Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-13 · 41 (13.10.1911) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
41 (13.10.1911)
Date
1911-10-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021969--20583-3045630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 41 Monate und Jahre verflossen, die Rekurse des Vorstandes wegen der Nichterledigung des Exekutionsverfahrens an die Statthalterei blieben bisher ohne Erfolg und sind wir jetzt begierig, zu erfahren, Wie sich das hohe k. k. Ministerium zu diesem Vorzange über unsere am 22. Angust 1911 überreichte Beschwerde verhalten wird. Die Gemeinde soll zahlen! — natürlich ohne Unterstützung seitens des Staates, woher fie aber das Geld bei der immer geringer werdenden Mitgliederzahl nehmen soll, darum scheinen sich die politischen Behörden wenig zu kümmern. Ist dieser Vorgang nicht geeignet, selbst zahlungswillige Mitglieder davon abzuhalten, ihren Verpflichtungen nachzukommen? Man ersteht wenigstens aus diesem Beispiel, wie rofig es mit den Kultusgemeinden am Lande in Bälde bestellt sein wird! Tripolis. Tripolis steht infolge des Krieges im Vordergrund des öffentlichen Jntereffes. Die Stadt Tripolis, die ihren Namen mit dem ganzen Wilajet gemein hat, bietet schon von der Seeseite aus das Bild unverfälschten Orients, lieber die flachen Dächer der weißen Häuser, die von glühender afrikanischer Sonne bestrahlt werden, ragen die Kuppeln der Moscheen, und die schlanken, spitz zulaufenden Minarets. Die Stadt hat auch eine griechische und eine katholische Kirche und mehrere Syna gogen. Der Hafen zeigt stets ein lebhaftes Treiben; Barken und Ruderboote schaukeln zwischen den Seeschiffen. Unter den Kolonaden der Basare sitzen die Händler und Kaufleute, hauptsächlich Juden; auf den Hauptstraßen ein Gewirr von Ausrufern Maultiertreibern. Daß man sich im Reiche des Islam befindet, zeigen, wenn man Glück hat, religiöse Umzüge; Marabuts, die Derwische des nördlichen Afrika, ziehen hinter der grünen Fahne des Propheten laut betend und riefige Trommeln schlagend einher. Eine alte Ueberlieferung unter den Tripolitaner Juden besagt, daß bereits unter der Dynastie der ägyptischen Fatimiten die Juden von der Oase von Pcssato die älteste Gemeinde in Tripolis begründeten. Andererseits erwähnt der berühmte jüdische Reisende Benjamin von T u d e l a, der in der letzten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch Nordafrika reiste, und Tunis und Alexandria besuchte, nichts von einem Vorhandensein von Juden in Tripolis. Als die Juden im Jahre 1492 aus Spanien verbannt wurden, verließen fie auch Tripolis, das damals einen Teil der Besitzungen Ferdinands des Katholischen bildete. Sie fiedelten sich dort nicht eher wieder an, bis im Jahre 1551 Tripolis in den Besitz des Sultans Suleiman, des Herrlichen, gelangte. Die Familiennamen der Juden von Tripolis zeigen, daß niemals spanische Juden in großer Anzahl in der Stadt wohnten. Denn jüdische Namen spanischen Ursprungs wie sonst in der Türkei, wie beispielsweise Toledo, Carmona oder Tarregona, findet man dort nicht, dagegen nennen sie sich A r b i b, Hassan, Halefi, Rakah, Tay a, Tamam usw. Ueberdies widmete der jüdische Reisende Benjamin II. besondere Aufmerksamkeit der Tatsache, daß die Familie von Cylva von spanischen Marannen abstammte, die in einer unbekannten Zeit in die Stadt gekommen waren. Im Jahre 1850 befanden sich in der Stadt Tripolis 1000 jüdische Familien mit 8 Synagogen und einigen Talmudschulen/ während die geistigen Interessen der Gemeinde in Händen von 4 Rabbinern lagen. Heute befanden sich etwa 13.000 jüdische Seelen in der „Hara" (Ghetto) zu Tripolis, die eine Reihe bedeutender rabbinischer Schriftsteller hervorgebracht hat. Die Verwaltung der Gemeinde, die eine jährliche Taxe von 5000 Fr. für die Befreiung vom Militärdienst im alttürkischen Reiche zahlte, liegt in den Händen eines Hauptrabbiners, dem 4 Richter zur Seite stehen. Die „Alliance" unterhält in Tripolis mehrere Schulen. Die Stadt Tripolis wird auf reichlich 40—50.00 Einwohner geschätzt. Fest steht jedenfalls, daß mehr als ein Viertel der Bewohner nicht dem Islam angehört. Denn etwa 8000 Juden und 3000 Christen find in der Hauptstadt ansäffig. Die letzteren find zum allergrößten Teil Maltesen und Italiener; die Juden haben fast den ganzen Handel in der Hand und bewohnen das Stadtviertel Harra ganz für sich. Allgemeine Verkehrssprache ist Arabisch; Türkisch wird nur mit den Behörden gesprochen; die jüdischen Kaufleute verstehen auch meist Italienisch. Der Handel ist an sich recht bedeutend, nimmt aber doch schon seit längerer Zeit Seite 885 nicht mehr zu, und die Ein- und Ausfuhr dürfte je acht Millionen Mark betragen. Darin ist allerdings der Gesamthandel des Landes eingeschloffen; da aber die Ein- und Ausfuhr fast völlig über die Stadt Tripolis geht, so find deren Handelsziffern identisch mit denen des ganzen Landes. Der Karawanenhandel, der sich über Mursuk bis tief ins Innere Afrikas erstreckt, wird nämlich mehr und mehr durch die Bestrebungen Englands und Frankreichs beeinträchtigt, die dahin gehen, die Güterdurchfuhr nach den eigenen Kolonialgebieten abzulenken. So wird Tripolis als Durchfuhrland allmählich wohl gewiß völlig seine Bedeutung verlieren, und der Warenaustausch wird sich späterhin auf den Bedarf des eigenen Landes beschränken. Unfern Glaubensgenoffen ist es dort unter türkischer Herrschaft gut ergangen. Berlin. Der die Zeit vom 1. Oktober 1909 bis 31. März 1911 umfaffende Geschäftsbericht des Verbandes der Deutschen Juden ist reich an interessanten Einzelheiten aus den Gebieten, denen der Verband seine Tätigkeit widmet. Diese Gebiete sind folgende: 1. Apologetik. 2. Schutz religiöser Interessen (Sonntagsruhe, Einstellung jüdischer Rekruten an Feiertagen, Maßnahmen zum Schutze des Schächtens). 3. Schulangelegenheiten (Wiedereinführung der Religionsprüfung jüdischer höherer Lehramtskandidaten in den Reichslanden). 4. Bekämpfung von Zurücksetzung und Ausnahmebehandlung (Zurücksetzung in der Zulassung za Aemtern, Ausnahmebehandlung in anderen (Zurücksetzung in der Zulassung zu Aemtern, Ausnahmebehandlung in anderen staatsbürgerlichen Beziehungen). Der Apologetik war eine Nummer des Korrespondenzblattes gewidmet. Rabbiner Dr. B a e ck-Düffeldorf wurde beauftragt, ein apologetisches Werk zu schreiben. Ferner wurde die Einrichtung einer apologetischen Bibliothek, bezw. eines Zettelkatalogs und eines Archivs beschlossen und zum Leiter dieses Archivs Herr S. Bernfeld- Charlottenburg ernannt. Abteilung 2 und 3 seien, da deren Leistungen bereits von Fall zu Fall mitgeteilt worden find, hier übergangen. In Abteilung 4 hat der Verband durch nachhaltiges unermüdliches Fordern der durch die Gleichberechtigung gewährleisteten Rechte, unterstützt durch statistisches Material, kleine Fortschritte zu verzeichnen. Trotzdem bleiben in Preußen den Juden der Offiziersberuf, das Schuldirektorat, die ordentliche Univerfitätsprofessur, das Amt eines Eisenbahndirektors (zwei ungetanste Juden bringen es nicht über den stellvertretenden Präsidenten, während ein Jude, der sich taufen ließ, Ministerialdirektor geworden ist) rc. verschloffen. Jerusalem. Ein Problem, das die größte Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit erfordert, ist das Problem der jüdischen Arbeit für jüdische Arbeiter. Es ist eine Tatsache, daß von der jüdischen Bevölkerung hauptsächlich die bedürfnislosen und daher billigeren arabischen Arbeiter benutzt werden. So werden in der Kolonie Pithach Tikwah zu Zeiten 2000 Araber beschäftigt. Andererseits dürfen die Araber nicht brotlos gemacht und so die Beziehungen zur arabischen Bevölkerung aufs schwerste getrübt werden. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, welches dringende Interesse wir daran haben, Hunderte brotlose Juden als Arbeiter erwerbsfähig und ansäffig zu machen, aber im Hinblick auf unser Verhältnis zur arabischen Bevölkerung darf in diesen Bestrebungen nur vorsichtig und schonend vorgegangen werden. Ruhestörungen bei der Klagemauer von Jerusalem. Alljährlich am Rosch-Haschonohfeste pflegt bei der Klagemauer ein eigener Gottesdienst abgehalten zu werden. So war es auch Heuer. Es hatte sich eine Betgemeinde von ungefähr 30 Männern und ebenso viele Frauen eingefunden, um daselbst die Festgebete zu verrichten. Laut einer neuerlichen Verfügung wurde Heuer zum ersten Male zur Abscheidung der Männer von den Frauen eine Scheidewand aufgestellt. Mitten in der Andacht kamen mehrere Araber aus dem Hinterhalte hervor und begannen den Gottesdienst durch lauteS Gebrülle zu stören und den Gottesdienst zu verhöhnen. Als fie von den Dr. Blochs WochMchrifl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.