Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021970--20594-3045642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
« •HH* Nr. ii Dt. Älochs Wochenschrift Seite 895 m (der Schweiz Deutsche, . Franzosen, Italiener? Mag min ein Staat, sei es der deutsche, französische, italienisches die Schweiz angreifen wollen — würden nicht alle Schweizer wie ein Mann sich erheben, um gegen den gemeinsamen Feind ihres Staates ins Feld zu ziehen? Sehen wir den Fall, der ja vor kurzem nahe lag, in einen Krieg mit Rußland verwickelt, würden die Ruthenen oder die Polen den Dienst versagen, da es sich um ihre Stammes!- angehörigen handelt? Nur bei Juden kommt man auf einen solch unsinnigen Gedanken. Und nur deshalb, weil die Juden — nach der Meinung manches hirnverbrannten Schädels eine Nationalität Hilden r— sollen tzie vom Staate zurückgesetzt werden? Wo bleibt da die staatliche Behörde? Ihre Pflicht ist es, den Schwächeren vor dem Stärkeren zu schützen, denn wären Macht und Gewalt im Recht identisch, so gäbe es sehr wohl Gewalt, aber kein Recht. Nun, wie gesagt. Der Chauvinismus der Juden mag in der Anlage seine Erklärung finden, die Aristoteles und Maimonides dem Menschen zuschreiben, datz man, um von einem Laster geheilt zu werden, erst in das Gegenteil verfallen müsse, um dann ins Gleichgewicht zu kommen! Wie aber der Geizige mitunter ins leichtsinnige, verschwenderische Leben verfällt und durchaus nicht mehr auf die Mittelstratze zu, bringen ist, so geschieht es auch bei uns Juden — wir sind vom Kosmopolitismus, der eine Zeitlang das oberste Schlagwort war, in das Nationale verfallen — aber an uns denken «wir am allerwenigsten. Da verfällt wieder einer auf das sehr trügerische Mittel, auf die Mischehen, ich kann die Wirkung dieses Heilmittels auf Grund praktischker Erfahrung verraten. Dieses Heilmittel ist leider jtn Italien sehr stark in Anwendung gebracht worden, und nun betrachtet man die Wirkung — die Verheerung. In meiner Gemeinde, in der ich bis zum 1. August d. Z. als Rabbiner und Seelsorger wirkte, konnte ich feststellen, datz ein Fünftel, sage ein fünfter Teil aller Mitglieder durch die Mischehen dem Judentum verloren gegangen ist. Lernen wir allen solchen Torheiten gegenüber aus der Geschichte! Fahren wir Juden also weiter fort, unsere heiligste Pflicht für allgemeine Wohlfahrt zu erfüllen, tragen wir zur .allgemeinen Kulturarbeit nach Kräften bei, lasten wir uns nicht verstimmen, nicht verbittern, lycht isolieren, kämpfen wir weiterhin für die Menschenrechte im allgemeinen, sur die Kultur und Verbreitung der Bildung — für die Veredlungfür das Annähern, Sichkennen, Schätzen und Würdigen; es kommt schon ein Tag, an dem die Völker ihr an uns begangenes Unrecht einsehen werden, wie es sie zum Teil eingesehen haben; halten wir jedoch auch treu zu unseren gemeinsamen Heiligtümern, schätzen und achten wir uns selber, und die allgemeine Achtung wird nDht ausbteiben. Gin tschechisches Merk ans dem Jahre 1748 «der die Anden. Von Prof. Dr. Oskar Donath (Gödivg). Daß sich Nichtjuden mit der jüdischen Wiffenfchaft beschäftigten, war schon zur Zeit des Humanismus nichts Seltenes. „Trilinguis" sollte jeder Gebildete jener Zeit sein, worunter man die Kenntnis der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache verstand. Das Streben, die Bibel aus dem Original und nicht aus der stark verstümmelten Vulgata kennen zu lernen, veranlaßte viele nichtjüdische Gelehrte zum Studium des Griechischen und Hebräischen. Wir finden unter den Deutschen einen Reuchlin, der als Uebersetzer der Bibel aus dem Hebräischen ins Deutsche der Vorarbeiter Luthers wurde und ebenso unter den Verfastern der Kralitzer Bib«l*) zwei Männer, A. v. Kamenko und Lukas Helic, die, des Hebräischen kundig, die Uebersetzung des Alten Testaments aus erster Hand besorgten.**) Nicht nur für die hebräische Sprache, sondern auch für die Sitten und Bräuche der Juden interestierte fich lebhaft ein in Prag in der ersten Hälfte deS 18. Jahrhunderts lebender katholischer Priester, namens Karl Jugl, der Rabbinen zu fich lud, um fich von ihnen belehren zu lasten. Er war im Jahre 1713 Kaplan bei St. Stephan in der Prager Neustadt, wurde noch im selben Jahre Pfarrer in Unter>Cerekau in Böhmen, wo er bis 1741 verblieb und folgte dann einer Berufung als Pfarrer nach Prag zu St. Castulus. Dieses Amt bekleidete er nur kurze Zeit, denn er starb schon im Jahre 1746 im Alter von 60 Jahren. Dr. W. Keznieek berichtet im 80. Bande der Prager Musealzeitschrift von einem 393 Blätter starken handschriftlichen, aus dem Jahre 1745 herrührenden Werke über die Juden, ihren Glauben, ihre Sitten und Gebräuche, welches von dem erwähnten Priester Jugl stammt. Dieser erzählt, daß er als Pfarrer in Unter-Cerekau viel mit Rabbinen verkehrt hatte, um zu erfahren, was für eine Lehre fich in ihren Büchern befindet. Die Rabbinen wohnten nicht in der Pfarre, sondern mieteten für die Zeit der Zusammenkünfte eine Wohnung. Zum Pfarrer Jugl kamen fie um 4 Uhr früh und blieben bis 8 Uhr, dann weilten fie bei ihm von 1 Uhr bis 4 Uhr nachmittags und von 1ja7 Uhr bis Va10 Uhr abends. Als er in den jüdischen Schriften genügend bewandert zu sein glaubte, trat er an den bedeutendsten dieser Rabbinen, an Morenu Matus, Sohn des Abraham, der aus Lublin stammte, mit der Bitte heran, ihm auf Grund seiner Kenntnisse den Morenutitel zu verleihen. Der Rabbi sträubte fich, den Ehrentitel einem Christen zu geben, der noch dazu ein Judenfeind war. Der Pfarrer aber wendete dagegen ein, daß seine Zugehörigkeit zum Christentume der Verleihung des Titels nicht hinderlich sei, da man ja auch einen Türken Herr, Meister oder Rabbi nennen könne. Nach langem Verhandeln gab Rabbi Matus dem Pfarrer ein hebräisch geschriebenes, mit seiner Unterschrift gefertigtes und seinem Siegel versehenes Dekret, welches in der Handschrift im Original wiedergegeben und ins Tschechische übersetzt wird. Als Maria Therefia durch eine Verordnung vom 18. Dezember 1744 den Juden den Aufenthalt in Böhmen untersagte, begann der Pfarrer von St. Castulus als diplomierter jüdischer Rabbi das erwähnte tschechische Werk über die Juden zu schreiben. Es zerfällt in 17 Kapitel uud behandelt: 1. Den Versöhnungstag, bei welcher Gelegenheit der Verfaffer über zeitgenöstische Verhältniffe spricht; 2. den priesterlichen Segen, wobei er die Handlungsweise vieler christlicher Priester verurteilt; 3. das Sukkothfest; 4. Simchas-Thora und den Putz der Frauen; 5. Chanuka; 6. Esther-Fasttag; 7. die Sedernacht; 8. u. 9. Passah; 10. Schwuoth und Tischo-be-ow; 11. auf welche Weise die Juden den Titel eines Rabbi oder Morenu, d. i. eines Doktors der Wissenschaften verleihen; 12. wie die Juden die christlichen Heiligen lästern; 13. die Lästerung des Altarsakramentes durch die Juden; 14. den jüdischen Eid; 15., 16. u. 17. die Messiasidee. Das Werk ist voll von Judenhaß und von verleumderischen Angriffen auf die Juden. Es befindet fich darin eine Menge von Verdrehungen von Bibel- und Talmudstellen, wie fie ja heute noch in der antisemitischen Pseudoliteratur so häufig Vorkommen. Durch die Erlangung der „Morenu" wollte offenbar der katholische Priester die Glaubwürdigkeit seiner Schriften erhöhen. Die Kapitel, welche über die jüdischen Feiertage handeln, enthalten sehr viele Beschreibungen der Sitten und Gebräuche jener Zeit und wäre das Werk aus kulturhistorischen Gründen einer näheren Untersuchung wert. *) Die Kralitzer Bibel ist eine sechsbändige von acht Angehörigen der Sekte der böhmischen Brüder in den Jahren 1579—159K herausgegebene Uebertragung des Originals des Alten und Neuen Testaments ins Tschechische. — Sie führt ihren Namen nach dem Druckorte Kralitz bei Brünn. **) Ueberfichtliche Geschichte der tschechischen Literatur vor» F. Plseck-, Bd. I., S. 81.