Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 678 Dr. Bkochs WochMchM Nr. 41 den anderen nicht an. Die bisherigen christlichsozialeu Städtevertreter haben nichts anderes getrieben als die denkbar schwerste, persönliche, egoistische Korruption. Von den alten Leuten in einem neuen Gewände ist selbstverständlich nichts anderes zu erwarten. Die städtischen Wähler würden sich selbst den allerschwersten Schaden zufügen, wenn sie auf die leeren Worte christlichsozialer Schwindelprogramme hineinfallen würden. Mit Organisationswitzen werden sich die Christlich-Sozialen schwerlich mehr erretten. Allerdings haben sie einen günstigen Umstand für sich. Die verhältnismäßige Untätigkeit chrer freisinnigen Gegner in einzelnen Preßorganen und einzelnen Bezirken. Der Kampf, den die „Oesterreichische Wochenschrift" zu den Zeiten der großen Not oft ganz vereinzelt, aber erbittert gegen den christlichsozialeu Schwindel geführt hat, sollte von allen Kulturelementen auf der ganzen Linie ausgenommen werden. Die Stellung des Judentums fiutt Staut. Von Prof. Dr. U. Brettholz. Mit diesem Titel will ichmcht etwa die rechtliche Stellung beleuchten, die wir Juden nach Recht und Gesetz im Staate einnehmen sollten. Ich will mich vielmehr darauf beschranken, eine geschichtliche Darstellung in knappster Form zu geben, wie sich unsere Glaubensgenossen nach dem Verlust der Selbständigkeit zum Staate verhalten haben, wie sie zu den Völkern standen, in deren Mitte sie gelebt, wie sie sich jetzt verhalten und wie wir uns nach den Erfahrungen, die wir im Laufe der Jahrtausende gemacht haben, verhalten sollen, so wir unser Volkstum in seiner ganzen Reinheit und Erhabenheit erhallen wollen. Einer der größten Lehrer, den unser Volk hervorgebracht, hat uns bereits die Linie vorgezeichnet und den Weg vorgeschrieben, den wir einzuschlagen haben, so wir von unserer Heimat entwurzelt auf fremden Boden verpflanzt werden. Während Jesaias anderthalb Jahrhunderte zuvor den hartnäckigsten stampf um die Unabhängigkeit und Selbständigkeit den Assyrern gegenüber gepredigt, gab Jeremias jede derartige Hoffnung auf und forderte den unbedingten Anschluß an das gewaltige Babel, um sein Volk, das geliebte, vor einer völligen Vernichtung zu bewahren, da er den unbeugsamen Charakter des heldenmütigen und energischen' Nebukadnezar genau kannte. Und der große Prophet Jeremias, der als Zeuge und Zeitgenosse den Ausgang der damaligen Kriege vorausgesehen und selbst miterlebt hat, sagt uns klar und deutlich : „Suchet Euch den Ortsverhäjllnissen anzupassen, gründet Euch Familien und trachtet sie zu erhalten, sorget für das Wohlergehen des Staates, in dessen Mitte Ihr lebt, denn nm in einem wohlgeordneten Staat ist Euch Euer Dasein gesichert." Dies der Sinn der Ratschläge, die der ins Herz getroffene Prophet den Verbannten gegeben, die aus den besten Familien Judas nach Babylonien deportiert worden waren. Diese Mahnung hat ein für allemal den Juden den Weg gewiesen, den sie auf ihren zahlreichen Wanderungen zu verfolgen hatten. Aus der Fülle der Ereignisse während des zweiten staatlichen Lebens will ich nur auf einen Umstand die Aufmerksamkeit lenken, auf einen charakteristischen Zug, der uns so recht belehrt, daß tempora mutantur — von nos in illis, daß die Zeiten sich wohl ändern, aber die Menschen dieselben bleiben. Als den Exulanten die Möglichkeit geboten war, nach Palästina zurückzukchren, zogen viele es vor, in ihrer neuen Heimat zu bleiben, da Vermögensverhältnisse, Familienrücksichten oder auch Bequemlichkeit sie dort zurückhielten. Sicherlich sind unserem Stamm sehr viele verloren gegangen, manche mögen innige Sehnsucht nach der geheiligten Stätte empfunden haben/ sie begnügten sich mit einer platonischen Liebe, manche dagegen schickten reiche Spenden nach dem heiligen Lande, das gar sehr auf die Opsersreudigkeit von außen angewiesen war. Was aber hervorgchoben werden muß, ist dies, sie blieben im regen geistigen Verkehr mit ihren Volksgenossen, mit ihren palästinensischen Brüdern, was auch später der Fall war, als die judäische babylonische Kolonie nach Persien übersiedelte. Und nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß das Volksbewußtsein rege und wach erhalten blieb. Ein merkwürdiges Schauspiel eröffnet sich, diie auswärtigen Juden überbieten nun die palästinensischen an Glaubensreinheit, die räumlich Enfernten unterstützten die Heimischen nicht nur mit materiellen Spenden, sondern auch mit den Gaben des Geistes und' Gemütes. Wenngleich Nchemia gut persisch fühlte, worauf seine bevorzugte Stellung am Hofe hindeutet — er sprach und schrieb ein gutes Hebräisch, er fühlte und lebte für das Länd seiner Väter — seine Sehnsucht zog ihn nach der geheiligten Stätte, wo er durch, seinen Einfluß, seine Stellung, seinen Reichtum viel zur Kräftigung und Belebung des nationalen und religiösen Gefühls beitrug. Er tat es Esra nach : der Bestand des Judentums war arg bedroht, und nur dem energischen, rücksichtslosen, seinem-Volke treu ergebenen Esra ist die Hebung, man kann beinahe sagen „Rettung", des Volkstums zu verdanken. Wir sehen demnach, daß gute persische Bürger, deren Patriotismus niemand angezweifelt, die als höchste Beamte und Heerführer dem neuen Vaterlande vorzügliche Dienste geleistet haben, es dennoch für vereinbar, ja für die höchste Pflicht hielten, ihre Kräfte dem eigenen Volke nicht zu entziehen. Ein Beispiel für so viele einflußreiche und hochgestellte Männer unserer Zeit! Und nun gehen wir ein Jahrhundert weiter. Mag es Legende sein, sie beleuchtet so recht die Treue, die Ergebenheit und die Zuverlässigkeit der Juden, sie zeigt, daß der Staat sich im gegebenen Moment auf sie verlassen konnte. Mag Alexander der Große in Jerusalem gewesen sein oder nicht, die Juden hielten so lange zum Perserreich, wie auch nur eine Hoffnung vorhanden war, dasselbe gegen den alles beherrschenden Alexander zu verteidigen. Diese Treue imponierte selbst dem Allgewaltigen. Die Juden kamen nun in Berührung mit Griechen, mit ihrer Kultur, mit ihren Sitten und Unsitten. Griechische Kunst, griechische Philosophie nahmen die Juden gefangen, blendeten ihre Augen so sehr, daß sie die Schäden des damaligen Griechentums nicht sahen und vor dieser keineswegs auf der Höhe stehenden Weltanschauung und Lebensführung ihre eigene Lehre der Religion ihrer Väter zurüchusetzen, ja völlig zu verwerfen bereit waren. Nicht um die Treue zum Herrscher handelte es sich beim Kampf zwischen Judentum und Griechentum, diese war über allen Zweifel erhaben, hat ja selbst Antiochus der Große in mehreren Festungen jüdische Besatzungen zurückgelassen, da er auf ihre Anhänglichkeit bauen konnte. Es war auch nicht die körperliche Tüchtigkeit ihrer Volksgenossen, die die Eriechlinge zu fördern bestrebt waren : worauf sie ausgingen, das war die völlige Verschmelzung mit den Griechen, ein restloses Aufgehen im Griechentum, die Assimilation um jeden Preis. Antiochus mag seinen Beinamen Epimanes noch so sehr verdient haben, so tollkühn wird er doch nicht gewesen sein, ein so gewaltiges Ringen heraufzubeschwören, ohne daß er sich für berechtigt halten konnte, au? die Unterstützung der Mächtigen und Angesehenen zu rechnen. Der Ausgang dieses Ringens ist bekannt, der jüdische, weltumfassende Geist hat den Sieg davongetragen, die Assimilanten sind der Schmach anheimgefallen, das Andenken der Makkabäer wird in Liebe und Verehrung hoch schalten! Die echte und rechte Begeisterung, die wahre Vaterlandsliebe, der wahre Glaube hat hier wahre