Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021970--20592-3045640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 42 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVIII Zentralorgan kür die gesamten Ilnteressen des Zudentums. -n"~™p- Wien, 20. Oktober 1911 Brscbetnt jeden LreLtag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Halbjährig 8 Kronen'. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petttzeile 24 Heller. ' Ä. ft. Pofisparkaffenaml Sleartng-Verk ebr «r. 810.976.. Redaktion und Administration: » BPirn EX/i, Hahngasse Nr. 15. Inhalt: Leitartikel: Semitischer und antisemitischer Haß. — Die Stellung des Judentums zum Staat. — Ein tschechisches Werk aus dem Jahre 1745 über die Juden. Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Chacham Baschi über die italienischen Juden in der Türkei. Juden in Portugal. Eine große jüdisch: Ackerbaukolonie in Amerika. „Groß"-Wien und „Klein"-Wien im Zeichen der Teuerung. Eine Expedition zur Aufdeckung der Königsgräber in Jerusalem. Schwarze und weiße Juden Indiens. —Korrespondenzen: Wien. Arisches Christentum. Assimilationsblüten. Zborow. Steuer auf den Friedhofsbesuch. Neudorf. Berlin. Breslau. Hamburg. Von den Kongressen in Turin. Tolmatschow als Beschützer der Frömmigkeit bei den Juden. Erpressungsversuch mit einem antisemitischen Preßprodukt. Die Juden in der Petersburgers Kunstakademie. Der Pogrom in Osch. Zur Chief-Rabbifrage in England. 30.000 Pfund Sterling für Legate. Besorgnisse in Wales. Er muß „Levy* bleiben. Organisation der jüdischen Landwirte in Argentinien. — Vermischtes.— Feuilleton: Das fremde Haus. Die Juden in der Musik. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Semitischer und ««tisemitischee Haß. Eine Verhandlung am Wiener Kassationshof hat die Oeffentlichkeit mit einem unerhörten Fall antisemitischen Hasses bekannt gemacht. Eine jüdische Dienstmagd war im Feuer der Sinne verunglückt. Sie gab, wie so viele Genossinnen ihres Schicksals, das Kind zu einer Bäuerin in Pflege und alle Teile waren es zufrieden. Das Kind hatte seine richtige Pflege und gedieh, die Mutter hatte keine Last bei sich, die ihr das Fortkommen unmöglich machte, und die Bäuerin hatte einen baren Zuschuß für ihre Wirtschaft. Die ganze Angelegenheit, die doch ein Menschenschicksal in sich barg, war in Ordnung und geregelt, hätte ihre Entwicklung ohne Störung nehmen können. Aber gerade der berufene Vertreter der christlichen Barmherzigkeit, der griechischkatholische Pfarrer des Wohnortes der Bäuerin war empört über so viel Menschlichkeit. Er setzte der Pflegemutter des jüdischen Kindes aus allen Kräften wegen ihrer Schandtat zu, er wiegelte das Dorf gegen sie auf und donnerte sogar von der Kanzel herab gegen die mitleidige Pflegemutter, welche ein jüdisches Kind bei sich im Hause dulde. Ja, eines Sonntags sprach er gegen die Arme sogar eine Art Kirchenbann aus. Er predigte nicht etwa über das Thema': „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", sondern zog über die Bäuerin los und warnte die anderen Frauen vor einem gleichen Vorgehen. Die Bäuerin hatte nun offenbar vor, das Kind seiner Mutter zurückzugeben. Sie kam mit ihm nach Lemberg zu dem jüdischen Dienstmädchen. Aber wie schon Frauen sind, wenn sie einen Entschluß fassen sollen, reute sie im letzten Augenblick offenbar das Kostgeld und sie erzählte dem Dienstmädchen nur, sie habe das Kind mitgebracht, um zu zeigen, wie schön das Kleine aussehe. Als jedoch die Bäuerin wieder in das heimatliche Dorf zurückkehrte, setzte der Geistliche die Hetze wieder fort und wies die Pflegemutter scharf von der Beichte zurück Nun muß man wissen, was die feindselige Haltung des Pfarrers in einem Dorf für einen Bauern und noch viel mehr für ein Weib bedeute, das mit dem Herzen an der Kirche hängt. Sie kommen aus der Kränkung und Aufregung nicht heraus, sie werden gemieden und in ihrem Erwerb gestört. In einem Zustand solcher Erregung faßte nun die Pflegemutter einen verhängnisvollen Entschluß. Sie beschloß, der Sache ein gewaltsames Ende zu machen. Man darf ihr^ wohl glauben, daß sie mit dem Kinde zusammen, das sie zärtlich liebte und pflegte, Selbstmord begehen wollte und in letzter Minute zum zweiten Akt der Tragödie den Mut verlor. Das Kind hatte sie jedoch bereits in den Dorfbach geworfen, wo es ertrank. Die Täterin wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und nur die Gnade des Kaisers kann sie retten. Dem Geistlichen aber geschah nichts, diesen edlen Mann der Gottesfurcht und Liebe, der es durch feine Wirksamkeit und seine Hetze gegen ein hilfloses und unmündiges Kind glücklich erreichte, daß dieses ums Leben kam und seiner Pflegemutter der Galgen droht. Dieser Fall, der so zum Herzen schreit, beweist so recht die tiefe Niedrigkeit der „Gesinnung der Kanaille", des Antisemitismus und die Vergiftung, die er in breiten Schichten anrichtet. Es ist aber auch eine scharfe Illustration zu den Worten des Wiener Bürgermeisters Dr. Neumayer, der von seinem amtlichen Platze aus die lächerliche Weisheit vom „semitischen Haß" auskcamte. Die jüdische Lehre verlangt von ihren Bekennern kategorisch die strengste Betätigung der Menschenliebe, die antisemitische jedoch fordert Schußgeld auf die Juden, Pogroms und die Bedrückung Unschuldiger. Wenn nur die Behörden endlich begreifen wollten, daß diese Predigten der Roheit in ihren Wirkungen bei den Juden nicht stehen bleiben, sondern im letzten Ende den Kampf aller gegen alle erzeugen. Es ist nicht zu glauben, daß diesmal gegen einen Säugling gehetzt wurde, und wenn nichts den Antisemitismus auf das tiefste verurteilt, so ist das dieser Mord in der Nähe der Landeshauptstadt Lemberg. Er zeigt übrigens noch auf eine Erscheinung hin, der mehr als bisher begegnet werden sollte. Es ist dies das Martyrium, das jüdische Kostkinder gewöhnlich zu erleiden pflegen; werden schon die anderen Pflegekinder von ihren gering bezahlten Pflegeeltern meist herumgestoßen und vernachlässigt, so ist das bei jüdischen Pflegekindern noch weit mehr der Fall, wenn sie in nichtjüdische Hände geraten. Die Feindseligkeit gegen die Juden martert schon diese zarten Wesen, welche besonders geschützt werden müßten. Uebrigens sollten sie nicht nur vor dem Antisemitismus bewahrt werden, sondern 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.