Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021970--20593-3045641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite Dr. Blychs WochMschrift Nr. 42-. noch vor einer anderen Form der christlichen Nächstenliebe, die sich in Proselytenmacherei äußert. Man kennt die Anstalt d-a polnischen Gräfin Ogiuska, wo Hunderte von jüdischen Pfleg kindern rn christlichem Geist erzogen und schließlich gelaust werden. D?r nlederösterreichische LandeAausschuß zahlt für jedes solche Pflegekind 15 K monatlich. Würde man drese Summe verkuppeln, so könnte man die jüdischen elternlosen Koftklnd.r auch in einem jüdischen Wmseuhause arifzieheu. Hi r harrte der jüdischen Wohltätigkeit eine grüße Aufgabe. Es find hunderte Kinder für das Judentum zu retten, welche in Anstalten und bei Privaten der Taufe,, dem Haß uuv, wie der Gerichtsfall zeigt, oft einem Martyrium ausgesetzt werden. Die Stellung des Judentums zrrrn Staat. Von Prof. Dr. U. Brettholz. (Schluß.) Sicherlich durfte ein Gabriel Rießer in seiner aufgeklärten Zeit es wagen, unerschrocken und selbstbewußt aufzutreten, und das Recht, das volle Bürgerrecht für seine Glaubensgenossen zu fordern, ohne um teilweise Zugeständnisse zu betteln, „denn Bescheidenheit, wo es sich um Beachtung des Rechtes handelt, ist — Feigheit". Und doch war Gabriel Rießer einer der Besten und Edelsten seines Volkes — ich meine der deutschen Nation, wie es. ja am allerbesten fein Ausspruch charakterisiert, daß er diese Emanzipation beinahe zu opfern imstande . gewesen wäre, wenn er damit die politische Einheit hätte erkaufen können. Kann man einem solchen Manne sein deutsches Herz absprechen? „Ist es nicht merkwürdig," meinte er, „um die Polen zu Deutschen zu machen, scheut man kein Opfer, wir Juden wollen deutsch fühlen, deutsch denken — uns stößt man mit Faustschlägen zurück, so wir an unserer Religion keinen Verrat üben wollen." Betrachten wir demgegenüber die Beispiele, die uns die Geschichte liefert, sie zeigen, baß in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten die Juden glänzende Vorbilder dafür gegeben, wie man patriotisch sich betätigen und dabei ein guter, treuer Sohn seines Volkes und seiner Religion bleiben kann. Die erquickende, neu belebende Luft, die warmen Sonnenstrahlen der aufgehenden Freiheit haben sehr viele derart geblendet, daß sie, um ja alle Leiden des Ghettos zu vergessen, um die dumpfen Erinnerungen ganz auszulöschen, sich entschlossen haben, ganz „unterzutauchen", wie das „fromme" Stichwort lautet. Wenden wir uns nun der unmittelbaren Gegenwart zu. Es wird uns noch jetzt in manchem Kulturland der Vorwurf gemacht, wir Juden können, dürfen nicht gleichberechtigt sein, ha wir mehr oder weniger als „Fremdkörper" im Staate unser Leben fristen. Ich hätte es wahrhaftig nicht für mögliche gehalten, und noch vor zwei Dezennien, als ich in Deutschland studierte, erschien es mir wenigstens ausgeschlossen, daß in unserer Zeit im Deutschen Reichstag ein Vertreter der Regierung den Mut finden würde, die Zurücksetzung der Juden damit zu begründen, daß man der Mehrheit der Nation Rechnung tragen müsse, ihre Gefühle nicht verletzen, „christlichen Untergebenen keine jüdischen Vorgesetzten geben dürfe." Ist es menschenmögliche eine solche Aeußerung auch nur einen Moment ernst zu nehmen. Deshalb soll es keine jüdischen Offiziere geben! Das ist eine schwere Beleidigung, eine tiefschmerzende Kränkung, ich möchte fast sagen, eine Belohnung um einen Ansporn seitens der Regierung, den Juden minder zu achten. Haben nun die deutschen Juden eine solche Behandlung auch im entferntesten verdient? Was berechtigt die deutsche Nation, den deutschen Juden eine solche Schmach anzutun? Wollten, sich die Herren Alldeutschen doch, einmal bei ihren Verbündeten umsehen: in Italien bringt es der Jude zum Kriegsminister, zum Botschafter, zum Ministerpräsidenten, in Oesterreich zur Erzellenz, ja selbst im klerikalen Oesterreich zum General-Ingenieur (der General-Ingenieur ist der erste Mann nach dem Marineminister), zum Generalstabsarzt usw., und in Deutschland soll den Juden diese Fähigkeit gänzlich abgehen, der deutsche Jude soll ein inferiorer Stammesgenosse sein!! Ich bedanke mich für die Verteidigung, „es gäbe auch anständige Juden". Ich will die Leser Ihres Blattes nur an den Ausspruch erinnern, den einst Dr. Bloch als Abgeordneter einem Judenfresser im österreichischen Reichsrat zugerufen: „Habt ihr denn nur .ausschließlich das Recht, Lumpen zu besitzen, darf sich nicht auch einmal einer zu uns verirren!" — Eine treffende und treffliche Antwort! — Und wenn jüngst ein Großgrundbesitzer an Dr. Rathenau ein Schreiben richtete, in dem er meinte, die Juden seien nicht englisch, nicht deutsch, nicht italienisch, sondern einzig und allein jüdisch und diese an sich höchst schätzenswerte Eigenschaft, die feste Stammeszugehörigkeit, welche noch durch die Stammesreligion erhöht wird, mache aus dem Juden einen „Fremdkörper" im Staate, so befindet sich der Herr in einem ganz gewaltigen Irrtum. Im Gegenteil, man darf uns gerade den umgekehrten Vorwurf machen, die Juden sind päpstlicher als der Papst, englischer als der Engländer, ungarischer als der Ungar, deutscher als der Germane, französischer als der Franzose, irredentistischer als der Italiener, kroatischer als der Kroate usw. usw. Der Jude ist der größte Chauvinist, er vergißt in . derir 'Jetztzeit nur zu leicht seine Herkunft, die Pflichten gegen seine Gemeinschaft. Mit welcher UeberlegeNheit blicken nicht die'deutschen Juden auf die des Ostens herab. Wer ist noch /empfindlicher, wessen Ohr ist noch so kitzlig bei' einer mangelhaften ' Aussprache nur eines deutschen Lautes wie das — eines :, deutschen Juden! Und nun will man diesen Glaubensgenossen, die an ihre Vergangenheit so gar nicht erinnert sein -vollen, ihr Deutschtum abstreiten. Wer ein ungetrübtes Urteil über die Zugehörigkeit der Juden zu den Nationen gewinnen will, dem kann nur der Rat erteilt werden, er werfe doch einmal einen Blick nach > Oesterreich hinüber. In Oesterreich haben wir Polen, Deutsche, Ungarn, Slowenen, Italiener jüdischen Glau- Z bens, also in einem und demselben Staate haben wir Juden keiner einheitlichen Nation, geschweige denn in den verschiedenen Staaten!! Es ist ja auch erwiesen und. fest dokumentiert, daß im österreichisch-französischen Heere sich ungefähr 15.000 Juden gegenüber standen, im französischen Heere waren über 350 Offiziere, wieviel jüdische Soldaten fochten heldenmütig Schulter an Schulter mit den deutschen Kameraden, umgekehrt auch 'so die französischen Juden; ist es aber auch nur ein einziges Mal vorgekommen, daß der deutsche Jude sein Gewehr weggeworfen hätte, weil ihm der französische Glaubensgenosse feindlich gegenüberstand?! Im Jahre 1866 sollen über 20.000 Juden in beiden Heeren gedient haben,- ist auch nur ein einziger Fall von Unzuverlässigkeit zu ver- .zeichnen?! Abgesehen von jeder patriotischen Gesinnung, ist denn auch nur die materielle Möglichkeit vorhanden, daß die Juden der gegenseitigen Heere sich verständigen? Fort.also mit solch naiven, einfältigen Beschuldigungen, die doch nicht so dumm sind, von den aufgehetzten Massen nicht geglaubt zu werden. — Kein Staat der Welt hat so viele Verpflichtungen den Juden gegenüber als gerade der deutsche, ist doch unlängst ziffernmäßig nachgewiesen worden, daß 80 Prozent der Gesamtjstden 'deutsch sprechen! Aber angenommen, die. Juden bildeten gar eine Nationalijtät für sich, .wie dies seit einiger Zeit in Galizien der Fall sein soll, wgs ergibt sich. daraus?.; Leben nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.