Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Lelu t'36 Dr. Bwchs WochMchrift des „Fraind" in Warschau. Vorige Woche wurde die Ausgabe des Warschauer jüdischen Tagblattes „Der Fraind" konfisziert und der Redakteur S. I. Rappaport unter Anklage gestellt, weil bas genannte Blatt die Resolution der finnländischen Sozialisten zum Abdrucke brachte. Bemerkenswert ist diese Maßregel deshalb, weil die beanstandete Resolution Mch in der offiziösen „Nowoje Wremja" erschienen war, ohne daß dieses Blatt zur Verantwortung gGvgen worden wäre. De!r französische Generalprolurator in Gniana. Der Generalstaatsanwalt am Appellationshofe in Indo-China M. Levy wurde zum Generalprokurator in Französisch-Guiana ernannt. Em jüdischer Inspektor in Mazedonien. Isaac Effendi Jeschna, Chef der Gendarmerie-Kommandantur im türkischen Kriegsministerium, wurde zum Inspektor für Mazedonien ernannt. Feuilleton. I« der WaldschenKr. Von Louis B a l a b a n (Lemberg). Seltsam stach vom grünen Laub des dunklen Waldes die weißgetünchte Waldschjenke ab. Sie. stand einsam auf dem halben Wege der langen, zwei jüdische Städtchen verbindenden Fahrstraße, die nur selten und wenig von Leuten betteten wurde. Bloß am Dienstag und Donnerstag, zur Zeit, als in je einem der beiden Städtchen der Wochenmarkt abgehalten wurde, ward es rege auf dieser Straße und auch in der Waldschenke. wo der Handelspreis festgesetzt, der Kauf halb fertiggestellt und so mancher Vertrag geschlossen wurde. An diesen Tagen hatte Reb Mordechaj, der Waldschenker, Adel, seine Frau, und der kleine zehnjährige Lejsor vollauf zu tun. Mit kunstgerechter Hand wurde hier der Schnaps eingeschenkt, so manche Schuld von vorher eingetrieben, dem einen, oder dem anderen, zum Kaufe oder Verkaufe verholsen, selbst hie und da eine Henne, ein Schock Eier, ein Fell oder dergleichen mehr gekauft, um dies sofort mit kleinem Nutzen wieder an den Mann zu bringen. Wagen mit blökenden Ziegen, Lämmern, Kälbern, gackernden Enten, grunzenden» Schweinen, alles stand im buntesten Durcheinander vor der Schenke vom frühen 'Morgen bis Sonnenuntergang und brachtt Leben in diese Waldeseinsamkeit. Nur manche mal fuhr noch ein Nachzügler spät Abends vor .der Schenke vor, und mit ihm schwand wieder jedes Leben für einige Tage, bis zum nächsten Wochenmartt. So ging es jahrelang, durchs ganze Leben, ohüe Wechsel, mit kleinen Zwischenfallen, die nur für kurze Zeit die Gemüter der Schenkebewohner in Anspruch nlchmen. j And der dem Martte folgende Tag war wieder ruhig, Reb Mordechaj saß vor seiner Hütte und blickte ms Blaue hinein, Adel machte sich an ihrem Hausrat zu schaffen und der kleine Lajsor ttieb sich in den unterrichtÄfreien Stunden, fm Stall, beim kleinen Pferde, bei der Kuh, beim Geflügel und lim Walde heruNt, oder lauerte gar auf einen Falken, der von Zeit zu Zeit, hoch in den Wolken einen großen Kreis zeichnete und sausend auf das Geflügel niederrauschte, um mit der verzweifelten Beute das Weite in den Lüften zu suchen. An solchen Tagen galt das Borbeifahren «iNer Dorfkutsche wohl als ein Ereignis. Auf das Rchd^ «I. 38, gerassel hin liefen die Inwohner der Schenke gleich auf die Straße und blickten dem Wagen so lange nach bis er in den Staubwolken gänzlich, ihren Blicken verschwand. Dieser kleine Vorfall brachte aber die Leute aus dem Gleichgewicht, und es begann ein langes Meditieren, wer die vornehmen Insassen sein mochten, von wannen und wohin sie fuhren: vielleicht war es der Steuereinnehmer, der Richter oder gar der Herr B^irkshauptmann in höchst eigener Person? > Bei diesem Gedanken ttaute sich. Reb Mordechaj hinter dem Ohr, ob er nur recht devot diesem gestrengen Herrn die Ehrerbietung bezeugt und Adel, seine Frau nicht Mißfallen etwa erregt habe, oder gar der kleine Lejsor, der just wild mit seiner Weidenrute nach den schönen Rossen hauen wollte, aber zum Glück, noch rechtzeitig, von dieser Tat abgehalten wurde. Das Vorbeifähren einer Kutsche gehörte zu jenen Ereignissen, die ein Sprechthema für den lieben ganzen Tag geliefert haben, und mit sehnender Neugierde erwartete man einen der nächsten Markttage, um von den Städtern über das Reiseziel und den Zweck derer oder jener zu erfahren. Zu solchen permanenten Berichterstattern gehörte ohne Zweifel der Dorfgeher Reb Iossel der Lahme. Der wußte von allerhand Dingen mit der peinlichsten Genauigkeit zu erzählen, als er von seiner Wochenwanderung, mit einem Sack auf dem Rücken, am Freitag nach' Hause, in das benachbarte Städtchen, kehrte und es sich nicht nehmen ließ, um jede Woche ein Stündchen hei Reb Mordechaj in der Schenke zu verbringen. Aber diesen Freitag, als Reb Iossel in die Schenke kam, begrüßte er die Anwesenden mit einem mürrischen „Gotthelf", schob sich! in eine Ecke und pappte verdrießlich an seiner -Pfeife. Reb Mordechaj setzte sich! sofort zu Reb Iossel hin, begrüßte ihn mit dem üblichen „Schjalem" und fragte was neues in der Welt vorgefallen sei. Reb Iossel räusperte sich, blinzelte mit den Augen und brachte schließlich über seine Lippen: „Ein Unglück zieht über Israel". „Ein Unglück?" riefen Reb Mordechaj und Adel im Chor. „Ein UngWck, sage ich", schäumte Reb Mordechaj und erzählte, er habe in der Stadt das Gerücht von der Gttlndung einer jüdischen Volksschule vernommen, wobei er am ganzen Körper zitterte. „Gott behüte uns vor dieser freuen Versuchung", jammerte schon Adel. „Ich wdrde meinen Lejsor nicht in die Schule schicken, nein, ich will nicht, daß er ein Abtrünniger werde, daß er ohne Kappe ißt, am Sabbat rauche, lieber. . . lieber . . . o! . , , Gott!" Und Reb' Iossel erzählte, welches Unglück eine Schule für ganz Israel bedeute, daß man die Jugend in diesen Höllen zu Renegaten erziehe, man entteißt die Jugend ihrem einzigen und wahren Gott, Und so nur allein verhindere man die Ankunft des Messias, man häufe Pein und JaNrmer über Israels Haupt, und man müsse sich mit aller Kraft gegen die Gründung einer Schule sträuben. Noch lange wurde darüber mit Bestürzung und Verzagen gesprochen, und immer, zum abersten Male, beteuerte Adel, sie werde ihren Sohn nicht in die Schule schicken. Reb Iossel, nachdem er einen „guten Sabbat" der Schenkerfämilie gewünscht hatte, machte sich auf den Weg nach Hause und Adel, noch immer unter dem Eindrücke dieser Hiobspost, traf Vorbereitungen, den heranbrechevden Sabbat in der althergebrachten Weise zu begrüßen. Reb Mordechaj saß nachdenkend in einer Ecke der Stube und schien gar nicht die vielen Fragen, die Adel während ihrer Arbeit an ihn gerichtet hat, zu beachten, oder gab bloß einsilbige kurze Antworten. Reb