Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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ca-b .7» Wf-K.-lJ. fl.--. Nr. 4L Dr. Blocks Wochenschrift Seite 703 Durch den Nebel ging ein eigenartiges Wirbeln und Wogen; es war, als ob phantastische Formen und Gestalten sich bildeten und verschwebten; zwischen den Grüften schlürfte^ es und glitt es . . . und draußen vor dem Tore des Friedhofes stand ein alter Mann, der seinen Weg zur Stadt nahm. Wie der Schatten einer Wolke strich er über die nächtlich öden Straßen; mit wehmütigem, forschendem Blick sah er zu den schweigenden Häusern empor, als wollte er nach langer Abwesenheit in der Stadt sich zurechifinden, als suchte er etwas . . . Ja, er suchte sein eigenes Haus, aus dem fie ihn vor Jahresfrist zum Friedhof hinausgetragen hatten ... Da stand er denn vor seinem Hause — hier war die Herberge seiner Erdenpilgerfahrt. Aber — o Qual! — er konnte sich seiner Heimatstätte nicht nahen, er vermochte nicht den Fuß über die Schwelle seines eigenen Hauses zu setzen. Eine eiserne Mauer war als Scheidewand zwischen ihm und seinem Hause aufgerichtet und wehrte ihm den Eingang. Alle Türen, alle Herzen in diesen Räumen waren ihm verschlossen. Ein kalter Hauch, eisiger als aus Grabesnacht, so eisig, wie ihn ein steinernes Menschenher^ ausströmt, wehte ihm aus dem Dunstkreise seines einstigen Waltens entgegen. Eine unsichtbare Macht packte ihn und stieß ihn zurück, und an seine Ohren schlug es mit harter, gellender Stimme: „Fort von hier, du Fremder, du hast keinen Anteil an diesem Hause!" Entsetzen ergriff ihn — es gibt Dinge unter den Lebenden, über welche die Toten sich entsetzen — und fassungslos wankte er von dannen. Sein irrender Schritt führte ihn zur Synagoge, wo er während seines Erdenlebens oft Trost und Zuflucht im Gebet gefunden. Die Synagoge war erleuchtet. Die frommen Männer der Gemeinde weilten im Gotteshause und lasen in der Thora und in den Psalmen. Einige dieser andächtigen Beter hatten eben die Synagoge verlassen, um sich nach Hause zu begeben. ' Da sprach der eine: „<I.ie sich die Zeiten ändern! Vor einem Jahre haben fie den alten Elias begraben, und er starb als ein gottesfürchtiger Jude, und jetzt haben seine Kinder seinen guten jüdischen Namen verleugnet und ihren angestammten Glauben abgeschworen. Der arme Elias, sein Lebenswerk ist verraten, seine Hoffnungen sind verloren!" Da begann der andere: „Tag und Nacht hat er für seine Kinder gearbeitet und sich gemüht. Und die dankbaren Kinder? . . . Das Geld des alten Juden zu erben und damit zu protzen, deffen schämen fie sich nicht; aber seine Religion zu bekennen und das Andenken des Vaters zu ehren, deffen schämen sie sich . . . Eine Ueberzeugung muß der Mensch haben, eine Ueberzeugung . . . Aber saget mir, Freunde, haben die Kinder des Elias aus Ueberzeugung ihren Glauben verlassen, oder haben fie aus gesinnungslosem Strebertum und frevlem Uebermut ihre Religion gewechselt — ja, wie man ein Hemd wechselt? ..." Da nahm der dritte das Wort: „Es heißt in der Schrift: ,Süß ist der Schlaf des Arbeiters*; das läßt sich so auslegen: ,Süß und selig ist die Himmelsruhe eines Menschen, der sein Leben in rechtschaffener Arbeit zugebracht hat? — Der beweinenswerte Elias, ihm ist nach der Lebensarbeit diese süße, friedvolle Seligkeit nicht beschieden; denn die eigenen Kinder haben seine Himmelsruhe gestört und einen Stein auf sein Grab geworfen. Wenn sein Schatten jetzt aus dem Grabe stiege, seine alte Heimstätte wäre ihm verschlossen und verriegelt ..." Doch horch! — War das nicht ein Klagelaut aus menschlichem Munde? Klang das nicht wie der herzerschütternde, tränenerstickte Schrei eines zusammenbrechenden alten Mannes, dem Gurgeln und Glucksen eines tiefen, geheimnisvollen Brunnens vergleichbar? Oder knarrte die Synagogentür so, oder ächzte so der Winö durch eine offene Bvdenlucke? Erschreckt blickten die Männer um sich. Stille und Einsamkeit ringsumher. Durch den weißlichen Dunst floß der Silberglanz des Mondes und wob um die Synagoge einen zauberischen Dämmerungsschleier. Dort aber am Vorsprung des alten Gemäuers, im Schatten des Strebepfeilers ballte sich der Nebel so sonderbar und strich über die Wiesen nach der Richtung des jüdischen Friedhofes . . . Me Inden in der Mnfik. Ein sehr feinsinniger, ohne jede Voreingenommenheit nach der einen oder der anderen Seite hin geschriebener Artikel der „Kölnischen Zeitung" (aus der Feder Julius Babs) hat jüngst den Anteil der Juden an der deutschen Dichtung der Gegenwart festgestellt. Mit einigen wenigen Abweichungen bestätigte dieser Aufsatz den Satz, daß sich das reiche jüdische Geistesleben in der Hauptsache auf das Vermitteln und Umformen schon geschaffener geistiger und künstlerischer Werte konzentriere und nur ausnahmsweise auf den Urstoff selbst zurückgreife. Ungefähr gleichzeitig brachte ein hiesiges agrarisches Blatt in seiner Wochenbeilage einen Beitrag, der sich ebenfalls mit der Betätigung des jüdischen Geistes beschäftigte und diesen auf seine Bedeutung für unser gesamtes öffentliches L-ben hin untersuchte. Die Grenzen des Untersuchungsfeldes waren da recht weit gezogen; Literatur, Musik, Politik, Wirtschaftsleben, Moral: in allen entdeckte das spürende Auge des Artikelschreibers die Wirkungen jüdischen Gefftes, und zwar, wie sich im Hinblick auf feine sonstige publizistische Tätigkeit nicht anders erwarten ließ, nur die verderblichsten, ungesunden und zerstörenden Wirkungen. Es ist hier nicht der Ort. all die Willkürlichkeiten und maßlosen Uebertreibungen dieses antisemitischen Artikels festzunageln. Nur einen Punkt wollen wir heraus greifen, weil er uns Gelegenheit gibt, die Oberflächlichkeit der Betrachtung darzutun und dann aber auch eine vielleicht nicht uninteressante, kurze Parallele zu dem eingangs erwähnten Artikel der „Kölnischen Zeitung" zu ziehen. Um den Anteil der Juden an der Musik zu charakterisieren, beschränkte sich das agrarische Blatt auf den Namen Offenbach. Dagegen, so schreibt die „Köln. Ztg." in einer ihrer letzten Nummern, wäre nichts einzuwenden, wenn Offenbach als das dargestellt worden wäre, was er in Wirklichkeit ist, nämlich als der witzreichste und neben Johann Strauß auch wohl der erfindungsreichste aller Overettenkrmponisten, die uns bis jetzt beschert worden sind. Es zeugt von dem geringen musikalischen Verständnis des Artikelschreibers, wenn er die musikalische Bedeutung Offenbachs in dem Wort Zynismus zusammenfaßt, und es zeugt von noch geringerem Verständnis, wenn er hinzufügt, die heutige Operette wandle auf den Spuren dieses rheinischen Juden. Dem, der die Rolle der Juden in der Musik einer etwas sorgfältigeren Untersuchung unterzieht, wird es natürlich auch nicht einfallen, diese auf Offenbach zu beschränken. Ueberblickt man die ganze Frage unter dem Gesichtswinkel der musikalischen Urproduktion, d. h. der rein kompositorischen Tätigkeit, so wird man, entsprechend dem Artikel Babs, zu dem Ergebnis kommen, daß das jüdische Element hier keine allzu große Fruchtbarkeit entfaltet hat. Immerhin ist es in den früheren Generationen mit einigen guten Namen vertreten, wie Mendelssohn und Meyerbeer, die indes beide als ursprüngliche und unabhängige Künstler vielleicht noch nicht so hoch zu bewerten sind wie Offenbach, dem man einige wirkliche Nachfolger auf seinem Gebiet wünschen möchte. Denn das, was seine nominellen Nachfolger, die allerdings wohl in ihrer Mehrzahl die Raffe mit ihm gemeinsam haben, uns heutzutage an Musik Vorsitzen, ist wirklich nichts Eigenes und Ursprüngliches. Einer lehnt sich mehr oder weniger ungeniert an den andern, und es ist uns unmöglich, auch nur einen zu entdecken, der aufrecht und unter Verzicht auf hilfreiche Stützeu dasteht. Die Textdichter