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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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D r. MM Mordechaj wollte, es märe schon der Sabbatmorgen, damit er, wie allwöchentlich, am Gottesdienste in der Stadtsynagoge teilnehmen könnte, um aber auch dort in der Stadt über die Schule näheres zu erfahren. Während der Mahlzeit, die allerdings nqch streng orthodoXischer Sitte getrennt von der Frau genommen wurde, sprach Reb Mordechaj kein Wort, und als er alle vorgeschriebenen Gebete bereits verrichtet hatte, legte er sich schlafen. ' Frühmorgens erwachte er und ging mit seinem Lejsor in die Synagoge. Nur einmal wöchentlich nahm er mit der ganzen Gemeinde am Gottesdienste teil, und dies nur am Sabbat oder an hohen Feiertagen. Nach den verrichteten Gebeten verwandelte sich stets die Synagogein einen Sprechsaal, wo über allerhand Dinge, über Politisches, Weltliches, Städtisches, lebhaft verhandelt wurde, wo einzelne Beamte, die Minister selbst nicht ausgeschlossen, .abgesetzt und an ihre Stellen neue berufen, Kriegspläne entworfen und Friedensverhandlungen angebahnt wurden, kurz, die Synagoge ward mit einem Schlag zum Mittelpunkt der Weltpolitik. Und daher bildete die Synagoge für Reb Mordechaj eine, besondere Anziehung, denn die ganze Woche lebte er abseits pon der Gemeinde, und nur an diesem einzigen Tage in der Woche fand er Gelegenheit, am politischen Kleinleben seiner Glaubensgenossen teilzunehmen. Dieser Samstag gestaltete sich jedoch stürmischer als alle vorherigen, man vergab an die Ministerkrisen, Staatsstreiche und Zolltraktate, und die Schulsrage kam guf das Tapet. Die Aufregung wegen der Gründung der Ortsschule hat derart überhand genommen, datz der Stadtrahbi während des Gebetes schon zur Ruhe mahnen mutzte, um die erhitzten Gemüter zu beschwichtigen. Doch ein wahrer Höllenlärm entstand, als die letzten Psalmen verhallten und jeder nach^Eutdünken pro oder kontra sprechen durfte. Einstimmig wurde schlietzlich beschlossen, der Schule mit aller Kraft entgegenzuarbeiten, um dieses Teufelsnest im Keime zu vernichten. Reb Mordechaj horchte, schaute, doch selbst wagte er mit keiner persönlichen Anschauung aufzutreten und mißmutig trat er den Weg nach Hause an. '. >! Beim Mittagessen erzählte der kleine Lejsor, wie es ihm leid tue, datz die Schule nicht zu eröffnen in der Synagoge beschlossen wurde, da er doch auch einmal in dem schönen Bilderbuche, das er beim Doktorssohn gesehen habe, lesen möchte und auch Doktor werden will..! Die gotteslästerliche Sprache, die. Lejsor führte, brachte Adel auf, und sie hätte dem Knaben eine Schelle versetzt, wenn nicht die schützende Hand des Vaters sich dazwischen gelegt hätte. Seitdem die Schulfrage von Reb Iossel aufgeworfen wurde, fand Reb Mordechaj keine Ruhe. Ein bangendes Gefühl erwachte abermals in ihm, das er schon längst für einen überwundenen Standpunkt wähnte, ein Gefühl, das nie mehr an das Tageslicht treten würde, loderte jetzt in lichterlohen Flammen auf. Wer hätte in dieser typischen Ghettogestalt ein zarteres Empfinden, eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem vermutet, lag denn nicht in seinen Zügen nur die Gier nach dem Gelde.. streckten sich denn nicht seine Finger krampfhaft nach dem roten Golde aus, konnte denn auch nur etwas anderes die Wucherseele empfinden....? Und so anders schlug dennoch das Herz in diesem verdorrten Körper und ein Bangen stieg in ihm auf, vor dem sich Reb Mordechaj nicht retten konnte, ein Bangen, das ihn erzittern machte, und in den tiefsten Abgrund der Seelenqual ihn stürzte. Reb Mordechaj lief in den Wald. In der kühlen Waldluft wollte er Ruhe finden, dort wollte er seine Gedanken zurechtlegen. Vor Jahren stieg in ihm der Gedanke auf. seinen Lejsor in eine weltliche Schule zu schicken. Er wollte nicht, datz sein einziger Sohn Waldschenker bliebe, datz er den ganzen und schweren Kampf seines Vaters durchmache und schlietzlich in Kummer, Not und Dürftigkeit von hinnen scheide. Doch nie war Reb Mordechaj in der Lage, einen Lehrer zu bezahlen, oder gar seinen Sohn in der Kreisstadt zu hallen, wo er eine Schule hätte, besuchen können, und nun sollte in diesem Städtchen eine Schule errichtet werden, und er sah mit einemmale alle seine längst schlummernden Pläne und Hoffnungen in Erfüllung gehen. Doch gleich weckte sich sein Gewissen. Er, Reb Mordechaj, der Sohn eines frommen und gottergebenen Mannes. er soll seinen Sohn, seinen einzigen Sohn, in chne von der heiligen Lehre, von den Frommen und Heiligen verpönte Schule schicken. Er, Reb Mordechaj, der Waldschenker, er sollte es wagen, sich gegen Gott und seine Auserlesenen aufzulehnen, und er empfand, datz ihm das Herz vor Qual und Schmerz berste. Sein Lejsor soll noch ein Abtrünniger werden, den alten Glauben noch leugnen und sich als Widersacher gegen sein eigenes Volk, gegen seinen Gott, gegen die Lehre, gegen alles, was eine jüdische Seele hat, er Lejsor. solle sich gegen dies alles wenden, und er. Reb Mordechaj, soll ihm darin behilflich sein, seine Hand daran legen, um dem Teufel zu seinem Werke zu verhelfen. . . .? Und wenn Lejsor kein Abtrünniger wird, wenn er bei seinem Glauben verharrt. Auch das ist möglich. Dann soll er ein vornehmer Mann, ein großer Kaufmann, vielleicht ein Advokat oder ein Arzt werden, der unter Gottes Beistand, hilfreich und genesend den Kranken die Hand reicht. Und freudig erregt sagte er vor sich hin: „Lejsor soll in die Schule kommen". Zum erstenmale sprach sein Mund die schrecklichen Worte und Reb Mordechaj erschrak vor seinem eigenen Laut. Es war ihm, als hätte ein böser Geist für ihn die Worte gesprochen, die er jahrelang in seinem tiefsten Innern gefesselt hielt, und nun klangen sie hinaus in alle Welt, datz Reb Mordechaj der Taufpate seines Sohnes Lejsor werlwn solle... „Gott! Helfe mir", wimmerte er. „willst du, datz Lejsor in dieser Schenke hier Hungers sterbe . . . Gott", schrie er auf und rief in den Wald hinein, „Lejsor mutz in die Schule kommen..." Wochen verstrichen seit jenem Samstag, als Reb Mordechaj den Entschlutz gefätzt hatte. Er äußerte vor niemandem sein Vorhaben, selbst Adel wußte vonnichts, doch bemerkte sie eine Umwandlung, der Reb Mordechaj unterlag. Er fastete jeden Montag und Donnerstag, nahm nicht jenen regen Anteil an den Markttagen, die immer ein und dasselbe Aussehen hatten, ging an den Sabbattagen nicht in die Synagoge, und verbrachte glanze Tage im Walde. Die Versuche Udels, ihren Mann zu einer Aeutzerung zu bewegen, blieben ohne Erfolg und sie mutzte mit Recht annehmen, er habe ein Gelübde geleistet, von dem er niemand etwas sagen dürfe. So verstrich der ganze Sommer, die hohen Feiertage. das Neujahr, der Bersöhnungstag und das Laubhüttenfest rückten heran, und wieder wurde die Schulfrage, die nie geruht hatte, mit aller Wucht ans Tageslicht gezogen, denn gleich nach den Feiertagen sollte die Schule eröffnet werden. Die Gemeinde setzte sich gegen die Schule bei allen Instanzen ein, Deputationen fuhren zum Bezivkshauptmann und zu anderen hohen Amtspersonen, und als alle Mittel fehlschlugen, griff man zur gewaltigsten Waffe, zum Wunderrabbi.

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