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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Dr. BLochs WochMchrift Nr. 3S Sette 656 auch in Ketten, war auch nicht zu verachten. — Die Polizei ließ auch nicht lange auf sich warten: Feiwel wurde verhaftet und sollte vor ein Gericht gestellt werden. Es gelang chM jedoch zu flüchten und mit Hilfe mildtätiger Freunde über die deutsche Grenze zu gelangen. Als Feiwel Redzkin deutschen Boden betrat, war er 20 Jahre alt. Er kannte das Deutschland der Lessing, Goethe und Schiller, doch das wirkliche Deutschland war ihm fremd. Er glaubte das Land des Nathan zu finden und fand Haß und Verachtung. Auf Schritt und Tritt trat ihm dieser Haß entgegen. Seinen Zügen war der Stempel der Rasse zu sehr aufgedrückt, als daß man ihn nicht überall mit Spott und Hohn überschüttet hätte. So kam er, von Stadt zu Stadt wandernd, nach einem qualvollen Monat nach der Hauptstadt Berlin. Hier glaubte er Arbeit und Ruhe zu finden, doch vergÄeus. Au welcher Tür er auch anklopfte, überall bedauerndes Achselzucken. Hungernd und frierend irrte er durch Die Straßen, zur Verzweiflung getrieben von dem Bewußtsein seiner Verlassenheit. So kam der Versöhnungstag heran uud Feiwel Redzkin machte sich auf, um im Hause des Herrn Balsam für die Wunden seines Körpers und Geistes zu suchen. Als ihn an der Schwelle der weihevolle Klang der Orgel entgegeuscholl, zuckte ein Strahl der Hoffnung in seinem Herzen, vielleicht fand er hier einen Helfer? Beglückt wollte er in das Innere der Synagoge gelangen, als man ihm mit harter Stimme bedeutete, daß man ihn ohne Eintrittskarte nicht einlassen könne. Wie vernichtet stand Feiwel Redzkin da. War es möglich, daß sich Menschen das Recht anmaßten, ihren Mitmenschen vom Dienste des Herrn, des Gottes Israels, auszuschließen, nur well er nicht im Besitze einer „Eintrittskarte" war? Das Gotteshaus, bestimmt zu weihevollem Gebet, wurde zum Handelsobjekt erniedrigt und die Lehre der Bibel mit Füßen zetteten? Ein namenloser Haß entstand in seinem Herzen gegen diese Schänder des Gottes Israels. In die ganze Welt hätte er diesen Jammer hinausschreien mögen. Weiter begann die Wanderung durch die Straßen. An einer Ecke übergab man Feiwel Redzkin, einen Zettel, welcher zur Versammlung des Missionsvereins einlud. Aufmerksam durchlas er das Papier und lächelte über die Naivität dieser Leute. Glaubten sie wirklich, daß es einen Juden gebe, der seinem Glauben untteu werden könnte? Unmöglich. Doch immerhin, man könnte sich die Sache einmal auseheu, der Eintritt war ja frei und obendrein könnte man seine frierenden Glieder etwas erwärmen, So tat dann Feiwel Redzkin, der ehemalige russische Hauslehrer den verhängnisvollen Schritt in die Versammlung des Bekehrungs- Vereines. — Ein dicker Mann betrat das Podium und hielt eine lauge Rede an die drei oder vier Anwesenden. Er ermahnte sie, abzulassen von dem sündhaften Glauben der Juden und eiuzutreteu in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche. Feiwel wollte den unwirtlichen Raum eben verlassen, als eine Gestalt sich loslöste, auf ihn zutrat und chn in eine Unterhaltung verwickelte, ihn über seine Person uud seiv Leben ausfragte und ihm, als er alles hörte, Rat uud Hilfe versprach. Er stellte ihm vor,, wie er von seinen Glaubensgenossen keine Hilfe zu erwarten hätte; so wie sie ihm vom Gotteshause verjagt hätten, würden sie ihn elend umkommen lassen. Er machte ihm den Vorschlag, in das Heim des Vereines einzutreten, man würde ihm die Mittel zu seiner Fortbildung in reichlichem Maße gewähren, im Uebrigen sollte ihm bis zu seinem Uebertritte ein Jahr Zeit gelassen werden. Feiwel wollte auffahren, eine unwillige Antwort geben, doch seine Lage war zu trostlos. Seü mehreren Tagen hatte er kaum etwas gegessen und was sollte noch später werden? Wollte er nicht des Hungertodes sterben, so mußte er das Anerbieten seines Begleiters anüehmeu. Feiwel Redzkin trat also in die Schule des Missions- Vereines ein, er erhielt Unterricht in allen Fächern, so daß er bei seiner angeborenen Intelligenz bald die Aufnahmeprüfung für die Universität bestehen konnte. Nach Ablauf eines Jahres. empfing Feiwel Redzkin die Sakramente der heiligen Taufe und erhielt den Namen Friedrich Reinbacher^ Auf der Universität kam Friedrich Reinbacher erst zür Einsicht, welch vorteilhaftes Geschäft er durch seinen Uebertritt gemacht hatte. Auf diese Weise konnte er manches erreichen, das ihm als Jude gewiß nicht gelungen wäre. Nach Beendigung seines Studiums war er in der Lage, seinem Namen ein Dr. Phil, vorsetzen zu können. Er trat in die Redaktion eines antisemitischen Blattes ein und würde bald eine Leuchte der Bewegung. Wenn irgendwo in der Presse eine neue Verleumdung gegen die Juden auftauchte, konnte man ihren Ursprung mit Sicherheit auf Dr. Reinbacher zurückführen. Er galt in allen Fragen als das geistige Oberhaupt der Partei» Als Reinbacher 29 Jahre alt war, zog auch die Liebe in sein Herz ein. Auf einer Erholungsreise lernte er eine junge und schöne Lehrerin kennen Und ihre Herzen hatten sich bald gefunden. Sie liebte diesen ernsten Mann, wenngleich sie nicht begreifen konnte, wie jemand seinen Lebenszweck in der Schürung des Hasses gegen ein armes Volk sehen konnte. Sie war die Tochter'eines evangelischen Geistlichen, eines wahren Predigers der Nächstenliebe, und hatte ihre Eltern früh verloren. Ihr Lebensweg war einsam gewesen, arm an Freuden und so ergänzten sie sich beide: Friedrich Reinbacher und Marga Schmidt. Sie fanden Befriedigung in ihrer Liebe. Nach einem Jahre der Verlobung batFriedrich Reinbacher seine Braut, mit ihr gemeinsam ein Heim errichten zu dürfen, doch merkwürdig, sie blieb immer kühl und suchte allerlei Ausflüchte, um die Entscheidung zu verzögern. — Heute endlich war dieser Brief gekommen, bei dessen Empfang Dr. Reinbacher aus allen seinen Träumen gerissen wurde. In dem Briefe hieß u. a.: „Mit Schrecken sah ich, welchem Zwecke Sie ihr Leben geweiht. Wäre meine Liebe zu Ihnen nicht so groß gewesen, ich hätte gewiß wie vor einem wilden Tiere die Flucht ergriffen, aber so gab ich die Hoffnung nicht aus, Sie durch die Kraft meiner Liebe von Ihrem Wahne zu heilen: Ihr eigenes Volk ist es, das Sie mit Schmutz bewerfen, Ihr eigenes Blut, das sie verleumden. Die Tiere des Waldes leiden und sterben für Ihre Art- und Sie gehen in das Lager des Feindes Ihrer Glaubensbrüder. Meine Liebe hat sich gewandelt in Haß, ja in Verachtung, tausendfache Verachtung." Wie von Skorpionen gestochen, warf sich Dr. Reinbacher in seinen Stuhl, das mußte ihm zustoßen, ihm, der da glaubte, durch seinen Uebertritt ein Recht auf alles Glück dieser Erde gewonnen zu haben. Also war sein Leben doch verfehlt?! Es gab einen Menschen, der ihn verachtete, wie, wenn ihn alle wahren und guten Menschen verachteten, wenn ihn auch jene verachteten, in deren Dienst er stand und die ihn nur als Werkzeug ihrer Zwecke gebrauchten? In diesem Augenblick ging ein Blitz der Erleuchtung durch sein Hirn, sein ganzes Leben von jenem Versöhnungstage kam ihm wie eine einzige Schande vor. Es ekelte ihm vor sich selbst. Wenn er jetzt nur jene zur Rechenschaft ziehen könnte, die sein ganzes Elend verschuldet hätten, die seinen Geist umnebelten, als er elend und hungrig durch die Straßen irrte, doch er wagte es nicht, sein Zimmer zu verlassen, aus Furcht, seine Schmach sei mit feurigen Lettern aus seinem Gesicht geschrieben. Da gab's nur einen Ausweg: Der Tod. Dieses Leben war ja ohnehin zerstört, eine Umkehr gab es nicht mehr, so legte er sich aufs Bett, ließ das Gas in vollen Zügen hereinströmen und erwartete den Tod. Am nächsten Morgen brachten die Zeitungen folgende Notiz: , „Der Schriftsteller Dr. Friedrich Reinbacher, ein Hauptvertreter des radikalsten Antisemitismus, wurde heute tot in seinem Bette aufgefunden. Anscheinend liegt ein Selbstmord durch Gasvergiftung vor. Der Grund, der den jungen und tüchtigen Journalisten zu diesem letzten Schrift getrieben, ist bis zur Stunde noch nicht aufgeklärt."

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