Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021971--20609-3045658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

ixt ~.^:..xmaajrsasBkajm v.. Nr. 43 Dr. Bloch’s Ishrgmrg XXVIII Zentralorgan für die gesamten Iknteressen des Judentumsr- . —U O X. ft. Pofisxarkaffrnsrnr Slearing-Verkebr Mr. 810.976. RedaMon und Administration: m Wir« IX/1. Hahngaffe Nr. 15. ü) Telefon Nr. 14.847. <1 oO : -. On -ö: :o- DO Wien, 27. Oktober 1911 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, ix/i, Hahugaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wie«. Vrprgsprris firr Vrfirrrrirtz: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petttzeile 24 Heller. O „ , -On Inhalt: Leitartikel: Wriskirchner, der Erbe. — Zur Dresdener Hygienischen Ausstellung. — Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Deutschland. — Oberrabbiner Dr. Josef Hirsch Dünner s. A. — Dr. Leopold Herzel. — Vom Jahrmarkt des LebenS: Hungernde jüdische Schulkinder. Franz Liszt und der Antisemitismus. Spinoza als Prophet. Leo Tolstoi über die pädagogische Bedeutung der Bibel. Der Verband der russischen Advokatursgehilfen gegen die Taufseuche. Der König von England bei Baron Rothschild. Der Zusammenbruch der Göttinger Bank. — Korrespondenzen: Kaiserlicher Rat Josef Singer. Die Teuerung und die Lehrerschaft der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Eine Verleumdung galizisch-jüdischer Kaufleute. Eine jüdische sozialdemokratische Partei in Galizien. Ersatzwahlen in Galizien. Paris. Auszeichnung jüdischer Rechtsgelehrter. Eine jüdische Deputation beim König Karl. Die bedrohte Existenz der jüdischen Gemeinden in Polen. Prekäre Lage der zurückgewiesenen Studenten. Die Verurteilung eines antisemitischen Polizeikontrollors. Die Juden im belgischen Kongo. Ein Aufruf an die jüdischen Flüchtlinge aus Trioplis7 Die Schadenersatzklage der Juden von Wales. Das Oberrabbinat von England. Die Einwanderung russischer Juden nach Cypern. Arbeitsgelegenheit in Argentinien. — Vermischtes. — Feuilleton: Franz Liszt. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Meiskirchner, der Erke. Als Lueger gestorben war und man sein bekanntes Testament öffnete, in welchem Weiskirchner für die Nachfolge empfohlen wurde, kam von diesem eine sensationelle Antwort: Er könne derzeit das teuere Vermächtnis nicht antreten, denn er besitze als Handelsminister das Vertrauen der Krone und könne dieses durch die Niederlegung seines Portefeuilles nicht enttäuschen. Das war sehr rücksichtsvoll, aber die zarte Auffassung der Dinge war sicherlich weitaus übertrieben. Man hätte sich an jeder Stelle im Staate sofort zu trösten gewußt, wenn der gute Dr. Weiskirchner seine bei raschen Strebern sonst unbekannte zarte Empfindung aufgegeben und die Büros des Handelsministeriums verlassen hätte. Ein unersetzlicher Minister war er ja sicherlich. Er hatte für sein Ressort weiter nichts mitgebracht als den Appetit auf ein Portefeuille, aber gar keine Kenntnisse, er wußte nicht einmal, was er wollte, depeschierte aus Tirol zugunsten der Fleischeinfuhr und fuhr expreß nach Wien, um sie zu .verhindern, die Klagen der Industrie wurden immer größer, jeder Sektionschef tat, was er wollte. Zeigte sich doch der Arbeitseifer und die Gewissenhaftigkeit des Ministers darin, daß er seinen berüchtigten Ausgleich mit Ungarn nach einem schweren Diner ungelesen unterschrieb und nachträglich nicht einmal wußte, was in den Abmachungen stand. Weiskirchner hätte also ohne wesentlichen Schaden für den Staat und die ihm anvertrauten Interessen das Vertrauen der Krone durch einen Verzicht auf sein Amt enttäuschen dürfen. Die Krone weiß sich übrigens in solchen Fällen meist ganz leicht zu helfen. Kommt es doch oft und oft vor, daß Minister aus den nichtigsten Gründen, aus purer Unlust, ihren Abschied nehmen. Wie viel stärker hätten nicht die wichtigen Gründe bei Weiskirchner wirken müssen! Der letzte Wille eines toten Freundes und Protektors rief ihn auf den Bürgermeisterstuhl, die schwere und verwickelte Verwaltung einer Millionenstadt rief nach dem richtigen Mann, die christlichsoziale. Partei rief nach einem ersten Führer. Aber was kümmerten den kaltblütigen Weiskirchner alle diese Rufe? Er tat, was ein Handelsminister eben immer tut: Er kalkulierte sorgfältig. Das Kalkül ergab seinen Entschluß, die Bürgermeisterwürde nicht anzunehmen und Handelsminister zu bleiben. Wer wird ein Thrönchen im Rathaus besteigen, wenn er Ministerpräsident werden kann? Die christlichsoziale Partei im Parlament stand auf dem Gipfel ihrer Macht und der alte Windmacher Weiskirchner glaubte den Wind erzeugen zu können, der sein Schifflein ins Ministerratspräsidium trieb. Aber wie immer erwies er sich als schlechter Handelsminister und hatte falsch kalkuliert. Bevor noch die Christlich- Sozialen ihren guten Magen und reichen Appetit an Ministerportefeuilles hatten befriedigen können, brachte ihr Freund Schusterschitz, der auch Appetit hatte, das ganze Parlament ins Wanken und Fallen. Bienerth wollte schönere Abgeordnete und so kam jener schwarze Wahltag für die christlichsoziale Bande, an welchem ihre millionenreich gewordenen Führer von der Wählerschaft im Bogen hinausgeworfen wurden. Auch Weiskirchner, der Mann mit den fetten Pensionen, wurde in zwei Bezirken höflich für sein Angebot künftiger parlamentarischer Vertretung bedankt. Jetzt auf einmal konnte er das Vertrauen der Krone ohneweiters enttäuschen — er mußte das vielmehr — und legte nach dem furchtbaren Krach sein Portefeuille zurück. Aus war es nun mit der christlichsozialen Herrlichkeit, aus war es mit den schönen Träumen vom Ministerpräsidium, aus war es mit der herrlichen Laufbahn des ehemaligen Magistratsbeamten Dr. Weiskirchner. Jetzt versucht es der gute Mann mit dem anderen Geschäfte, das er nach dem Tode Luegers als minderwertig abgelehnt hat. Jetzt möchte er das Amt des Bürgermeisters haben, das man ihm seinerzeit mit Gewalt geben wollte und das er mit energischer Gegenwehr abgelehnt hat. Damit sein Verhalten nicht allzu kraß erscheine, hat er damals seine Weigerung sozusagen verschoben, hat erklärt, daß er vielleicht in einer späteren Zeit, wenn er nicht mehr Minister sei, vielleicht in zwei Jahren, den Bürgermeisterstuhl besteigen werde. Man solle inzwischen für dieses Amt einen Stellvertreter wählen. Wie wenig aber Weiskirchner daran gedacht hat, statt des hohen Amtes eines Ministerpräsidenten das niedere Amt eines Wiener Bürgermeisters zu versehen, geht wohl daraus am besten hervor, daß er sich bis jetzt um sein Gemeinderatsmandat nicht im Mindesten geschert hat. Er erschien nur hie und da bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.