Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 De. Bkochs WochMfchrift Seite 663 Wir entnehmen diesen Bericht nicht etwa „judenliberalen Blättern", sondern dem Organ des Herrn Georg Schönerer, den „Unverfälschten deutschen Worten". Am 28. November 1890 hat vor Wiener Gerichten ein Prozeß stattgefunden, bei welchem der klägerische Anwalt Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Schneeberger den Nachweis zu führen sich erbot, „daß Herr Georg Schönerer den Ernst Schneider „Kreatur" und „Regierungshund", daß Vetter den Ernst Schneider einen „Schuft" genannt haben usw.", sowie, „daß dem Mechaniker Schneider anläßlich seiner Kandidaturen für den Reichsrat im Jahre 1885 und für den Landtag im Jahre 1889 und 1890, sowie weiters zum Zwecke der gewerblichen Agitation von Seite der klerikalen Parteiführer direkt oder indirekt reichliche Geldmittel zur Verfügung gestellt wurden. Eine Interpellation der Abgeordneten Freiherrn, von Sommaruga und Genossen an den Ministerpräsidenten hatte folgenden Wortlaut: „In einer am 28. November v. I. in den Stadtgutsälen in Sechsaus abgehaltenen öffentlichen Versammlung hat nach Zeitungsberichten der Abgeordnete Ernst Schneider in einer Rede über seine Tätigkeit im niederösterreichischen Landtage die Verwendung jüdischer Aerzte zur Pflege von Cholerakranken zur Sprache gebracht und hiebei auf die Choleraepidmie in Rußland verwiesen, wo nach seiner Behauptung infolge der Heranziehung von jüdischen Aerzten, welche alle verdächtigen Kranken in die Baracken schickten, in diesen von 70 Personen 65 starben, wofür die jüdischen Aerzte von dem empörten Volke erschlagen worden seien — ferner ein Plebiszit in Rußland in Aussicht gestellt, demzufolge sämtliche Juden in das Schwarze Meer geworfen werden sollen — sohin unter Anrufung der Gemeinschaft mit anderen Nationen des Reiches eine Revolution angekündigt, bei welcher „mit unserer", das ist der Antisemiten Hilfe „den Juden Hören und Scheu vergehen werde". Die Wirkung dieser aufreizenden Rede läßt sich daraus erkennen, daß die Ausführungen der Redners mit Zurufen der Hörer, wie „Hängt's die Juden!" „Schlagt sie tot!" „Ins Wasser mit ihnen!" begleitet und an den stärksten Stellen mit Jubel überschüttet wurden. In einer andern am 4. Dezember v. I. in der Volkshalle des neuen Rathauses abgehaltenen Vereinsversammlung, welcher angeblich an 2000 Menschen, zumeist Frauen und Mädchen, angewohnt haben, hat — gleichfalls nach Zeitungsberichten — der Abgeordnete Alois Prinz Liechtenstein einen Vortrag gehalten, in welchem er neben dcr politischen die wirtschaftliche Organisation der christlichen Bevölkerung forderte, deren Zweck sein soll: den Juden die Kundschaft zu entziehen und nur bei christlichen Geschäftsleuten zu kaufen. In beiden vorstehend erwähnten Versammlungen haben bie denselben beiwohnenden Vertreter der Sicherheitsbehörde sich nicht veranlaßt gefunden, gegen die fraglichen Reden einzuschreiten. Die Unterzeichneten stellen an den Ministerpräsidenten die Anfragen: 1. Beruhen die im Vorstehenden wiedergegebenen Mitteilungen über die am 8. November und am 4. Dezember d. I. abgehaltenen Versammlungen auf Wahrheit, und bejahenden Falles 2. Wie vermag Seine Exzellenz zu rechtfertigen, daß die Vertreter der Regierung bei dieser Versammlung die daselbst vorgekommenen antisemitischen Aufreizungen unbeanständet hingehen ließen, und endlich 3. Was gedenkt die Regierung vorzukehren, um den immer heftiger auftretenden antisemitischen Aufhetzungen wirksam zu begegnen?"- Im Abgeordnetenhause erhielt Herr Schneider eines Tages einen voluminösen Brief, den er in Gegenwart des Briefträgers und eines antisemitischen Kollegen öffnete. Der Brief enthielt einen recht netten Strick und daran einen Zettel befestigt, auf dem in lakonischer Kürze geschrieben stand: „Stampiglius häng' dich auf!" Der Einsender des Strickes und des Wunschzettels aber war kein Jude, sondern ein guter Arier und ein Parteigenosse des Herrn Schneider. Nun erhält er von der Partei, unmittelbar vor ihrem Tode, ein Landesausschußmandat, das Bildungswesen von Wien und Niederösterreich wird diesem Menschen ausgeliefert — das ist die Rache dafür, daß Wien gewagt hat, das unerträgliche Joch des antisemitischen Pöbelregimenies, das Regime der schamlosen Korruption und Ausbeulung bei den Reichsratswahlen von sich abzuwälzen. Vom Zabrmarkt des Lebens. Der italienisch-türkische Konflikt und die Inden. Der kriegerische Konflikt, der zwischen Italien und der Türkei ausgebrochen ist, wird auch für unsere Glaubensbrüder sowohl in Tripolis, als auch in der Türkei manche schwerwiegende Konsequenzen haben. In Tripolis haben die Juden den ganzen Handel zu jener Blüte gebracht, derentwegen heute Italien nach diesem türkischen Gebiete die Hand ausstreckt. Die Kriegserklärung hat die tripolitanischen Juden in einen panischen Schreck versetzt. Die dortigen Juden, soweit sie sich unter italienischen Schutz gestellt hatten und nicht türkische Untertanen find, haben Tripolis fluchtartig verlassen. Auch in den wenigen Schulen von Tripolis, nebenher bemerkt: fie werden von den Juden unterhalten, lehrt man die italienische Sprache, um den Kindern einen Zusammenhang mit der Welt zu sichern. Welche Rolle die Juden in Tripolis spielen, erhellt aus der Fülle der gemeinnützigen Institutionen. Von den vierzigtausend Einwohnern in Tripolis find genau zehntausend Juden. Sie leben in einem besonderen Viertel, aber im tiessten Frieden mit den anderen Konfeffionen. Sie haben ihre Prächtigen Synagogen, unterrichten die Kinder ihrer Glaubensgenoffen unentgeltlich, sorgen überhaupt, so weit fich das mit dem Begriff: Tripolis verträgt, für Kultur. Während die Häuser in der Stadt wüsten Steinruinen ähneln, find die Häuser im Ghetto verhältnismäßig Muster an Eleganz. Die Schulhäuser im Innern aus bestem Marmor. Hier ist relativer Wohlstand, während man die Tripolitaner arm wie Kirchenmäuse nennen könnte, wenn es außer einem einzigen christlichen Gotteshause Kirchen gäbe. In der Türkei wird der Kriegszustand Tausenden unserer Glaubensgenoffen arge Verlegenheiten bereiten. Im türkischen Reiche leben insgesamt 10—15.000 Juden, die italienische Untertanen find. Es find das Juden, deren Vorväter aus Italien eingewandert sind, oder solche, die unter dem hamidischen absolutistischen Regime oder noch früher die italienische Staatsbürgerschaft annahmen und fich auf diese Weise unter den Schutz Italiens stellten. Die meisten dieser Juden besitzen große Handelshäuser oder find Leiter von Banken, welche die Handelsbeziehungen zwischen Italien und der Türkei vermitteln und fördern. Viele dieser Juden besitzen in der Türkei große Vermögen. Zu diesen gehören die Familien Modiano, Allantini, ein Zweig der Familie Misrachi rc., die alle in Saloniki große Handels- und Bankhäuser haben und viel für die kulturelle Hebung der Juden, aber auch in Saloniki lebenden Italiener getan haben. Wenn nun die türkische Regierung fich gegen die Italiener in der Türkei feindselig verhalten und fie eventuell als Geiseln behandeln will, so wird fich das muselmännische Volk in seiner gewohnten fanatischen Art, solche Ordres auszuführen, zunächst gegen die Juden wenden. Tatsächlich erhalten wir aus Salonik die Meldung, daß dort antisemitische Ausschreitungen aus diesem Grunde befürchtet werden. Jntereffant ist, daß sowohl in der Türkei, als auch in Italien die radikal-progressiven Kreise, die bis zur letzten Minute gegen den Krieg agitierten, als Argument gegen den Krieg die Ergebniffe anführen, welche die Expedition der Jto nach Cyrenaica vor ungefähr drei Jahren gezeitigt hat. Der Bericht des Leiters der Cyrenaica-Expedition Prof. Gredory, der seinerzeit unter dem Titel: „Weshalb wir nicht nach Tripolis gehen sollen",