Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 648 D r. Wochs WochMchrift 3h. 39 Adolfs von Schweden, des Vorkämpfers und Helden des Protestantismus, wurde am römischen Hofe fast ebenso betrauert, wie in Stockholm. Papst Urban VIII. unterhielt während des Krieges eine indirekte Verbindung mit protestantischen Mächten. „Die Nuntien des Papstes", berichtete der venetianische Gesandte Lontarini, „haben immer die Unternehmungen des (französischen Ministers) Kardinal Richelieu begünstigt, sowohl wo es auf dessen eigene Erhaltung ankam, als insofern er Bayern und die Liga mit Frankreichs (gegen Oesterreich) zu vereinigen suchte. Laut und bitter beklagte sich Kaiser Ferdinand: „erst habe ihn der römische Hof zum Restitutionsedikt i) bewogen und verlasse ihn nun in dem Kriege, der infolgedessen entstanden; die Wahl seines Sohnes zum römischen Könige habe der Papst hintertrieben und er ermuntere den Kurfürsten von Bayern mit Rat und Tat, eine besondere Politik zu befolgen und sich mit Frankreich zu verbinden. In der Tat scheint er auch den Protestanten nicht abgeneigt zu sein." Und als der Kaiser nach dreißigjährigem Kriege den Westfälischen Frieden schloß, woher er genötigt war, den Protestanten manche Konzessionen zu machen, erklärte Papst Innocenz X. diese für null und nichtig, ungerecht Und verdammenswert, niemand verpflichtet sie zu halten, selbst wenn er sie beschworen hätte. Wie Innocenz X. den westfälischen Frieden, so verdammte und verwarf ein halbes Jahrhundert später Clemens XI. den Vertrag, den Kaiser Joseph!., von der Rot getrieben und von seinen Verbündeten gedrängt, mit Karl XII. von Schweden, der mit seinem siegreichen Heere an den Grenzen Böhmens stand, am 1. September 1707 zu Alt-Rannstadt geschlossen hatte! Weil der Kaiser darin den nicht unbegründeten Forderungen des Königs zu Gunsten der Protestanten in Schlesien stattgab, sich zur Rückgabe der ihnen weggenommenen Kirchen verpflichtete und einige andere geringfügige Konzessionen machte, erließ der Papst einen Protest gegen den Vertrag und richtete außerdem ein eigenhändiges Schreiben an den Kaiser, in welchem er ihn, „obwohl er es gax nicht glauben könne, daß er, wie das Gerücht lautet, die Absicht habe, den Lutheranern die abgenommenen Kirchen zurückzugeben", aufs dringendste ermahnte, „so lfeb ihm der Ruhm seines Namens und, was noch wichtiger, das Heil seiner Seele seien, sich nicht zu einem Entschlüsse bewegen zu lassen, welcher durch keine, noch so wichtige weltliche Rücksicht vor Gott und Menschen gerechtfertigt werden köchrte". i; i -! j Der Kaiser fand es nötig, sich in einem ausführlichen Schreiben beim Papste damit zu entschuldigen, daß er nicht anders handeln konnte und dem Drohen des mit einer Armee von 40.000 Mann an den Grenzen Oesterreichs stehenden Schwedenkönigs nachgeben mußte,' besonders, da dieser noch von den „alten Feinden des Hauses Habsburg" ausgehetzt worden seh welche schon beim westfalischen Frieden dem Kaiser Ferdinand so viele Konzessionen zu Gunsten der Lutheraner abgetrotzt hätten. Mit den „alten Feinden" waren die Bourbons gemeint, die guten Freunde des Papstes, welche von diesem seit Beginn des spanischen Erbfolgekrieges in auffallender Weise gegen den Kaiser und dessen Bruder, König Karl von Spanien, begünstigt wurden. Clemens XI. verweigerte letzterem die Anerkennung als König und ließ sich Verletzungen der Neutralität zum Nachteile der kaiserlichen Armee in Italien zuschulden kommen. Er gab aber Zugleich dem kaiserlichen Gesandten Grafen Martinitz zu verstehen, er würde wohl ein Wort mit sich reden lassen, wenn der Kaffer ihm wehr als der König, von *) Nach diesem Edikt Kaiser Ferdinands II. vom Jahre 1629 sollten die Protestanten zur Herausgabe aller an sich gezogenen geistlichen Güter und Stifte an die Katholiken g zwungen werden. Frankreich (etwa ein Stück vom Königreich Neapel) bieten würde. In iWien wollte man natürlich auf Kn solches Geschäftchen nicht eingehen. Der Papst ging indessen mit seinen Feindseligkeiten gegen die Habsburger ijmmer weiter Md erklärte ein zwischen der kaiserlichen. Heeresleitung und dem Herzog von Paxma, auf dessen Land er Anspruch, zu haben behauptete, geschlossenes llebereinkomMen für null und nichtig. In der bezüglichen, an mehreren Kirchentüren Roms angeschlagenen Kundmachung hom 27. Juli 1707 bestätigte der Papst alle von den Bischöfen infolge seines Auftrages bereits verhängten oder noch zu verhängenden geistlichen Strafen und Erkommunikafionen wider die, welche in He Herzogtümer Paxma Md Piacenza einfielen, geistlichen Personen oder Kirchengütern Einquartierung oder Kontributionen Mferlegten; sei es direkt, sei es durch andere in ihrem Aufträge geschehen, sowie wider alle, welche diejenigen, die sich! solches zuschulden kommen ließen, schützen oder verteidigen, mit Ra-t und Tat an die Hand petzen, welchen Standes öder Grades sie auch sein mögen." Diese Kundmachung war beinahe so viel als eine Erkommunikation jdes kaiserlichen Feldherrn, Prinzen Eugen von Sapoyen und der ganzen Armee des Kaisers, ja konnte auf diesen selbst und seine Minister bezogen werden. Da riß dem Kaiser endlich die Geduld. Joseph I. wax, wie man von einem Habsburger nicht anders erwarten konnte, ein frommer Katholik, aber nicht so geduldig, uicht stets .auf den Rat von Beichtvätern und Jesuiten hörend, wie sein Vater Leopold I. Er war seiner Zeit voraus, es steckte in ihm schon etwas von dem Freisinn und der Toleranz des drei Vierteljahrhunderte später zur Regierung gelangten zweiten Joseph. Rach langem Federkriege zwischen päpstlicher und kaiserlicher Regierung erschien endlich das kaiserliche Mani- Ut vom 26, Juni 1708, dje kraftvollste und schärfste Schrift, welche je von einem Kaffer aus dem Hause Habsburg, ja überhaupt vön irgend einem Monarchen im 17. oder 18. Jahrhundert gegen einen Papst ergangen ist, Wir können das umfangreiche Aktenstück hier nicht vollständig wiedergeben und müssen uns begnügen, dessen Schluß zu zitieren. Da heißt es: „Wir erklär ren demnach durch Gegenwärtiges zum ewigen Gedächtnis, daß wir auf die Herzogtümer Parma und Piacenza dem römischen Stuhle nicht das geringste Recht zugestehen können, vielmehr behalten wir uns alle Rechte vor, welche zu unserer Vorfahren und zu unserem eigenen Nachteile unter w>as immer für einem Vorwände je usurpiert wurden oder noch usurpiert werden. Wir abolieren und erklären für ungiltig alle aus eigener Autorität angemaßten, heimlich oder öffentlich der kaiserlichen Majestät entzogenen oder unrechtmäßig verliehenen Rechte, Besitztitel und Ansprüche, mit Ausnahme jener, welche Ms kaiserlicher Freigebigkeit und Großmut dem heiligen Stuhle verliehen wurden. Wir widersprechen Mch in feierlicher Weise allen Anmaßungen der Kurie in Bezug auf Rechte und Besitzungen dritter Personen, wie solche in päpstlichen- Bullen enthalten sind, weil diese in dergleichen Fällen weder gebräuchlich noch zulässig sind und uns Md das römische Reich nicht verpflichten können und dürfen. Wir gestehen Mch der päpstlichen Kurie nicht das geringste Recht zu und können es nicht dulden, daß sie irgend etwas aufheben und annullieren soll, was wir kraft unserer kaiserlichen Autorität verordnet und anbefohlen haben." Den Reden und Schriften folgten die Taten. Der PMst rüstete, ließ in Italien Werbungen anstellen und befahl eine Aushebung von einem von Hundert der Bevölkerung, so daß ein recht zahlreiches Heer von Deserteuren, Feiglingen und njchtnutzigem Gesindel MfgestM