Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVIII Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. -- Wien, 13. Oktober 1911 Lrscbetnt jeden FreLtsg. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Ein neuer christl chsozialer Schwindel. — Die Stellung des Judentums zum Staat. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zum italienisch-tückischen Konflikt. Vom arischen Meineidaberglauben. Die Vorgänge in Kiew. Stolypin über die Lage der Juden. Antisemitische Kunst. Die „Königin vom N.l". Die Bibel in Esperanto. Pcoflssor Giacobbe Rava. — Emanuel Kirschners neue Gesänge für Sabbat- und Festtage. — Korrespondenzen: Kniseclicher Rat Oöerkantoc Singer. Jüdische Legionen für oder gegen die Türkei? Eine Geschichte, die zwei Seiten hat. Geheimrat Dr. Wilhelm Freund achtzigster Geburtstag. Horazdiowitz. Tripolis. Berlin. Jerusalem. Ruhestörungen bei der Klagemauer von Jerusalem. Leutnant Frank Blum. Auszeichnung des Direktors des Rockefeller-Jnstitutes. — Vermischtes-. — Feuilleton: Cyrenaika in der jüdischen Geschichte. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. O0-~ -=0O "P ugapnia für Vrsterrrich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespal» 3 tene Pelitzeile 24 Heller. C, OP ■ - - Po ■ '■ "■ -i" ■» 1 ■- .Ja A. ft. Pustfxarftaffrnamt Sleartng-Verkebr Mr. 610.976. Redattion und Administration: M Virn EK/i, Hahugasse Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. ®t« neuer christlichsoflalrr Kchwindel. Der städtische Flügel. Bekanntlich suchen jetzt die Christlich-Sozialen aus allen Kräften die Tatsache von sich abzuwälzen, daß sie und nur sie an der Teuerung der Lebensmittel die Schuld haben. Es gibt auch eine Teuerung durch die Jndustriekartelle und bei dieser haben die Geßmauiten und Berganiten vielleicht noch Mitschuldige. Aber für die räuberischen Missetaten der Agrarier sind nur sie allein verantwortlich und der niederösterreichische Landtag wie namentlich auch die Landtage der Alpenläuder sind Zeugnis genug dafür. Um sich auf die großen Scharen der von ihren Pfarrern geführten Bauern verlassen zu können, wurden und werden diesen die Interessen der übergeduldigen und durch das Geschimpfe auf die Inden hypnotisierten städtischen Wählerschaft bis auf die letzten Reste ausgeliefert. Die Folgen dieser demagogischen Haltung stellten sich denn auch bald genug ein. Die von den Christlich- Sozialen überfüllten und gehätschelten, von den Großgrundbesitzern stets noch weiter gehetzten Bauern bekamen beim Essen Appetit und griff.-n mit festen Händen nach allem, was erreichbar war. Ob es nun regnete oder die Sonne schien, fanden sie stets Anlaß, eine Preisregulierung nach oben vorzunehmen und sperrten dabei die Grenzen nach allen Seiten hermetisch ab. Von den hohen Brot- und Fleischpreisen wurden die Löhne immer mehr in die Höhe getrieben, von den Löhnen die Preise der industriellen und gewerblichen Erzeugnisse, die Zinse und so war bald jene Last beisammen, unter welcher die Bevölkerung jetzt erdrückt wird und zusammenbricht. Es ist derzeit notwendig, eine Partei zu schaffen, welche die Interessen der von den Christlich-Sozialen verratenen und verkauften Stadtbevölkerung energisch in die Hand nimmt und mit größter Entschiedenheit vertritt. Und nun zeigen die christlichsozialen politischen Schwindler, deren Führer mit hohen Staalspensionen, „erworbenen" Millionen, fetten Stellen und Orden gespickt sind, eine maßlose Frechheit. Sie, die den materiellen Untergang der Wiener und der anderen Stadtbewohner verschuldet haben, melden sich jetzt als jene Partei, der man die städtischen Interessen Wiens anvertrauen soll. Der Wiener Bürgerklub hält Beratungen und Sitzungen ab, welche die Gründung einer Wiener städtischen christlichsozialen Partei zum Zwecke haben. Das ist echt christlichsozial! Die Partei, welche auch früher Glauben fand, wenn sie Arbeiter gegen den Unternehmer zu schützen versprach, Unternehmer gegen den Arbeiter, den entgegengesetztesten Ständen die entgegengesetzten Versprechungen gab und alle ihre Wähler zusammen mit dem Antisemitismus an der Rast führte, diese Partei will nun eine städtische christlichsoziale Partei bilden gegen die agrarische christlichsoziale Partei. Welcher klerikale Schwindel, welcher neue dummdreiste Betrugsversuch an der Wählerschaft! Die gewerblich-industrielle Gruppe der Städter steht heute der agrarischen gegenüber wie Feuer und Wasser, muß sie erbittert bekämpfen. Die Christlich-Sozialen aber, diese Gaukler und Zauberkünstler der demagogischen Politik, bringen das unglaubliche Kunststück zuwege, die größten Gegensätze im gleichen parlamentarischen Verbände zu vereinen. Um die Masse der christlichsozialen Agrarier zu bekriegen und zu besiegen, melden sich chcistlichsoziale Städter! Man sieht, mit welchem plumpen, auf die dickste Dummheit angelegten Schwindel die klerikalen Machtgelüste ihre Befriedigung zu erreichen streben. Wenn es not tut, wird sogar das städtisch-wirtschaftliche Programm herausgesteckt, um den verhaßten Freisinnigen Mandate abzujagen, die dann wieder im Effekt nur den Klerikalen zufallen. Denn die wenigen Städter, die gewählt werden können, sind natürlich völlig ohnmächtig gegen den großen agrarischen, christlichsozialen Verband und müssen nach der Pfeife der Landesvertreter willenlos tanzen. Es hat ja auch schon genug städtische christlichsoziale Vertreter in den verschiedenen parlamentarischen Körperschaften gegeben. Was aber haben diese getan? Herr Weiskirchner, der Vertreter des städtischen Bezirkes Alsergrund, hat jenen berühmten Ausgleich mit Ungarn geschlossen, welcher die ganze diesseitige Reichshälfte den Magyaren ausgeliefert hat. Und dann war ja noch eine große Gruppe städtischer Christlich-Sozialer vorhanden — die Majorität des Wiener Gemeinderates. Hat diese bis jetzt etwa auch nur einen Finger gerührt, um den agrarischen Uebergriffen im christlichsozialen Landtag oder im Parlament entgegenzutreten? Natürlich nicht, aus einem einfachen Grunde nicht. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, ein christlichsozialer Parteifreund greift