Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 696 Dr. WoDs WochMchrist Vom Zabrmarkt des Lebens. Der Chachaw Baschi über die italienischen Juden in der Türkei. In einer Unterredung, welche der Konstantinopler Korrespondent des „Haint" mit dem Großrabbiner der Türkei Rabbi Chaim Nahum hatte, äußerte sich dieser über die italienischen Juden in der Türkei und die Folgen des türkisch-italienischen Krieges für dieselben in recht pessimistischer Weise. Fast 30% des „ottoinanischen" Judentums, sagte der Großrabbiner, sind italienische Untertanen. In der Regierungszeit Abdul Hamids haben die besten spaniolischen Familien, um der hamidischen Tyrannei zu entrinnen, sich unter italienischen Schutz gestellt, indem sie italienische Untertanen wurden. Die Creme der Saloniker Judengemeinde sind Italiener, in deren Hände sich der ganze Handel b> findet. Die Saloniker Judengemeinde wird, falls der Krieg sich hinausziehen sollte, dem vollständigen Ruin preisgegeben werden, aber mit der Judengemeinde wird auch die schöne, aufblühende Stadt Salonichi zugrunde gehen müssen, weil die Juden dort ein mächtiger Faktor sind, dem das Aufblühen der Stadt zu danken ist. In dem jüdisch-kulturellen und sozialen Leben der Türkei spielen diese „Italiener" die größte Rolle. In Konstantinopel z. B. bilden die italienischen Juden auch die feinsten, reichsten und vornehmsten Kreise, sie besitzen den weitestgehenden Einfluß, sie halten sich jedoch fern von jedem offiziellen jüdischen Leben, ihr Einflug auf dasselbe ist blos ein indirekter durch ihre Autorität. Sie bilden eine eigene Gemeinde, die vornehmste Synagoge gehört ihnen und sie besitzen eigene Wohltätigkeitsanstalten. In Salonichi hingegen bilden sie sozusagen die offizielle ottomanische Judengemeinde. Obgleich fremde Untertanen, stehen sie an der Spitze der offiziellen „Medschitis", und da dies gesetzlich eigentlich verboten ist, wurde ein Medschitis gesmani, bestehend aus unbedeutenden Menschen der Form halber gewählt, während die eigentliche Arbeü von einem Konsistorium und in dem Gemeindevorstand geleistet wird, in denen die italienischen Juden die herrschenden sind. Das Haupt der Gemeinde, der bekannte Finanzier und Philanthrop Jakob Mod ano ist italienischer Untertan. Es ist das derselbe Modiano, der den Chacham Baschi auf seiner Inspektionsreise nach Palästina begleitet hatte. Außer den Modiano's, deren Familienmitglieder in der ganzen Türkei verbreitet sind und zu den angesehensten Persönlichkeiten gehören, sind auch die Allatini, Fernandez, Salem u. m. a., mit einem Worte der Stolz der ottomanischen Judenschaft, italienische Untertanen. Als Jakob Modiano dieser Tage Salonichi verlassen wollte, da sammelten sich tausende Menschen, Juden und Türken, vor seinem Hause an, um ihn daran zu hindern. Es ist das eine ganz eigenartige Tragödie, wenn man bedenkt, was diese Juden für die Türkei und das ottomanische Judentum geleistet haben. Der Vertreter der „Alliance Jsraelite Universelle" in der Türkei, Ritter von Fernandez, der hier die ganze Politik der Alliance vertritt und sich sowohl in der Gesellschaft, wie auch bei der Regierung des größten Ansehens erfreut, ist gleichfalls Italiener. In einem gewissen Sinne laufen die Fäden des ganzen jüdischen Lebens in der Türkei in seine Hände zusammen. Jede Initiative geht von ihm aus, jede größere Veranstaltung schöpft sozusagen aus ihm ihre Lebenskraft: er ist die höhere Autorität der sephardischen Intelligenz. Die minder bedeutenden italienischen Juden beeilen sich, die ottomanische Staatsbürgerschaft zu erlangen, den Spitzen der Gesellschaft ist dies jedoch schon deshalb unmöglich, weil sie durch große italienische Unternehmungen in der Türkei mit Italien eng verbunden sind. Der große Geld- und Warenimport aus Italien geht fast durchwegs durch ihre Hände. Es ist doch interessant, daß z. B. der eben erwähnte Ritter von Ferandez Präsident der italienischen Handelskammer ist. Ja, selbst die an sich klerikale Bank „Banko di Roma" hat den Juden Luceno Nr. 42 zu ihrem Direktor für die Türkei ernannt. Als.Vertreter der freiheitlichen Richtung haben sie sich auch um die jungtürkische Bewegung große Verdienste erworben. Damit wird auch zum Teile die Wahrnehmung erklärt, daß die feindselige Haltung gegen die italienischen Untertanen in der Türkei, wenigstens vor der Hand, nicht jene Formen angenommen, die allgemein befürchtet wurde. Wird jedoch der Krieg nicht bald ein Ende nehmen, so wird die türkische Judenschaft an den Folgen der Repressalien gegen die Italiener schwer zu leiden haben, aber vielleicht werden die in Betracht kommenden Persönlichkeiten aus diesen Vorkommnissen die Lehre ziehen, daß ein Lebensintereffe der Juden in der Türkei ein vitales Interesse ist, Ottomanen werden nicht fremde Bürger im Lande bleiben. Das sollte auch für viele andere fremde Untertanen, besonders in Palästina, sein, von wo sie einmal vertrieben werden können, wenn die Türkei mit dem betreffenden Staate in ernsten Konflikt gerät. Juden in Portugal. Herr Redakteur! In Nr. 37 Ihres geschätzten Blattes sagen Sie: „Juden gibt es dort (in Portugal) gewiß nicht, seit deren grausamen Austreibung und Beraubung durch den frommen König Johann II. am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts". In der Sache haben Sie wohl recht, da die Zahl der Juden in Portugal so minimal ist, daß die klerikale Anklage, die Juden hätten die Revolution gestiftet,- einfach lächerlich ist. In der Form ist Ihre Behauptung jedoch nicht richtig. Portugal hat hat seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wieder Juden, allerdings in sehr geringer Anzahl. Das „8tat68mau'8 Xeurbook" gibt auf Grund des Zensus von 1900 ihre Zahl auf 481 unter einer Bevölkerung von mehr als fünf Millionen an. Das klerikale Blatt, welches den Juden die Schuld an der Revolution zuschreibt, hat ja die Kenntnis von wirklichen Tatsachen nicht notwendig. Wenn sich diese Herrschaften von so kleinlichen Skrupeln leiten ließen, hätte es ja niemals Ritualmorde gegeben, aber es ist immerhin möglich, daß man mit gutem Gewissen übertriebene Vorstellungen von der Zahl der Juden in Portugal haben kann. Auch Thiers gibt in seiner „Hlstoire du Consulat et de TEmpire“ (Vol. IX, p. 71, Paris 1857) an, daß die französischen Truppen bei ihrem Einmarsch in Portugal, 1807, von 200.000 Juden enthusiastisch begrüßt wurden. Die Juden in Lissabon haben eine Synagoge, die am 18. Mai 1904 eingeweiht wurde, ihr Friedhof besteht schon seit 1801 und im vorigen Jahre wählten sie Rodolfo Levi, einen Schüler des Rabbinerseminars von Florenz, zu ihrem Rabbiner. Außerhalb Lissabons gibt es nur noch eine Gemeinde in Portugal, die von Faro, welche etwa 15 Familien zählt. J l öffentlichen Stellungen sind James Anahoiy Athias, der 1902 zum Lieutenant in der Marine ernannt wurde und einige Professoren an höheren Lehranstalten, darunter Jacob Bensaudo, der Professor des Englischen in Porto ist. Die Stimmung im Publikum scheint den Juden keineswegs günstig zu sein, denn am 16. Jänner 1908 berichtete Jewish Chronicle von einem ^eberfall auf einen jüdischen Leichenzug, was allerdings später in Abrede gestellt wurde. Bei einer früheren Gelegenheit — die Quelle habe ich mir nicht genau notiert — berichtete dasselbe Blatt von einer antisemitischen Rede in der Kammer. Der Augenarzt Emil Berger in Paris wurde im Jahre 1896 in den portugiesischen Adelsstand erhoben. Mit solchen Titeln scheint die Dynastie sehr freigebig gewesen zu sein. Jsaac Lyon Goldsmid, der Vorkämpfer für die politische Gleichberechtigung der Juden in England, wurde schon im Jahre 1845 zum Baron von Palmeira erhoben. Sydney James Stern, der jetzige Lord Wandsworth, wurde 50 Jahre später sogar zum Markgrafen gemacht und Guido Chajes, portugiesischer Konsul in Livorno, brachte es bis zum Grafen. Auch Herr Cahen d'Anvers ist glücklicher Besitzer eines portugiesischen Grafentitels gewesen. Man sollte demnach meinen, daß, wenn die jüdische Finanzaristokratie wirklich politische Macht besitzt, sie dieselbe zu Gunsten der Monarchie in die Wagschale werfen sollte, denn für Juwelenlieferungen an Mademoiselle