Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 662 Dr. BLochs WochMchrift Nr. 40 Versöhuungsfest mitmusiziert hat, aber als Präsident des Abgeordnetenhauses wacker geholfen hat bei der Verhetzung aller bürgerlichen Stände. Sie kennen auch den wahren Charakter des Bürgermeisters, der kürzlich wegen persönlicher Rachegefühle die Deputation eines wirtschaftlichen Bürgerinnenvereines im Empfaugssaal des Rathauses hat stehen lassen und in Ottakring zur Einigung rief. Nichts aber ist charakteristischer für christlich soziale Aufrichtigkeit, als eine Tatsache, welche sich am Tage des Ottakringer Einigungsversuches abspielte. An diesem denkwürdigen Datum versank der ergebene Diener der Klerikalen und Agrarier, der ruhmvolle Begründer der Baukreditbank, verschwand Geßmann vollständig in der Versenkung, schickte telegraphisch aus dem teueren Kurort Lugano den Verzicht auf sein Mandat als Landesausschuß. Wen wählten nun die Christlich-Sozialen im Landtag zu seinem Nachfolger, dem eine Anzahl der wichtigsten Referate zufallen? Niemand anderen als den schon halb verschollenen Ritter Stampiglius, den wohlbekaunten Ehrenmann Ernst Schneider, den weltbekannten Meister der niedrigsten, rücksichtslosesten Art von Verhetzung aller Stände. Und nach dieser bezeichnenden und programmatischen Wahl gingen die Biederen und Ehrbaren hinaus nach Ottakring und riefen eindringlich nach Einigung aller bürgerlichen Stände und Berufe. Die Zeiten dieses Doppelspieles und dieser vielseitigen Programme ohne Inhalt sind vorüber. Die Christlich-Sozialen sind erkannt und unter chrer schmutzigen Fahne wird sich weder in Ottakring noch anderswo die Wählerschaft versammeln, um den Männern mit den geborgten und durchsichtigen Masken zu folgen. Gm Racheakt gegen Wie«. Die verendende antisemitische Partei in Wien, welche bei den letzten Reichsratswahlen von der Wiener Bevölkerung den längst verdienten Fußtritt erhielt, beeilt sich, die Wiener Intelligenz dafür zu züchtigen. Demgemäß hat die antisemitische Majorität des Niederösterreichischen Landtages beschlossen, Ernst Schneider, genannt Meister Stampiglius, deu Geschäftsreisenden in Ritualmorden, zum obersten Gewaltherrn des Schulwesens in Wien und Niederösterreich zu erheben. Dem Ernst Schneider, über dessen geheime Tätigkeit die Wiener Polizei mehr weiß, als sie zu verlautbaren für gut befindet, der intime Freund Penkerts und Gesinnungsgenosse der Anarchisten, wird das Geschick des Wiener Schulwesens und der Wiener Lehrer ausgeliefert. Herr Ernst Schneider, der seinerzeit im Parlament durch deu damaligen Abgeordneten Dr. Bloch die ihm gebührende Zeichnung so oft empfangen hat, bildet eine österreichische Spezialität. Die Art seiner parlamentarischen Wirksamkeit im niederösterreichischen Landtag kennzeichnete der Antrag, aus Anlaß der Osterfeiertage die österreichische Judenheit unter Polizeiaufsicht zu stellen. Nun ist es jetzt bereits eine notorische Tatsache, daß die Opfer von Tisza- Eszlar, Tanten und Könitz (und gewiß auch von Polna) von einer antisemitischen Mörderbaude umgebracht worden sind. Derlei verbrecherische Praktiken, welche die Judenhasser im Mittelalter nach den Zeugnissen der Päpste wiederholt verübten, find in neuester Zeit bei deu Antisemiten wieder in Schwung gekommen. Und die alte Methode ist auch Herrn Ernst Schneider nicht unbekannt. In der Nummer des „Oesterreichischen Reformer" vom 17. Oktober 1886 schrieb einer der Führer der Wiener Antisemiten, der Steindrucker Leopold H o l l o w a y: «Was sagt Herr Schneider dazu, wenn ich ihm Eines ins Gedächtnis rufe: Es war voriges Jahr, zirka vier Wochen vor den Ostern, wo er mir ein Bild brachte, welches die Abschlachtung eines Christenkindes durch Juden vorstellte, welches ich für gewisse Zwecke in 20.000 Exemplaren anfertigen sollte und Herr Schneider den erläuternden Text schrieb, was ich jedoch rundweg verweigerte. Hätte mich da Herr Schneider nicht ans Messer geliefert, wenn ich mich dazu hergegeben hatte." «Ich glaube aber, ein Spitzbube ist der, der sagt: „Falls ein Judenkrawall einmal ausbricht, erfahre ich es sechs Stunden vorher Da fahre ich ab!" Haben Sie das gesagt, Herr Lord Schneider?" Dies war zu lesen im antisemitischen „Oesterreichischen Reformer", dem Organ der Herren Vetter und P a t t a i. Besonders klagte Cornelius Vetter in einer eigenen Broschüre Herrn Schneider an, daß er ihn ins „Unglück", ins „Kriminal" bringen wollte, weil er ihm deu Antrag gestellt und ihn zu bereden versuchte, er möge die Arbeiter von Floridsdorf zu einem Attentate gegen Dr. Bloch veranlassen. „Heute noch zittere ich vor gerechter Entrüstung und Erregung über die Bosheit, Schlechtst und kalte Berechnung, mit der Sie einem Unschuldigen die Wege mindestens zu einer langwierigen Untersuchung gebahnt hätten", sagte Cornelius Vetter. Warum gegen Dr. Bloch? Herr Vetter erzählt: „Bloch wußte die Arbeiter von Floridsdorf zur Ueberzeugung zu bringen, daß die Beglücker und Wohltäter der Menschheit, besonders die des Arbeiterstandes, ausschließlich Juden und jüdische Fabrikanten seien." „Dieser Anschauung mußte entgegengetreten werden, doch wie? Etwa in einer Versammlung offen und ehrlich den Anschauungen des Wunderrabbi zu begegnen, die Arbeiter eines Besseren zu belehren? Weit gefehlt! Nein, heimtückisch, hinterlistig." So trat denn Mechanikus Schneider an Herrn Cornelius Vetter mit dem Anträge heran, durch ein schmutziges Pamphlet die Arbeiter gegen den „Rabbi Bloch" aufzureizen; er soll durch ein — Attentat unschädlich gemacht werden. Herr Cornelius Vetter tut sich hierauf zugute,, daß er auf das Ansinnen des Mechanikus nicht einging. Er hält Schneider vor, daß er mit seinem Antrag ihn und seine — Familie habe in's Verderben bringen wollen. „Eine unschuldige Familie hätten Sie aber herzlos ins Unglück gestürzt, wenn nicht treue Freundschaft noch rechtzeitig warnend eingegriffen hätte", ruft er Herrn Schneider zu. Herr Vetter ist kein „Judenknecht" und von ihm wird auch Herr Schneider nicht behaupten, daß er im Solde der Juden steht. Im Jahre 1886 veröffentlichte der Steindrucker L. H o l l o m a y, gewesener Bezirksausschuß und Obmann des antisemitischen Bezirksvereines auf der Landstraße, eine „allen Antisemiten Oesterreichs" gewidmete Broschüre unter dem Titel: „Mechaniker Ernst Schneider und sein Antisemitismus". In derselben ward erzählt, daß „sich Schneider von Schönerer die tiefsten Beleidigungen ins Gesicht schleudern ließ"; von Vetter, Buschenhagen und anderen Parteigenossen empfing er geduldig Schmähungen, die jedem Mann von Ehre das Blut ins Gesicht treiben müssen — Herr Schneider ließ sich solche Bezeichnungen ruhig gefallen, ohne sich beleidigt zu fühlen." In dem „Deutschen Bezirksverein Mariahilf" erzählte ein deutschnationaler Redner Namens S e u ch t e r über die Art, in welcher Herr P a t t a i durch Herrn Schneider von der Obmannschaft des „Reformvereines" verdrängt wurde. Ernst Schneider benützte die Gelegenheit, als Dr. P a t t a i nach Gastein abgereist war, um eine Generalversammlung eiuzuberufen und die Wahlen vorzunehmen. „Als Mitglieder des Vereines ausgewiesen waren nur 136, die Zahl der abgegebenen Stimmzettel aber betrug 211, es hatten also entweder auch die von Schneider mitgebrachten Gäste mitgestimmt, oder es waren von der Partei Schneider 75 Stimmzettel eingeschmugelt worden, um auf diese Weise den Sieg zu erreichen.. Das ist aber noch nicht alles. Von den abgegebenen 211 Stimmzetteln wurden 4, welche auf den Namen P a t t a i lauteten, einfach für ungiltig erklärt und nun ergab sich endlich das erwünsche Resultat, indem 102 Stimmen für P a t t a i, 105 Stimmen für Schneider lauteten."