns das Geheimnis, wie der Jude im finstern Mittelalter, in Zeiten tiefsten Druckes und großer Anfeindung von allen Seiten, sich geistig und körperlich frisch und wohl fühlen konnte. Die Sabbatstube mit den aufs, pünktlichste beobachteten anderen Gesetzen unserer Thora waren der Jungbrunnen, der Israel immer verjüngte und neu kräftigte. Ein guter Anfang war und ist die jüdische Ausstellung in der Dresdner „Hygienischen" und als „Liääusell llasellsm" vor den Augen der Kulturwelt muß sie betrachtet werden. Viel Segen wird aus ihr erwachsen und bei der nächsten ähnlichen Ausstellung wird ein großer Separatpavillon, wie ihn Herr Rabbiner Dr. Grunwald ursprünglich geplant, den Besuchern zeigen können, wie viel die Kulturwelt von der jüdischen Hygiene gelernt hat und noch immer lernen kann. Wollten wir übrigens die jüdischen Aussteller, die in den einzelnen Pavillons prachtvoll und übersichtlich ausgestellt haben, separat erwähnen, es gäbe ihrer eine stattliche Zahl.

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