Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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to^ma^j&EXF&p'KSE Nr. 39 Dr. Bkochs Wochenschrift Sette 657 Der Fastlag. Aus dem Jüdischen des L. I. Perez, Winternacht . . . Sara stopft beim Scheine eines Nachtlichtes einen alten Strumpf.. Die Arbeit geht langsam vorwärts; ihre Lippen sind vor Aälte erbläut und die erfrorenen Hände zittern. Von Zeit zu Zeit legte sie ihren Strumpf bei Seite und läuft im Zimmer auf und ab, um die erstarrten Füße zu erwärmen. Im Bett, auf einem leeren Strohsack, schlafen vier Kinder, zwei auf jeder Seite. Von Zeit zu Zeit wacht ein Kind auf, erhebt sich ein Köpfchen, das wimmernd fleht: Essen, Mutter, mich hungert!" — Wartet, wartet, Kinderchen — tröstet sie jedesmal Sara — der Vater wird bald kommen und das Abendbrot mitbringen; dann werde ich euch alle wecken. — Und wo bleibt das Mittagmahl? Wir haben doch heute nichts zu Mittag gegessen — fragen die Kleinen weinend. — Auch das wird er mitbringen l Sie selbst aber glaubt ihren Worten nicht; sie schaut nach allen Seiten der Stube hin, ob sie nicht etwas zum Versetzen fände — nichts da! Vier kahle, feuchte Wände. Ein halbzerfallener Ofen. Auf diesem — zerbrochene Töpfe und ein verrostetes, blechernes Chanukalämpchen. Im Plafond steckt ein Nagel zur Erinnerung an einen Leuchter, der dort hing. An der Wand stehen zwei leere Betten ohne Kissen. Sonst — nichts mehr, gar nichts! Es vergeht eine geraume Zeit, bis die Kinder einschlafen. Sara betrachtet sie mit Herzweh und Mitleid und richtet die verweinten Augen zur Türe; sie vernahm schwere Schritte auf der Treppe, die unter das Erdgeschoß führt, und den Klang blechener Krüge, der sich bald an der einen, bald an der anderen Wand hören ließ. Ein Hoffnungsstrahl erleuchtet das zusammengeschrumpfte Gesicht Saras. Sie schlägt einigemal Fuß an Fuß, erhebt sich und das Zimmer betritt ein bleicher, etwas gebückter Mann mit leeren Kannen in der Hand. — Nun? — fragt Sara leise. Er stellt die Kannen hin, atmet auf und antwortet noch leiser: — Nichts! Nichts! Nirgends hat man mir bezahlt ... Morgen . . . Jeder verschiebt^ auf Morgen, auf Uebermorgen, auf Rosch-Chodesch . . . — Die Kinder haben fast nichts gegessen — sprach Sara — es ist noch gut, daß sie schlafen . . . Meine armen Kinder! Sie konnte sich nicht beherrschen und fing still zu weinen an. — Warum weinst du, Dummkopf? — fragte der Mann. — Ach, Mendel, die Kinder sind doch so hungrig... — und sie wollte mit Gewalt ihre Tränen zurückdrängen. — Wie wird dies alles enden? — klagte sie weiter. — Mit jedem Tage wird's ja schlimmer ... — Schlimmer? Nein, das darfst du nicht sagen! Im vorigen Jahre war es schlimmer. Da waren wir zwar ebenfalls brotlos, aber auch ohne Wohnung ... Am Tage tummelten sich die Kinder auf der Straße herum und die Nacht verbrachten sie bald auf diesem, bald auf jenem Hofe. Jetzt — wenigstens unter einem Dache, auf einem Strohsack.,. Sara brach in heftigeres Weinen aus. Sie erinnerte sich, daß sie damals ein Kind verlor; es hatte sich erkältet, war krank geworden und ist kurz darauf gestorben. — Und es starb wie im Walde... Sie konnte nichts tun, um es zu retten. Erloschen ist das Kind wie eine Kerze! — schluchzte das unglückliche Weib. — Weine nicht, Sara, weine nicht! Sündige nicht vor Gott! — Wann wird Er sich denn endlich unser erbarmen? — Habe mit dir selbst Erbarmen! Du sollst dir das nicht so zu Herzen nehmen. Schau, wie du aussiehst! Bor zehn Jahren wurde unsere Hochzeit gefeiert. Sieh dich mal an, du warst doch die erste Schönheit der Stadt... — Und du? Du wurdest doch „Mendel-Gibor"*) genannt! Jetzt bist du gebeugt und gekrümmt, du bist krank, obwohl du es mir zu verheimlichen suchst. O großer Gott im Himmel! Bei diesen Worten erwachten die hungrigen Kinder, die wiederum kläglich um Brot zu flehen anfingen. — Gott bewahre! Wer ißt denn heute? — versetzte sofort Mendel. Die Kinder blicken ihn mit Schrecken und Erstaunen an. — Heute ist ja ein Fasttag — erläutert Mendel trübe. Es waren einige Minuten vergangen, bis die Kleinen verstanden haben, worum es sich handelt. — Was für ein Fasttag? — fragen die Kinder weinend. Mendel richtet die Augen nach unten, als suche er etwas auf dem Fußboden, und erzählt, es wäre noch heute Morgen beim Thoralesen die „Sefer-Thora" von der Kanzel heruntergefallen. Darum sei auf den morgigen Tag ein Fasten festgesetzt worden, genau so wie am Jom-Kippur und Tischo b'aw, von heute Abend an beginnend. Rasch springen die vier Kinder aus den Belten heraus und rufen, barfuß herumspringend: „Wir wollen mitfasten!" Mendel stellt sich vor den Nachtleuchter, damit die Kinder nicht die Tränen sehen, die aus den Augen Saras rinnen. — Genug! Genug! Kinder! — sagt Mendel — am Fasttag wird nicht getanzt. Mit Gottes Hilfe werden wir Simchas-Thora tanzen. Die Kinder legen sich wieder zu Bett. Vergessen ist der Hunger! Ein kleines Mädchen fängt zu singen an: „Owiinu Melech", „Ojf'n horchen Barg". Das Herz Mendels zieht sich zusammen und ein Schauer durchrieselt seine Glieder. — Es darf auch nicht gesungen werden! — bemerkt er mit einer sonderbaren Stimme. Die Kinder beruhigen sich und schlafen ein, ermüdet vom Hüpfen und Singen. Nur der älteste Knabe wacht noch einmal auf mit der Frage: — Vater, wann werde ich Bar-Mizwah? — Noch nicht so schnell, Chaimchen, erst in vier Jahren. Gott schenke dir nur Leben und Gesundheit . . . — Wirst du mir dann auch ein Paar „Tefilin" kaufen? — Gewiß! — Und ein Tesiliusäckchen? — Selbstverständlich! — Und ein Gebetbuch . . . so'n kleines, mit goldenem Schnitt? — Mit Gottes Hilfe! Bete nur zu Gott, Chaimchen. — Dann werde ich alle Fasttage befolgen. — Ja, ja, Chaimchen, alle Fasttage . . alle. . Und leise fügt er hinzu: — Allmächtiger Gott! Alle Fasttage, nur nicht solche wie der heutige. _ gitaMtar. Jüdische Volksmusik. (Ein Sammelbuch jüdischer Kinderlieber.) Die Gesellschaft für jüdische Volksmusik in Petersburg hat soeben eine Sammlung von Kinderliedern für die jüdische Schule und Familie herausgegebeu. Die Sammlung enthält 82 Lieder *) Der Starke.