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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-13 · 41 (13.10.1911) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
41 (13.10.1911)
Date
1911-10-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Dr. Wachs W-cha«rift s«- ' Norrespondenzen. Nr. 41 den Triolen der Begleitung klingen wie die Triumph-Fanfaren eines Einzugschores. So wie das Innere unserer Tempel keine kahlen Wände, sondern reichen Farbenschmuck zeigt, weil das reich entwickelte Ornament der lebhaften jüdischen Phantasie entspricht, so bescheidet sich hier der Komponist nicht mit einem leblosen Choralstyl, sondern wendet bei aller Vornehmheit der Form doch eine gewisse weltliche Note an und ruft immer wieder ein frisches, lebendiges Empfinden wach. Wenn der Ausdruck gestattet ist, möchte ich sagen — er langweilt eben prinzipiell nicht, auch nicht zu Gunsten einer musikalischen Scheinheiligkeit. Dafür lebt in den 3 Nummern des adonoj, adonoj der Ausdruck innigster Gottesverehrung auf. In dem zweiten weint ein Menschenherz! Ich kenne nur altitalienische Kirchen-Arien, die in so todesmüder Büßfertigkeit und seelischer Zerknirschung alles Weh von der Seele weinen! Der C-dur l’cho adonoj ist natürlich wieder ganz die Domäne des rhythmisch tapfer zugreifenden Komponisten, ebenso bilden die kleinen aschre joschwe-@äi$e reizvolle Kleinarbeit innerhalb einer begrenzten Melodik. An den verschiedenen Nummern des Ez chajim merkt man, was es heißt, seine Ausdrucksweise konzentrieren lernen. Nicht bloß das Schönheitsmerkmal der Phantasie bestimmt den Wert dieser Kompositionen, sondern hinzu tritt noch die fast mathematische Anordnung und Gliederung der melodischen Linie im Zusammenhang von Solo und Chor. Die bange, langatmige Choralmelodie spart der Komponist für - die S e e l e n f e i e r sich auf und da ist sie auch am Platze. Hier, angesichts der Vergänglichkeit, tritt das bleiche Kolorit der edlen, einfachen Moll-Melodie mit aller Blässe umso greller zu Tage, weil innerhalb des übrigen Gottesdienstes die lähmende Wirkung eines Moll-Satzes durch übermäßigen Gebrauch nicht abgeschwächt wurde. Als Gemeindegesang ist dieses deutsche Lied „wenn der Sorge Last dich drückt" vorzüglich getroffen. Bei den einzelnen Strophen des Tal-Gebetes haben wir es eben mit einem Strophenlied zu tun, soweit der Chor in Betracht kommt, während der Text, vom Kantor gesungen, sich in Anlehnung an den wechselnden Wortlaut weiter entwickelt. In dieser leicht absetzenden akzentuierten Talmelodie schallt es wie Schalmeienklang über grünende Wiesen und Felder. Lieblich prägt sie sich ein uud je öfter sie der Chor übernimmt, desto vertrauter klingt sie in ihrer direkt anheimelnden Form und sie hört auch im Innern nicht auf zu tönen, wie der Gesang eines Volksliedes. Das Religiöse und allgemein Menschliche soll in diesen trauten Weisen wirken ohne jede nationale Färbung. Die nun folgenden zwei Keduschah-Kompositionen find wirkliche Festgesänge. Nichts Versonnenes und Ueberdachtes klingt aus diesen Tönen, vielmehr der Freudendrang innerlich freier Naturen stimmt hier hochgemut seinen Lobgesang auf den Höchsten an. Glücklicher Künstler, dem das harte Leben nicht diese Töne der Freude von der Harfe im Herzen verscheuchte! Und welche Rücksicht waltet dabei für die Singstimme; sie bestimmt bloß den rhythmischen Weg; die glitzernde Farbe übernimmt das begleitende Instrument und da ist fortreißende Bewegung in Ober-, Mittel¬ und Unterstimmen! In der Einleitung zu den Priestergesängen, im w’sseeraw umwölkt sich die Stimmung; düster und ernst wie das Gedenken einer fernen, fernen Heimat, mit der nur der religiöse Gedanke noch verbindet, kommt es in wehmütigen Klagetönen aus dem nachfolgenden alt-chasonischen Stil. In diese Phantasie verlor sich kein Hauch modern musikalischen Empfindens, man blickt in die fleinalten Züge unserer jüdischen Sangestradition. Und im Anhang in den Gesängen für den Jugendgottesdienst nimmt der Jugendbildner das Wort. Er weiß wohl, daß er den jugendlichen Kehlen kein Tünchen zu viel zumuten darf und bei aller Reserve hört die Gesangsfreudigkeit in diesen Jugendgesängen doch nicht auf. Die Betonung des Traditionellen betrachtete Kirschner als eine Pflicht der Dankbarkeit gegen die Vergangenheit, aber ebenso beansprucht er das Recht der Anerkennung für die eigene künstlerische Persönlichkeit, die sich mit aller Klarheit und Ehrlichkeit eines echten Komponisten in seinen Gesängen ausspricht. Sie bilden den besten Ausweis für die Ansprüche, die man an ein zeitgemäßes Kantorat zu stellen berechtigt ist. Kaiserlicher Rat Oberkantor Josef Singer. (Zu seinem 70. Geburtstage.) Sonntag den 15. Oktober d.J. begeht der Oberkantor der Wiener Kultusgemeinde i. R.. kais. Rat Josef Singer in voller Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag. Als Oberkantor Josef Singer im Jahre 1881 aus Nürnberg, wo er eine überaus geachtete Position inne hatte, zum Nachfolger Salomon Sulzers nach Wien berufen wurde, sah er sich in eine Situation versetzt, die viel schwieriger war, als sie gar Manchem scheinen mochte. Wien war der Ort der Offenbarung'jener herrlichen Gesänge, die unter dem Sammelnamen „Schir Zion" eben den Weg der Unsterblichkeit antraten und Josef Singer nahm den Platz ein, auf welchem der Prophet dieser Gesänge seiner göttlichen Eingebung bezaubernden Ausdruck verliehen hatte. Josef Singer hatte es bald heraus, daß er sich auf revolutionärem Boden befinde und daß er eine Aufgabe zu erfüllen habe: den Sulzerismus vor Mißinterpretation zu schützen. Während vor Sulz er das Gros der Lttasaniw einen wahren Horror vor der geschriebenen Note hatte und bei jedem Gottesdienste die flehenden und jubilierenden Weisen so hinaustrillerte, wie es ihm eben ums Herz war, glaubte man nach Erscheinen des „Schir Zion" jeder individuellen Vertiefung in den Text, jcber schöpferischen Kraft entraten zu können, wenn man nur S u lz e r richtig „vom Blatt zu fingen" vermag. Und hatte man den „Schir Zion" von Sängern letzterer Sorte, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten aus den verschiedensten künstlerischen Berufen zum Kantorate drängten, fingen gehört, so tat man in der Regel dem Schöpfer des Meisterwerkes unrecht, indem man den Mangel an innerem Empfinden und tieferem Verständnis in der Vortragsweise der Schöpfung selbst unterschob und so jenen Vorwurf entstehen ließ, daß Sulz er im „Schir Zion" das Alttraditionelle nicht hinreichend habe zur Geltung kommen laffen. Hierin hat Oberkantor Josef Singer eine Gefahr, sowohl für die Lebensdauer des Sulzerismus, wie auch für den traditionellen Synagogengesang erblickt. Und indem er selbst durch seinen künstlerischen Vortrag ein inniges Band zwischen Tradition und Kunst schuf, lud er seine Berufskollegen in unzähligen Aufsätzen ein, dem Meister in jene Tiefe zu folgen, aus denen er geschöpft. Und so hat er in hunderten von kritischen Artikeln und zahlreichen Reden die Chasanim singen und die Sänger beten gelehrt. Diese Rettungsarbeit zugunsten des traditionellen Gesanges im Rahmen eines „geregelten" Gottesdienstes ist das unsterbliche Verdienst Josef Singers Das liebevolle Eindringen in das noch vollständig brachliegende Quellenstudium ließ in ihm die seither von allen Fachleuten anerkannte „Steigertheorie" reisen, durch welche er so überzeugend nachwies, daß auch der alte traditionelle Gesang seine Kunstregeln hatte, auf denen sich auch moderne synagogale Vorträge aufzubauen haben. Als Kantor aus innerem Berufe und Liebe zum Fache ist es bei seiner hohen Intelligenz kein Wunder, daß er eifersüchtig darüber wacht, daß der Kantorenstand frei werde von jenen Kunstjüngern, die das Kantorat bloß als Zufluchtsstätte für Schiffbruch gelittene Sänger betrachten. Seit dreißig Jahren bemüht sich Oberkantor I o s e f S i n g e r, den Kantorenstand sozial zu heben und ihm jene Position zu sichern, die ihm als wichtigen Faktor in der Gemeinde gebührt. Dazu soll vor Allem auch jene Kantorenbildungsanstalt dienen, an deren Spitze er sich, anstatt der wohlverdienten Ruhe zu pflegen, in nimmermüden Arbeitsdrange gestellt hat. Die Ehrungen, die er nicht gesucht und ihm ungewollt zu seinem 70. Geburtsfeste zuteil werden, verdient kaiserl. Rat Oberkantor Josef Singer in vollem Maße. Sie find die Anerkennung für eine Tätigkeit, deren Spuren mit dem Abschlüsse der Aktivität nicht verschwinden.

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