Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Bkochs WochMfchrift Leite 679 Wunder vollbracht. Wer kann sagen, wie später der Kamps mit den Römern ausgefallen Wäre, wofern Einigkeit und nicht Zerrissenheit und Zersplitterung der Parteien geherrscht hätte. Aus der späteren Geschichte der Juden soll hier nur eine Episode herausgegriffen werden, die der spanischen Juden, der Glanzpunkt in der Geschichte der Diaspora. Männer unseres Volkes, unseres Stummes bekleideten die höchsten Ehrenftellen sowohl in Spanien als Portugal, ich erinnere nur an Chesdai Ibu Chaprut und Samuel Ha Nagid, und doch wie liebevoll nahmen sie sich der Gelehrten an, vne luchten sie jüdische Geschichte zu sammeln, jüdische Kultur zu verbreiten, die Glaubensgenossen zu Kulturträgern heranzubilden, was ihnen auch gelang. Niemals vorher oder nachher ist eine so reiche und nachhaltige geistige Bewegung auf allen Gebieten des jüdischen Lebens, des Judentums anzutreffe'n.t Mit ruhigem Gewissen und ohne Uebertreibung darf gesagt werden, daß die spanischen Juden sicherlich gute Patrioten, starke Kulturträger und doch die hervorragendsten Juden waren. Da können wir lernten, wie wir uns als Juden dem Staate gegenützer zu verhalten haben — dem Staate, was dem Staate gebührt — doch hem Volke, dem eigenen, feine Seele, sein Herz nicht entzichen! Und so haben die spanischen Iud-rn sich auch nach ihrer Vertreibung verhalten, shr hatten ihre Würde Uicht verloren, sie sind treue Diener anderer Staaten und Fürsten geworden, die ihre Hingebung zu schätzen wußten, aber sie blieben eingedenk ihrer Väter und deren Geschichte, blieben ergeben und opferwillig der jüdischen Sache. Ueber die häufig behandelte Emanzipationszeit will ich nicht ausführlicher sprechen, früher oder später wird überall die Gleichberechtigung nach unsäglichem, hartem Ringen erkämpft — leider häufig nur aus dem Papier! Ihre Rechte haben die Juden auch der fortschreitenden Bildung und Kultur zu verdanken, denn für uns hat sich kein Fürst, kein Volk mit der ganzen Schwere seiner Geschütze eingesetzt, um die Kultur zu verbreiten, um die Menschenrechte zu Verteidigen. (Schluß folgt.) Vom Aabrmnckt des Lebens. Zum italienisch-türkischen Konflikt. Aus Newyork wird gemeldet: Der gewesene amerikanische Botschafter in der Türkei Oskar S. Straus, hat bei der amerikanischen Regierung Schritte unternommen, daß diese zugunsten der Türkei interveniere. Straus hat auch seiner Befürchtung Ausdruck gegeben, daß die italienischen Juden in der Türkei an diesem kriegerischen Konflikt, wenn nicht bald Frieden geschlossen würde, um ihr Vermögen kommen könnten. Aus Warschau kommt die Meldung, daß daselbst zahlreiche wohlhabende junge Leute sich zu einem Freiwilligentrupp für die Türkei organisiert und bereits die Schritte unternommen haben, um die Reise nach der Türkei anzutreten. Diese jüdischen Freiwilligen wollen den Feldzug auf eigene Kosten mitmachen. Das offiziöse antisemitische Organ „Nowoje Wremja" läßt natürlich auch den türkisch-italienischen Konflikt nicht ungenützt, um seinen Lesern ein hirnverbranntes Märchen aufzutischen. So schreibt sie nach Ausbruch des Krieges: Herzl forderte vom Sultan Abdul Hamid die Uebergabe Palästinas an die Juden, was der Sultan natürlich ablehnte. Deshalb haben die Juden die Revolution angezettelt und Abdul Hamid ins Gefängnis gesteckt. Und da nun auch die Jungtürken von Herzl's Plan nichts wissen wollen, wandten sich die Juden an Italien und hetzten es gegen die Türkei auch so lange, bis es zum Kriege kam, um dann auf den Trümmern des türkischen Reiches ihr Reich aufbauen zu können ....!" „Progres de Salonique’4 erfährt aus sicherer Quelle, daß denjenigen italienischen Untertanen, die seit längerer Zeit in der Türkei leben und daher in fast gar keiner Beziehung zu Italien stehen, das Recht eingeräumt werden wird, in kürzerem Wege die ottomanische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Die Bedingung ist bloß, daß, wenn es sich um Verheiratete handelt, die ganze Familie um die Naturalisierung ansuchen und die ehrenwörtliche Erklärung abgeben muß, auch nach Einstellung der Feindseligkeiten nicht in den italienischen Staatsverband zurückzukehren. Wie uns aus Saloniki berichtet wird, haben auch mehrere Italiener mit Rücksicht auf das ungerechte Vorgehen Italiens beschloflen, die ottomanische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Die meisten italienischen Juden in Saloniki haben wie uns von dort berichtet wird, ihre Bureaus und Geschäfte geschlossen und die Türiei verlassen. Das große Bankhaus Saul und Levy Modiano hat durch die Lokalblätter an seine Kommittenten die Mitteilung ergehen lassen, daß es infolge der politischen Vorgänge gezwungen sei, die Bureaus bis aus Weiteres zu schließen. Das Bankhaus gibt die Versicherung, daß die Kommittenten keinen Schaden erleiden würden, da die Firma ihr ganzes unveräußerliches Vermögen zurücklaste, und spricht die Hoffnung aus, daß der Kriegszustand bald ein Ende nehmen werde. Zu erwähnen ist noch, daß die italienische Bevölkerung, ehe sie Tripolis verläßt, einen Kollektivappell an die Bewohner von Tripolis, u. zw. einen besonderen an die Araber und einen besonderen an die Juden erlasse, in welchem die Versicherung ausgesprochen wird, daß Jeder, ohne Unterschied des Glaubens und des Stammes, vom italienischen Sieger Freiheit und materielle Förderung erfahren werde. Die tripolitanische Bevölkerung handle daher im eigenen Interesse, wenn sie in dem .Kriege für Zivilisation und Fortschritt" Italien unterstütze. Vom arischen Meineidaberglanben. Der Antisemitismus ist ein Geschäft, und er arbeitet mit allen Fineffen des kommerziellen Lebens. So ist es wohl begreiflich, daß er auch seine Saison hat. Kurz vor Ostern beginnt die Ritualmordhetze und vor dem Versöhnungstage wird die alte Fälschung der Kol Nidre-Tendenz ausgegraben, um damit Gimpel zu fangen. So ist es begreiflich, daß ihre Organe stets nach dem Kalender schauen, um die jüdischen Feste nicht zu vergessen. Sie haben stets für uns besondere Liebenswürdigkeiten auf Lager. Nur wirkt die Sache mit der Zeit immer weniger. Durch die Wiederholung werden diese Geschichten noch fader und langweiliger, als sie schon an sich sind. Natürlich haben unsere antisemitischen Zeitungen auch dieses Mal unseren Versöhnungstag nicht vergessen und gehen wieder mit allerlei längst widerlegten Verdächtigungen gegen die Heiligkeit des jüdischen Eides krebsen. Sie benutzen auch dazu eine vor einiger Zeit in der „Köln. Ztg." erfolgte Veröffentlichung des Dr. zur. Albert Hellwig über den Meineidaberglauben, worin sich u. a. der Satz findet: „So glauben die Juden, die beim Schwören mit der rechten Hand die Thora anfassen, keinen Meineid zu schwören, wenn sie den großen Finger krümmen oder der Heiligen Schrift eine Verletzung beigebracht haben, wenn auch nur einen Nadelstich.* Hierauf hat aber Herr Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln in demselben Blatt erwidert: „Diese Behauptung ist nicht richtig Zunächst hängt nach der Auffassung des biblischen wie rabbinischen Judentums die Gültigkeit des Schwurs von keiner äußeren Handlungsweise ab, und selbst von der Ausdrucksweise nur insoweit, als die betreffende Aussage mit den Worten: „Ich schwöre", eingeleitet wird. „Wer sagt: Ich schwöre etwas zu tun oder zu lassen — der hat einen Eid geleistet, auch ohne Nennung des Gottesnamens in irgend einer Sprache oder Bezeichnung", entscheidet der jüdische Religionskodex Schulchan Aruch, Teil 2 (Jore Dea), § 237 Abs. 1. So hat denn bereits J^cheskel Landau, eine der bedeutendsten rabbinischen Autoritäten des 18. Jahrhunderts, in seinen Glossen und Gutachten (Nobadi-Jehuda zum .. Teil des Schulchan Aruch, Nr. 71), das von Hellwig nun wieder aufgewärmte Märchen (vermutlich Eisenmengerscher Herkunft) wissenschaftlich zurückgcwiesen, und aus Thora. Propheten und Hagiographen, aus Talmud und