Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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LÄ'üaSÄi.u.'a«* «Ä-. Nr. 38 Dr. Brochs MW Seite 837 Z Entfaltung der durch unverbrüchliche Einigkeit und Gesetzmäßigkeit verhundertfachten Volkskräfte die furchtbaren Verheerungen, welche die Zwietracht und der Haß anzurichten vermögen. Die christlichsoziale Partei hat die Entrechtung der Juden und die Niedertretung aller, die nicht blindlings ihrem ParteidikLat gehorchen, auf ihre Fahne geschrieben. Der Lordmayor von London belehrt sie darüber, daß dies der Anfang der Entrechtung aller, der Machtverzicht und Machtverlust des gesamten Bürgertums sei. Die „Herren von Wien" haben sie sich genannt, und der Lordmayor sagt ihnen, daß sie nicht Herren, sondern Sklaven der niedersten Sorte seien. Und nicht ihnen allein! Auch höher hinauf zielen die weisen Worte dieses ersten Bürgers des britischen Reiches. Es ist selbstverständlich, daß die Verwaltung, einer Stadt nicht parteimäßig und nicht nach politischen Meinungsdifferenzen geführt werden darf. Es ist aber auch selbstverständlich, daß die Staatsgewalt nicht dulden dürfte, daß durch solche Parteiwirtschaft und Pärteiwillkür der Sinn für Gesetzlichkeit und Recht in der Bevölkerung erschüttert werde. Wien war vor wenigen Tagen der Schauplatz wilder Sträßenkämpfe, vandalischer Roheit, bestialischer Zerstörungswut. Ist das nicht jahrzehntelang großgezogen worden durch die Duldung, ja Förderung des Unrechtes, das durch die antisemitische Hetze an den treuesten Bürgern dieses Staates und Dieser Stadt verübt wurde? Wenn man zwanzig Jahre lang ungestraft predigen läßt, daß ein durch Patriotismus, Gewerbs- und Handelsfleiß hervorragender Teil des Volkes, nur um seiner Konfession willen, entrechtet, beraubt, gehängt oder geköpft werden soll, wie kann man sich dann wundern, daß die „halbwüchsigen Jungen" draußen in Ottakring und Breitensee, daß eine also systematisch vergiftete und entartete Jugend die Brutalität ihrer Instinkte gegen alle Bürger, gegen die gesamte öffentliche Ordnung austoben läßt? Rascher als man ahnte, hat die furchtbare Wirklichkeit die Wahrheit der Rede des Londoner Lordmayors bestätigt. Tief hinein in das Herz der Bevölkerung hat sich der an den Christlich-Sozialen aufgewühlte und genährte Haß gegen Recht und Gesetz gefressen und bei solcher Untergrabung des Rechtlichkeitsgefühles ist von der Verfolgung der Juden zur Bedrohung aller Elemente der Ruhe und Ordnung nur ein einziger kurzer Schritt. Bürgermeister Dr. Neumayer setzt seine Rundreisen durch die europäischen Hauptstädte fort. Der alte Mann scheint eine tiefinnere Empfindung dafür zu haben, wie viel es da draußen für einen Wiener Bürgermeister christlichsozialer Couleur zu lernen gibt! Siegfried Fleischer. Der Klee«» gegen da» Haus Habsburg. (Fortsetzung.) Wenig mehr gls ein Menschenalter verging, bis die römische Kirche sich wieder einen Habsburger zur Verfolgung und Beraubung auserkor. Diesmal war es der Sohn Friedrichs mit der leeren Tasche, dessen Leiden wir eben geschildert haben, Herzog Sigmund von Oesterreich, Graf von Tirol, der den Schutz, den der Altar dem Throne gewährt, auf eigene Kosten kennen lernen sollte. Und wieder waren es die freien Schweizer, welche sich gern vom .Papste zur Beraubung eines Habsburgers .aufhetzen ließen. Da lebte irgendwo in Westdeutschland ein in Cues bei Trier geborener Advokat, Sohn eines Weingartners, dessen Familiennamen man nicht gekannt oder vergeffen hat, denn man nannte ihn nur der „aus Cues" (Cusanus). Er war zuerst Advokat, dann trieb ihn Aerger über einen verlorenen Prozeß in den Dienst der Kirche, wo er bald zu Ansehen gelangte. Beim Konzil von 'Basel (1431 bis 1443) war er anfangs Verteidiger von dessen Rechten und Ansprüchen gegen den Papst> trat aber dann, „in Widerspruch mit seinen bis dahin in Schrift und Wort verteidigten Grundsätzen, zur päpstlichen Partei über und ward deren Hauptstütze." Er scheint für diesen Uebertritt kein anderes Motiv gehabt zu haben als den Wunsch, emporzukommen, und dieser iwurde ersüllt. Die römische Kurie befördert gern begabte Ueberläufer. So ward auch der Cusaner bald (1448) vom Papst Nikolaus V. zum Kardinal, kaum zwei Jahre später zum Bischof des reichen und angesehenen Bistums Briren in Tirol ernannt. Das Domkapitel hatte zwar bald nach dem Tode seines Vorgängers den Domherrn Wiesmayer zum Bischof gewählt, wozu es nach den bestehenden Gesetzen, und dem kurz vorher vom Deutschen Reich mit dem Papste geschlossenen Konkordat vollkommen berechtigt war, und Herzog Sigmund hatte den Gewählten selbst in den Besitz des Bistums eingeführt. Die Ernennung des Cusaner war reine WilMr des Papstes, der (in seinem Schreiben an das Kapitel) kein haltbares Motiv für diese Verletzung von Recht und Vertrag ansühren konnte. Er berief sich nur auf die Autorität seines hohen Amtes. Er fühlte aber selbst, wie ungerecht er gehandelt hatte, und versprach dem Kapitel und dem Herzog beim Tode Cusas die Wahl wieder freizugeben. Da dieser noch keine fünfzig Jahre alt war, so hatte die päpstliche Zusage nicht vielen Wert. Der Herzog Md das Kapitel protestierten gegen diese Ernennung, aber es Haff ihnen nichts; der Papst forderte Gehorsam. Und auch Kaiser Friedrich, obwohl selbst Habsburger, hat anfangs aus Feindschaft gegen seinen Vetter Sigmund und weil er zu seinen sonstigen Zwecken der Gunst des Papstes bedurfte, den Cusaner qls Bischof anerkannt. Und endlich kam auch durch Vermittlung des Erzbischofs von Salzburg ein Ausgleich zustande, wobei, wie es scheint, her Herzog, von den schlauen Geistlichen übervorteilt wurde. Von den Absichten der Kurie und dem eigentlichen Zweck der Ernennung des Cusaners, der inzwischen auch zum päpstlichen Legaten in Deutschland ernannt worden war, konnte der Herzog freilich nichts wissen. So hat er dessen Ernennung anerkannt. Der früher rechtmäßig gewählte Wiesmayer erhielt eine Entschädigung und Cusa nahm im April 1452 vom Bistum Briren Besitz. Aber „es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt". Und als böser Nachbar, sowohl für den Herzog als auch für manche Klöster Tirols, erwies sich der neue Bischof. Er ließ das Land nicht zur Ruhe kommen, hörte nicht auf, dem Herzog Sigmund Abbruch zu tun und ihn zu kränken. Nach Cusas Theorie sollte im Umfange des Bistums Briren nur der Bischof der Herr, der Graf von Tirol nur sein und des Bischofs von Chur Vasall fein. Des Papstes und feine Absicht war, „die landesfürstlichje Macht, die sich in Tirol, wie in anderen Gauen Deutschlands seit zwei Jahrhunderten ausgebildet hatte, mit Vernichtung ihrer historischen Berechtigung umzustoßen und die Dinge in jenen Zustand zurückzusetzen, in welchem sie zwei Jahrhunderte früher gewesen". ... „Zur Wiedererwerbung der durch die Verträge mit dem Deutschen Reich aufgegebenen Reservations- und Ernennungsrechte erschien der Cusaner dem Papste als der geeignetste Mann. Darum übertrug er ihm mit Nichtberücksichtigung des Wahlrechts des Kapitels und ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß die Wahl Wiesmayers kanonisch vor sich gegangen war, das Bistum Briren," sagt der Historiker Tirols, Professor Albert Jäger. Und mehr als dreißig Jahre später sagte der ebenso gut katholische berühmte Historiker der Päpste, Professor Pastor: „Zur Verschärfung und Erweiterung des Konflikts trugen endlich nicht wenig die weitgehenden Fordemngen bei, mit welchen Cusas Vertreter auf dem Tage