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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 688 Dr. Brochs WochMMift Nr. 38 Dieser soll die Schule Ln Bann und Acht legen. Die Aufregung, die alle Gemüter erfaßte, war furchtbar. Alt und Jung,- Groß und Klein, alles jammerte und. wchklagte, und indeß die Jungen wie toll von Stube zu Stube liefen, saßen die Alten und Aeltesten der Gemeinde ruhig und gottergeben über ihren Folianten und wiegten bedächtig das Haupt: „Gott verlaßt sein Volk nicht,, so manches Unglück wehrte er mit seiner starken . Hand ab. auch dieses wird weichen." Trotz der herannahenden hohen Feste, entschloß sich der Wunderrabbi, seinen Sitz für die heilige Mission zu verlassen und fuhr in das von Ketzern.-und Abtrünnigenbedrohte Städtchen, um allen zu fluchen/'die es es wagen sollten, ihre Kinder in die verfehmte Schule zu ipfen. „ ■ Und es war ein Fesh- und..Schreckenstag als der Rabbi eintraf.^ n Bon allen Enden und Ecken liefen^ die Leute zusammen, um den gottgefälligen Mann von Angesicht zu Ang^icht zu sehen, , ihm die Hand drücken oder doch sein Kleid berühren Zu dürfen. Im Städtchen brodelte es, wie in einem Kessel, Wagen aus der Umgebung fuhren zusammen, Kranke. Lahme. Gebrechliche und Blinde mzt sich führend, Säuglinge an der Brust verkümmerter Mütter- Kinder, alles, alles lief zusammen, um Heil Und Genesung bei diesem Manne zu suchen, dessen Wort Wunder tut. In finsterer Erwartung schaute Reb Mordechaj diesem Treiben zu, als ein großer Teil der Wallfahrer ander Schenke vorbeifuhr, und an jenem Donnerstag, als der Rabbi seine Rede zu halten hatte, umschlich ihn eine trostlose Reue. Doch fest war er in seinem Beschlüsse, er ging nicht in das Städtchen, und dies benützte seine Frau Udel und eilte bei Tagesanbruch dahin, um sich in der Synagoge einen Platz zu erkämpfen. Zum erstenmale seit Wochen sprach Reb Mordechaj seine Frau wieder an.: „Wohin eilst dp denn so schnell?" und er schöpfte Atem. Seine Pulse schlugen heftig, sein Gesicht wurde verzerrt und er schrie, wie einst im Walde : „Nicht der Rabbi und nicht die ganze Welt sollen dir helfen, Lejsor muß in die Schule kommen!" und er lief hinaus in den Wald. Wie versteinert blieb Udel stehen. Wie ein Bsitz vom heiteren HimMel ward über sie die schreckliche Enthüllung ihres Gatten gefallen, und es erschien ihr, als wäre die Welt aus ihren Festen gerüttelt worden, und sie schülg die Hände über ihr Haupt zusammen. Aus ihrem Taumel wurde sie durch das Gerassel der immer mehr ankommenden Wagen gerissen und sachte machte sie sich auf den Weg. . . . Und dreimal klopfte «der Tempeldiener auf ein Pult und rief laut mit bewegtet. Stimme: „Der Rabbi gebietet Euch Stille, er soll sprechen!" Uyd es herrschte Totenstille, als der greise Rabbi, in seinen Gebetmantel gehüllt, die improvisierte Kanzel betrat. Sein weißer Bart fiel auf die Brust, und aller Atem stockte, als weich und ergriffen seine Worte jerklangen. Und Mer Augen waren an den Greis geheftet und aller Herzen klopften, als dessen Stimme immer rauher.und drohender ertönte. Und Udels Herz, es klopfte wie das eines eingefangenen Vogels, und ihre Blicke waren flehentlich an die bleichen Lippen des Rabbi geheftet, sie weinte und bittere. Tränen flössen Über ihre Wangen und sie bat inbrünstig den lieben Gott, .er möge den Satan, von dem ihr Mann besessen ist, aus Mm jagen, sein Herz erweichen, und ihn von dem Wahne retten, sich gegen den Willen Gottes und des Rabbi aufzulehnen, ha er doch ihren einzigen Lejsor, ihr einziges Kind, dem Verderben preisgeben will und Unglück über das junge Haupt Haufen, und eine Sturzwelle von Tränen floß in ihren Schoß als donnernd die Stimme des Rabbi erklang, indem er die Hände über aller Häupter streckte: „Und ich fluche allen, die ihre Kinder in die Schule schicken werden, , und verflucht in aller Ewigkeit seren jene Kinder!" „Rabbi!" erklang es plötzlich schrill und verzweifelt durch das Gewölbe und ohnmächtig sank Udel in hie Hände der wimmernden Weiber. . . Lejsor kam auf die Schule. Am Morgen führte ihn Reb Mordechaj dahin und mittags holte er den Knaben ab, um ihn vor den Schikanen seiner Altersgenossen zu schützen. „Abtrünniger! Gottesleugner! Verdammter!" riefen sie dem Knaben und seinem Vater nach und einst-geschah es, daß Vater und Sohn mit Steinen beworfen wurden. * 1 Mit Lejsor. saßen noch sieben Knaben auf der Schulbank und teilten mit ihm das gleiche Los. Lejsor sah wenig'' auf die Schimpfworte, die auf ihn und seinen Vater fielen, er besuchte den Unterricht fleißig und gab sich dem Studium dieser neuen Lehre mit größtem Eifer hin. Wie groß war seine Freude, als er eines Tages ein Stück einer Zeitung faßd, in die Käse gewickelt war, und diese, laut syllabisiMnd, seinen Eltern vorlas. Bei solchen Anlässen gab sich Reb Mordechaj träumerischen Hoffnungen hin, und er sah: seinen Lejsorbald als einen ho chberühmteü Advokaten, als gesuchten Arzt oder ansehnlichen Kaufmann, wiewohl her Fluch des Rabbi ihm lastend von Zeit zu Zeit auf dem Gewissen lag.; Es verstrichen Wochen, die Stadt gewöhnte sich äN den Anblick der Schulkinder, an die Schule, tolerierte schon zum Teil die Anwesenheit jener Kinder pnd deren Eltern in der Synagoge, und es schien, als kehre in dem Städtchen seine äußere Ruhe wieder zurück.. , Auch UdelMgte sich dem unbeugsamen .Willen ihres Gatten, doch sirll und traurig wurde sie seit dem Tage, als Reb Mordechaj den Knaben in die Schule geführt hat. Immer wieder und. wieder sah sie die fluchenden Lippen des Rabbi und immer wieder und wieder sah sie Todesgefahr über ihrem Lejsor schweben. Doch verzweifelt machte die Eltern eine plötzliche Erkrankung des Knaben, als er an einem Donnerstag von der Schule kehrte und über Seitenstechen und. starken Husten klagte. Der Knabe wurde ins Bett gebracht und die Eltern wünschten, der Markt wäre schon um, um sich der Pflege des.Kindes ungestört widmen zu können. Zwei Tage verbrachte der Knabe ziemlich ruhig, doch Freitag abends stellte sich, Fieberhitze ein, die dem Knaben das Bewußtsein raubte und die Ellern die ganze Nacht hindurch gefesselt am Krankenlager hielt. Der Morgen brachte eine Erleichterung, die Hitze schien völlig gewichen zu sein und munter plauderte der Knabe mit den Eltern, und freute sich, den nächsten Tag, Sonntag, wieder in die Schule gehen zu dürfen. Je mehr aber die Sonne sich gegen Westen neigte, ging es dem Knaben schlimmer, er klagte abermals über starkes Stechen, Hitze und Schüttelfrost haben ihn befallen, die Augen wurden verglast und eine starke hektische Röte trat auf sein Gesicht. Er wollte noch sprechen, als' matt und kraftlos sein Körper in die Kissen zurücksank. 1 . i; i i : : „Lejsor", stieß Reb Mordechaj aus, „Lejsor, mein Kind", und er beugte sich über den Knaben. Lejsor schlug die Lider auf und bewegte die Lippen. „Lejsor", rief nochmals Reb Mordechaj unter Tränen. „Ja! Vater! warum weinst du?" hauchte der Knabe. Mir ist schon wieder gut ... nicht, wahr, ich werde morgen wieder in die Schule gehen. . ." und wieder sank der Körper des Knaben zurück. Es dunkelte.

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