Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette «70 X*.WMs momwffl Nr. 40. ,- man daran erkennen, datz der kaiserliche Gesandte Oesterreichs, von Minkwitz, ein eigenhändiges Schreiben seines Souveräns an Josef überbrachte. Sokolli konnte sich deswegen nicht enthalten, die bissige und hämische Bemerkung zu machener wundere sichdatz ein Kaiser an Juden schreiben könne, die doch mit den Venezianern auf einer Stufe ständen, einem Volke, das doch ,-nur cms Fischern und Händlern" bestehe. Und dieses „nur aus Fischern und Händlern" bestehende Volk zählte zu der Zeit einen Tizian, Sansovino, Veronese, Robustzi und Vragadino unter seinen Kindern. Wem fiele dabei nicht der Leutnant ein, dem die Chefs von Welthandelshäusern als „Krämer" und Kanonenkönige „Klempner" sind. So groß war Josefs Ansehen, datz selbst nach seines Beschützers Tode niemand ihn anzutasten wagte. Der letzte Herzog von Naros starb 1579 eines natürlichen Todes. Allerdings wurde nach seinem Ableben sein ganzes Vermögen von Sokolli eingezogen. Doch geschah dies weniger aus Hatz als auf Grund eines verderblichen, im Laufe der Zeit entstandenen Gewohnheitsrechtes, nach welchem die Sultane, beziehungswckse der Fiskus sich einfach Erbrechte über die Besitztümer der reichsten Untertanen anmatzten, besonders über diejenigen reicher, Hingerichteter, hoher Würdenträger, wie Grotzveziere und Statthalter. Josef Nassy ist eine der glänzendsten und eigenartigsten Erscheinungen nicht nur des osmanischen, sondern des Judentums überhaupt. Man kann ruhig behaupten, datz er unter Selim indirekt ein ,auf der Höhe seiner Macht stehendes Weltreich beherrscht hat. Um so greller sticht gegen diese einzigartige Stellung ein Vorgang von einer Furchtbarkeit ab, wie ihn die türkische Geschichte weder vorher noch nachher, soweit osmanische Zuden in Betracht kommen, erlebt hat. Es war 1569, als im Judenquartier von Konstantinopel ein Brand entstand, der, rasend um sich fressend, 36.000 Häuser in Asche gelegt haben soll und den türkischen Geschichtsschreibern als der grötzte gilt. Die zum Löschen abkommandierten Janitscharen beschuldigten die Juden der Brandlegung und warfen sich plötzlich, statt zu löschen, auf die Wehrlosen, sie in Massen abschlachtend oder in die brennenden Häuser werfend. Es ist der schwarze Tag der Konstantinopolitanischen Judenschaft, der einzige türkische Pogrom, um mich eines modemen Ausdrucks zu bedienen. Bemerkenswert aber ist die Angabe der Geschichtsschreiber, datz nach diesem Massaker zahlreiche Juden und Christen, die sich zum Islam gemeldet hätten, den Janitscharenkorps einverleibt wurden, um der zuchtlosen Rotte neues Blut zuzuführen. Gerade für die Juden ist der Vorgang eigentlich unverständlich, wenn man in Betracht zieht, datz der Familiensinn bei ihnen besonders stark ausgeprägt war, abgesehen von ihrer religiösen lleberzeugungstreue. Und da sollten sie ohneweiteres sich unter die Mörder ihrer Eltern und Verwandten haben einreihen lassen? Man mutz für den seltsamen Vorgang eine andere Erklärung suchen. Bekanntlich ergänzte sich damals vor seiner gänzlichen Entartung die Elitetruppe der Janitscharen aus christlichen Knaben (dem Knabenzehnt oder Gefangenen aus Raubzügen-nach Ungarn, der Moldau, Steiermark und Polen), die jung ihren Eltern genommen und im Islam erzogen wurden. So verloren sie Glauben und Heimat nebst Familie und waren für immer an das Los des jeweiligen Machthabers gekettet. Wahrscheinlich sind die jungen Juden und Christen, die sich nach dem Brand und Gemetzel zum Islam meldeten, Knaben, die der Eltern und Heimat durch das Massaker beraubt waren. Einige Jahre nach Josefs Tode tauchte das dritte Gestirn des osmanischen Judentums auf. Es ist Chierra oder „Kirra die Jüdin", wie türkische Geschichtsschreiber sie nennen. Hatte Josefs Einfluss offen auf dem .Welttheater gespielt, so war Chierra berufen, mehr hinter den Kulissen ihren Einflutz ausüben und von 1582 bis 1600 eine außerordentlich mächtige Stellung am osmanischen Hof einzunehmen. Es beginnt nach dem Trunkenbold Selim unter seinem schwachen Sohne Murad dem Dritten jenes berüchtigte Weiberregiment, das von 1580 bis etwa 1660 mit Unterbrechungen andauerte und den Stqat vollkommen zerrüttete, bis 1650 die Ermordung der größten und außergewöhnlichen Sultanin-Mutter und Griechin von Geburt, Kösem, durch ihre Schwiegermutter, die rothaarige Nassin und Sultanin Tarchan, den ersten Rückschlag brachte. Der blutige und wild-grausame GrotzivMer Köprülü dämmte dann 1660 vollends die Harems- Wirtschaft ein. Und das unumschränkte Haupt dieses Weiberheeres war Baffa, die Sultanin-Chasseki, das heißt Innigste. Ihr Leben war selbst ein Roman. Als Tochter des venezianischen Gouverneurs von Korfu, des Grafen Bqffi, von Seeräubern erbeutet und den Harem Murads verkauft, wußte sie diesen trotz seiner Unbeständigkeit vollständig und dauernd zu beherrschen. Auch neben der Sultanin-Mutter behauptete sie ihren Einflutz. Es~zeugt von der außergewöhnlichen Klugheit und Gewandtheit der Chierra, daß sie mit diesen beiden Frauen sich auf den besten Fuß zu stellen wußte. Die bösartige und habgierige Baffa benutzte sie zu den vertrautesten Sendungen auch in der Politik. Als zum Beispiel Katharina von Medici ihr einen Brief schrieb, ließ die Baffa heimlich dem venezianischen Bailo Giovanni Correr den ganzen Inhalt des Schreibens durch die Chierra Mitteilen. Ihre eigentliche Machtstellung aber gewann die Chierra als Vermittlerin aller Ankäufe für den gewaltigen Harem mit seinen Heer von Bedienten usw. Das wurde die Hauptquelle ihres Reichtums. Bald gingen auch viele Staatsanstellungen nur noch durch Chierras Hand, die mit ihrer Gönnerin die Beute aus Bestechungsgeldern zu teilen pflegte. Alles murrte, aber gegen die Baffa war nicht aufzukommen. Ja, als Murad starb, wurde der Einflutz der Baffa nur noch größer unter ihrem schwächlichen Sohn Mohammed den Dritten (1592 bis 1603). Gelang es doch nur mit Mühe, einen von der Baffa gewünschten Befehl des Sultans, alle Christen im Reiche umzubringen, zu verhindern. Besonders erbost waren die Sipahis (Lehnstruppen) über das Regiment der Baffa und ihres Schützlings, der Chierra. Um einen Aufstand zu verhüten, der der Sultanin-Mutter und der ganzen Regierung den Untergang zu bringen drohte, sah der Grotzvezier Chalil kein anderes Mittel mehr, als die Chierra zu opfern. Er ließ sie (am 30. März 1600) mit ihren Söhnen zum Palaste des Grotzveziers holen. Als die Unglückliche voll Todesahnungen die Treppe zum Saale des Diwan emporstieg, fielen die dort lauernden Sipahis über sie her und ermordeten sie mitsamt den Söhnen in der schmachvollsten Weise. Ihre Leichen wurden buchstäblich in Stücke gerissen und die einzelnen Teile den Würdenträgern als Warnung an die Türen der Häuser gehängt, die sich der Vermittlung der Chierra bedient halten. Von ihren vier Söh!- nen ließ man nur den jüngsten, der den Islam annahm, am Leben. Chierras Vermögen wurde natürlich eingezog^n, und ihr Nachlaß betrug nicht weniger als fünf Millionen Aspern, eine für damalige Zeiten sehr' große Summe. Das war der Untergang der sechzehn Jahre hindurch mächtigen Chierra. Nach ihr hat nie wieder am Hofe und m der Staatsverwaltung ein Jude solchen Einfluß auszuüben vermocht. Dagegen blieben die Juden lange in den Vertrauensstellungen als Leibärzte, so daß zum Beispiel noch 1745 die in Konstantinopel rivalisierenden Mächte dadurch indirekten Einfluß zu gewinnen trachteten, daß die eine Macht den jüdischen Leibarzt des Sultans, die andere den jüdischen Leibarzt des Groß? veziers für sich zu gewinnen trachtete,