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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-06 · 40 (6.10.1911) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Sette »71 Nr. 4o Dr. Mochs mommm Im großen und ganzen war die Lage der Juden in der alten Türkei sehr erträglich. Sie fanden den Christen gleich. Ihre kirchlichen Angelegenheiten ordneten sie selbständig, und der Staat ließ sie vollständig M Ruhe. Dazu kam, daß sie nie eine Rebellion erregten, sondern bei Aufständen fast immer die Partei der Türken nahmen, besonders noch Während des Aufstandes der Griechen (1821, s. Pouqueville). Doch ist das 17., 18. und 19. Jahrhundert nicht entfernt so interessant für die Geschichte einzelner Juden als das 16. allein. Höchstens wäre noch das Auftreten des türkischen Juden und Messias Zwi als Stifters der noch heute bestehenden moslimisch-jüdischen Sekte der Schabbathai-Zwi (1600) tzu, erwähnen. Allein das würde ein Kapitel jür sich fordern. . §>mf Kirschkern, der jüdische Dramaturg.*) „Die Erde." Bor unseren Augen entrollt sich ein eigentümliches Drama. Ein Kampf zwischen Leben und Tod, der mit dem Siege des jauchzenden Lebens endet .... und doch eine jüdische Tragödie, ein Trauerspiel aus dem Ghetto. Denn Fanny, die lebensfrohe, in der Erde wurzelnde Heldin des Dramas, mit dem Duft des ewigen Frühlings im wallenden Haar, ist so unjüdisch, so sehr allem traditionell-jüdischen Herkommen und Wesen abhold, daß man sich füglich einen größeren Gegensatz als den zwischen ihrer Lebensanficht und der bei uns Juden als höchstes Ziel angepriesenen Moral nicht ausmalen könnte. Indem sich das Kunstwerk im Geist und Gemüt des jüdischen Lesers oder Zuschauers fortsetzt, indem es da auf eine Antipodenwelt stößt, wird es trotz des „Ende gut" zur Tragödie. Fanny will von Barmherzigkeit, von Rachmonuth und Mitleid nichts wissen, will die Kranken nicht heilen und die von der Natur zum Tode Verurteilten ihrem Schicksal überlassen. Die Kranken verpesten die Welt, füllen die schönsten Plätze mit Krankenhäusern, Sanatorien, zuletzt mit Friedhöfen, und Fanny wirft ihnen daher den Fehdehandschuh zu, sie ist grausam aus Liebe zum Leben, zum gesunden Menschen. Mit dieser frohen, irdischen Botschaft will sie ihre Familie retten, die blasse, wankelmütige, am Hellen Tage nachtwandelnde Schwester, den von Sorgen geängsteten Vater, die lebensmüde Freundin, eine Gymnafialkollegin aus der nahen Stadt, die sie zu sich aufs Land, zur „Mutter Erde" geladen hat. Doch die „Gäste aus dem Jenseits" — alle die Kranken, Siechen, Schwindsüchtigen — ruhen ebenfalls nicht. Sie haben sich den nahegelegenen Wald zum Wallfahrtsziel gewählt, der Sommer sieht sie in Scharen aufs schöne herrliche Land hinausziehen, ja der Frühling wird oft nicht verschont, und so mancher herrliche Sonnenaufgang ist schon von ihren Schatten und Seufzern verdüstert worden. Bis nach Fanny's Haus dringen die siechen Gestalten vor, und Anna, Fanny's lebensmüde Freundin, reicht einem „Gaste aus dem Jenseits", einem der vielen kranken und siechen Waldbewohner, ihre zarte, bleiche, hilfreiche Hand. Sie wähnt dabei einen Lebensinhalt zu gewinnen. Fanny haßt den Wald und seine Bewohner mit der Ungebundenheit einer gesunden Seele, die das Evangelium des Lebens kündet. Anfangs sucht sie ihren Vater dahin zu überreden, daß er den Wald kaufen, die Bäume fällen und das bisherige „Krankenasyl" in Acker und Weide umwandeln möge. Da der Vater aber darauf nicht eingeht, sinnt sie selbst auf Mittel und Wege, um den Krankheitsherd — denn das find ihr die Kurorte — beiseite zu schaffen. Endlich kommt die Ge¬ *) Anmerkung der Redaktion. Perez Hirschbein, ein ftuchtbarer Dramaturg, der sich trotz seiner Jugend schon einen ehrenvollen Platz in der jüdischen Literatur errungen hat. Er hat in Rußland zwei Jahre lang ein Theater geleitet und viel zur Modernisierung des jüdischen Theaterwesens beigetragen. Momentan weilt er in Wien auf der Durchreise nach New-Aork, in dessen jüdisches Theaterlsben er seinen Reformideen Eingang verschossen will. Wie wir hören, wird von Freunden der jüdischen Literatur zu Ehren des Gastes eines seiner Dramen aufaeführt werden. legenheit, vom Künstler mit psychologischer Feinheit motiviert. Zwei „Gäste aus dem Jenseits", darunter auch Annas Freund, haben sich im Walde ausgehängt und dadurch nach dem Ausdrucke Fanny's „die Bäume beleidigt". Nun war das Maß voll. In Nacht und Sturm reiten Fanny und ihr Freund, der naturwüchsige Meier, hinaus und stecken den Wald in Brand. Und während eine neue Hiobsbotschaft alle überrascht, daß auch die lebensmüde Anna den so sehr ersehnten Tod im nahegelegenen See gefunden hat, aber von den von Zorn gepeitschten Wellen ans Ufer gespült wurde, stimmt Fanny beim Scheine des brennenden Waldes ihre Hymne an die „Mutter Erde" an. Das, in kurzen Worten, der Inhalt des wahrlich unjüdischen Dramas. Der Styl, in sanften Tönen gehalten, mit Schatten gesättigt, verfehlt nicht feine symbolisch-mystische Wirkung auf den Leser. Man hat es Hirschbein oft übel genommen, daß er für sein künstlerisches Schaffen allgemein menschliche Themen wählt und dem in der jüdischen Literatur obwaltenden Realismus keine Reize abgewinnen kann. Ich finde nicht, daß dieser Borwurf sich in allen Punkten aufrecht erhalten ließe. Bor allem zeugt es für die Lebenskraft der jüdischen Literatur, daß sie genug Raum für verschiedene Richtungen und Schulen läßt. In Westeuropa liegt das jüdische Schaffen so arg darnieder, weil man da noch immer dem jüdischen Leben nicht mehr als ein ethnographisch-stoffliches Jntereffe entgegenbringt. Jüdische Krastausdrücke, jüdische Redewendungen und Witze, dann und wann eine ethnographisch aufgefaßte und photographisch genau kopierte Gestalt aus dem Judenghetto — damit erschöpft sich noch immer das Interesse des Westjuden für sein Volk. In Rußland hat man längst diese rein stoffliche Neugierde hinter sich, und wir find Zeugen einer aufblühenden Literatur geworden, die den Schritt vom eigentümlich-ethnographischen zum originell-künstlerischen Schaffen gewagt hat. Diese Richtung setzt nun Perez Hirschbein fort, indem er eine in der jüdischen Literatur neue Note, und zwar einen allgemein menschlichen romantischen Symbolismus, anschlägt und allgemein menschliche Kunstmittel anwendet. Hirschbein überwindet das jüdische Ghetto, indem er sich eine Idealwelt schafft, die nur von sanften melancholischen Frauen, von träumenden Jünglingen und ahnungsvollen Greisen, von Vögeln und Blumen bevölkert ist. alles in reizendem, ländlichen Rahmen, aus welchem auf uns herrliche Wiesen und klare Gewässer statt der Gaffen des Judenghettos herabschauen. Daß er auch in seiner Art variieren kann und starke Töne anzuschlagen versteht, beweist uns sein Drama „Die Erde." Wer weiß, ob wir nicht gerade der unjüdischen Elemente seines Schaffens am meisten bedürfen, ob nicht gerade das Fremdartige an ihm am meisten zu unserem Heile gereichen könnte. Denn unjüdisch ist Perez Hirschbein selbstverständlich nur eum grano salis. Nicht nur mit seinem schönen „Jüdisch-Deutsch", aber auch mit seinen Stimmungen und Sehnsüchten ist er ein Kind des Ghettos, das ausgezogen ist, ein neues Reich zu finden. Hoffentlich ist sein Findertrieb stark genug, um ihn nicht in die Irre gehen zu laffen. _ Bertold i. Atrratrrr. Hebräische Lesebücher. Es sei mir gestattet, an die vernichtende Kritik, welche Herr M. Stengel, Religionslehrer der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, an dem ersten Teile meines „Hebr. Lehrbuches" geübt hat, einige Bemerkungen zu knüpfen. Man sehe sich die Grundsätze, die Ansichten, die pädagogischen Erfahrungen, das Bnwenden der Zitate, die logischen Schlüffe in der Rezension näher an und man wird dem Urteile, zu welchem Herr Stengel gelangt, den richtigen Wert beilegen. 1. ll ist ein biblisches Wort, welches im II. B. M. in der Form orrn einige Male vorkommt; dieses wird oft verwendet, weil der 6. Buchstabe des Alphabets diesen Namen führt; es läßt sich auch leicht durch ein Bild veranschaulichen. Nach dem Grundsätze: „Mulla dies sine linea“ wähle ich es in der 4. Uebung als Paradigma und schließe daran einige Suffixe ui. '11 und später iw; dies geschieht zu einer Zeit, da

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