Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021966--20534-3045578- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 Dr. Bkochs WochMchrift Ein leises Röcheln entrang sich der kleinen , zarten Brust und Lejsor hob die Hände und streckte sie den Eltern entgegen, die wimmernd und schmerzerfüllt am Bettrand sahen. „Nicht wahr", kam es kaum hörbar von den hitzeverbrannten Lippen des Kindes, „ich bin kein Abtrünniger, ich bin kein Gottesleugner, kein Verdammter . . . und der liebe Gott hat mich nicht aus dem Eden verbannt . . „Gott helfe in der Not", jammerte Udel und die Tränen schnürten ihr die Kehle, „nimm mich hin und schenke das junge Leben dem Kinde. . . Barmherziger Gott!" Und der Ktzabe sprach weiter: „Du wirst für Mich beten, Vater, und der liebe Gott wird sich meiner annehmen . . . nicht wahr . . . ich.bin . . , nicht verflucht . . und das letzte Wort verhallte säuselnd in der dumpfen Stube den Schenke., Reh Mordechaj sprang auf, und sagte zu seiner Frau, „eile in die Stadt, um den Arzt ... ich muh hier bleiben, denn die Seele kann sonst nicht ruhig der vergänglichen Hülle, entweichen, wenn kein Mann bei ihr ist. . . und fchlüchzend warfen sich die Eltern auf den brennenden Körper des Kindes. , ' / „Lejsor". rief mit einemmale die starke Stimme Reb Mordechajs, Schmerz und Unglück trotzend. Und Lejsor schlug die Augen auf. „Lejsor, kannst du noch sprechen?" fragte Reb Mordechaj. „Ja", klang es matt und Reb Mordechaj griff nach pnem Gebetbuch und sprach: „Sage mir nach!" „Höre, Israel, ich bin dein Herr, dein einziger Gott . . ." Und leise, gottvertraut hauchte der Knabe die Worte des Totengebetes, die Worte der Reue und Versöhnung. Udel lief in die Stadt. Den Wagen durfte sie noch nicht benützen, denn immer noch standen keine drei Sterne am Himmel und nur langsam ging der Sabbat zur Rüste. Der Arzt hieb sofort 'einspannen und 'fuhr in die Schenke, und Udel lief dem Wagen nach. Zum erstenmal überkam Udel ein Schrecken auf dieser finsteren endlosen Waldstrahe. Sie beschleunigte den Lauf und rief dem Wagen nach, und nur das Echo klang inmitten der Nacht an ihr ^Dhr zurück. Sie erschrak vor diesem langgezogenen Widerhall, der wie Hohngirlächter vom Himmel herab auf die Erde niederstieg. Ihre Füße versagten, sie taumelte und.lehnte sich an einen Stamm. Dort, noch weit von ihr, dort lag Lejsor und sie raffle sich auf, um weiter zu eilen. Und die weit ausgebreiteten Aeste schlugen an ihr Gesicht und ihre Kleider blieben an den Sträuchern .hängen. Waren es nicht Teufelsarme, die sie von allen Seiten festhielten, um die junge Seele ihrem Kinde zu entreißen. glitzerten nicht da rotfünkelnde Augen nach ihr, kam nicht hämisches Lachen und Kichern aus der undurchdringlichen Finsternis des Waldes. Wie sie sich freuten mit der jungen Seele, und schon hinter .ihr her stand der Todesengel und hielt ihren Lejsor mit eiskalten Fingern in seinem Arm. Immerfort eilte sie weiter und schon erblickte sie das fahle Licht aus ihrer Stube. Sie sammelte alle ihre Kräfte und nun streckten sich vor ihr zitternde Hände aus und tausend Köpfe bückten sich vor diesen Händen... Udel schlug die Tür auf. In ein weißes Leinentuch gehüllt, lag der kleine Lejsor auf der Erde gebettet und zwei Kerzen brannten zu feinem Haupte. ... . . . „Rabbi!" klang es grell durch die Stube und Udel stürzte über den Leichnam des verfluchten Knaben. Seite m Literatur. Hebräische Lesebücher. Hochgeehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir, zu dem "jüngst approbierten „Hebräischen Lesebuche" von Dr. Feder einige kurze Bemerkungen. Der Verfasser dieses Buches schreibt in seiner „Methode des hebräischen Unterrichtes": „Man hat leider das Hebräische zu viel als eine tote Sprache behandelt." Um diese von verschiedenen Fibelautoren zum Tode unschuldig verurteilte Sprache zu neuem Leben zu erwecken, soll nun das neue Lehrbuch dienen. Wie tot müßte aber unsere heilige Sprache schon sein, wenn es der Verfasser für nötig findet, jede Leseübung vorerst mit einigen Wörtern aus der Muttersprache des Schülers einzuleiten, um so unserer heiligen Sprache den Geist des Lebens einzuhauchen. Diese Methode ist wohl nicht neu uiid wird sogar von Maybaum in seiner „Methodik" empfohlen, denn, heißt es gewöhnlich: „Vom! Bekannten zum Unbekannten!" Schön! Aber man höre das ...Bekannte" aus der Muttersprache eines sechsjährigen Kindes deutscher Zunge, womit Feder zum „Unbekannten" des Hebräischen hinüberleiten will, und staune! In der 6. Uebuug, Seite 6, lesen wir beim Konsonanten „3" die „deutschen" Wörter „Juno" und „Ninive" — in der 29. Uebung, Seite 34, begegnen wir den „deutschen" Wörtern „Zitat" und „Miliz" — das ist aber weder deutsch noch bekannt. Aber diese Entgleisung ist noch verzeihlicher als die Verworrenheit und Ratlosigkeit in der Auswahl der Wörter im hebräischen Lesestoffe. durch welchen Teil die hebräische Sprache von den Toten mrferstehen sollte. Ueber das unmethodische Aneinanderreihen verschiedener Wörter, die untereinander nur durch den zu behandelnden Konsonanten Zusammenhängen, einen alten, allen hebräischen Fibelautoren gemeinsamen Fehler, will ich mich an einer anderen Stelle auslaffen. Aber was sollen Lehrer und Kinder mit Wörtern wie m u ma (gauach, giach) mv u p'D' (sohed, jaßik) oder mit seltenen hebräischen Eigennamen wie n^ts u mn (thoach. telem), was mit den unorthographischen "HD u *133 (Seder mit 2 Segol, Neched mit Zere u. Segol), was endlich mit dem verunglückten *?33 (sprich Nibbel!) beginnen? Wir haben ein schönes deutsches Wort: „Red' was wahr ist, sprich was klar ist." Diese Lebensregel enthält auch pädagogisch-methodische Mahnung an jeden Lehrer, besonders aber an jene Lehrer, die sich zumuten, ein hebräisches Lesebuch herzustellen. Der Verworrenheit und Ratlosigkeit ist hier kein Ende. Und doch soll und muß jede Tätigkeit in der Schule nutzbringend sein, jedes Wort der heiligen Sprache, der Sprache unseres Gottesdienstes, das wir dem Kinde beibringen, darf deshalb nur dem Bereiche unserer Liturgie und den bekannten ethischen Lehren der heiligen Schrift entnommen werden, so daß der Schüler nach Jahren sich mit Freude an den Lesestoff der Fibel erinnern soll. Diesen Weg führt uns das neue Lehrbuch nicht. Viel Mehr erpreßt uns ein solches Lesebuch die alte Klage, die Graser ausrief: „Der erste Kinderunterricht tst die erste Kinderqual!" „Und Lehrerqual!" möchte ich hinzufügen, denn jeder Lehrer will was leisten, solche Bücher aber machen jede Leistung unmöglich, denn die Uebung solchen Lesestoffes ist nach Pestalozzi blos ein „Gedanken- und anschauungsloses Maulmachen". „Für die Kunst, seine Sprache zu gebrauchen", sagt Herder, „gibt es eine vortreffliche Uebung — Lesen heißt diese Uebung. aber ein Lesen mit Verstand und Herz". Unsere Altvordern haben diese Regel in den Sprüchen der Väter kürzer ausgedrückt: nran". Aber aus der unfruchtbaren, öden und felsigen Wüste der Wörter: (mimah) nüö u bx (Nibbel!) u bl3, bblfl u rpri, 1311 u 133-3, TTD u 123 können wir weder den Funken der Vernunft noch den Quell des Lebens herausschlagen! Treffend sagt Feder in seiner „Methode" von den im Gebetbuche selten vorkommenden Vokabeln: „Und wenn ich sie mit kleinen Kindern durchnehme, ist es so viel, wie wenn ich ihnen fremde Kupfermünzen schenke, für die sie sich nichts kaufen können". — Was kaufen wir uns für die eben erwähnten allerseltensten Vokabeln, mit denen wir unsere Kinder quälen sollen? Aber, wird der Verfasser mir antworten, das Lesen ist ja nach meiner Methode nicht die Hauptsache, es ist vielmehr ein notwendiges Uebel, um sofort zur Uebersetzuug und Grammatik zu schreiten, denn, ruft der Verfasser aus, „Wir werden hebräische Grammatik durchnehmen", (sollte wohl heißen vor nehmen!) „damit wir nicht sehen, wie die Kinder dem Judentums absterben!" Wie hat sich aber der Verfasser dieser Aufgabe entledigt? Er übersetzt das erste hebräische Wort seines Lehrbuches "n„ und verbindet es mit den Suffixen des Poffefivpronomen vn »h usw. Das ist eine Sünde gegen den Geist der hebräischen Sprache, denn solche Wörter gibt eS nicht, und kein gewissenhafter Gelehrter, noch weniger ein Pädagoge darf sich solche Profanation der heiligen Sprache zu Schulden kommen lassen. „Alle hebräischen Formen in Grammatik und Uebungsbuch", schreibt Professor Strack in der Vorrede zu seiner hebräischen Sprachlehre,, „finden sich wirklich in der Bibel; keine Form ist von mir gebildet." So groß