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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 686 Dr. BWchs WochMchrist Nr. 38 Der Glaube muß in unseren Herzen glühen, damit er den Erdeuweg durchleuchtet. Der Glaube an den Gott, der sein Volk durch alle Leiden und Drangsale erhalten, der Glaube an den Gott der Gerechtigkeit, Freiheit und Güte. Lehrt man die Jugend, die sich in ihrem Lebensfrühling freuen will, den Gott der Lebeusfreudigkeit erkennen, die Männer, die nach Recht und Freiheit verlangen, den Gott der Freiheit und Gerechtigkeit verehren, die Frauen, mit ihren weichen liebewarmen Herzen, zu den Gott der Milde und Güte beten, dann erleichtert man ihnen den Erdenweg, dessen seltsam gewundene Pfade oft mühselig sind zu schreiten. Nicht in blindem, stummen Gehorchen soll dieser Glaube fich äußern. In ernstem Bemühen, in freier geistiger Betätigung soll er wachsen und Wurzel fassen. Lehrt man den Glauben an einen Gott, in dem man froh sein kann, durch welchen alle Seelenkräfte ausjauchzen, einen Glauben, unter dessen weitem Mantel die Herzen fm atmen können und für alles Edle und Schöne Erglühen, dann werden Alt und Jung mit Begeisterung lauschen und Mt vor Freude geschwellten Seelen werden den Füßen Kraft geben zum nimmermüden Wandern. Denn immer wird es Erdenpilger geben, die noch Gerechtigkeit verlangen, nach Liebe sich sehnen, nach Freiheit dürsten und Freudigkeit wünschen. Und kein Volk auf Erden als das unsere hat mit soviel Klarheit und Bestimmtheit, mit soviel Wärme und Begeisterung durch den Mund seiner edelsten, vornehmsten Männer Glaubenstreue verkündet und sie als eine der heiligsten und teuersten Güter genährt und getragen. Darum ist sie ein Vermächtnis der Unserer!, in unsere Herzen eingegraben und läßt sich nicht mehr daraus verbannen. Kein Volk, keine Rasse hat in rastloser Treue für ihren Gott gekämpft, als die unsere. Seit zwei Jahrtausenden beherrscht der jüdische Gott die Welt, alle Kultur, alle Religionen. Jüdische Moral, jüdischer Geist halfen die Grundlagen bauen, auf denen unser staatliches, rechtliches Leben basiert. Die Juden waren kraft ihres Glaubens Jahrhunderte lang als äußerlich verachtete, nmhergestoßene Obdachlose und heimliche Könige, deren Ideen und Bestrebungen weltbeherrschende Faktoren im Entwicklungsgang der Menschheit bedeuten. In Enge und Unterdrückung schuf.ber jüdische Geist rastlos und erhält den Glauben lebendig. So lange wir wegemüden Pilger diesen Glauben in uns tragen, so lange bleiben Mut und Hoffnung uns zur Seite, so lange leuchten die ewigen Sterne auf unseren Weg zur Heimat, zum Frieden. Und das Gebet, das wir zur Jahreswende zu Gott emporrichten, es möge um die rechte Kraft und Festigkeit bitten, diesen Glauben in uns stark und groß zu erhalten, denn von ihm aus streut gleich einem Füllhorn das Schicksal seine Blüten auf unseren Lebensweg, die nie welken und unserer dürstenden Seele, unseren müden Körper Leben und Licht spenden. . Me Mahnung --es Kordmayors. Der Lordmayor von London ist ein mächtiger Mann. Mächtig nicht allein deshalb, weil er an der Spitze jener City steht, in welcher alle Fäden des kommerziellen und industriellen Lebens aus ganz Großbritannien, ja aus dem ganzen Weltall zusammenlaufen, sondern mehr noch deshalb, weil er die Verkörperung des traditionellen Bürgerstolzes, der stets lebendigen Empfindung des britischen Volkes für Recht und Gesetzmäßigkeit ist. Wenn der Lordmayor von London seine Stimme erhebt, dann spricht nicht etwa nur der ins Britische übertragene Bürgermeister einer Weltstadt, sondern aus ihm spricht die Seele eines Volkes, das seit Jahrhunderten, da noch ganz Europa tief im Absolutismus steckte, fich eine freiheitliche Verfassung errungen und über die Aufrechthaltung dieser seiner magna Charta, seiner Rechte und Freiheiten eifersüchtig wacht. Es ist wirklich nicht ganz dasselbe, ob Herr Dr. Neumayer mit seinen Vizebürgermeistern nach London, oder ob der Lordmajor mit seinen Aldermens nach Wien zu Besuch fährt. Das hat. man in Wien empfunden und die englischen Gäste mit wahrhaft fürstlichen Ehren begrüßt. Man hat ihnen viel gezeigt und viel zu essen gegeben. Die christlichsozialen Rathausherren waren beflissen, den Londoner Herren die österreichische Reichshauptstadt in allem Glanze und Schimmer ihrer natürlichen und künstlichen Reize zu zeigen, und wenn auch die größte Sehenswürdigkeit, der englisch sprechende Bielohlawek, nicht mehr zu sehen war, so gab es doch geüug des Schönen und Anmutigen, das den Lordmajor und seine Begleiter zu aufrichtiger Bewunderung veranlaßte. Freilich, die Schattenseiten Wiens hat man ihnen nicht gezeigt, die tiefe innere Spaltung und Zerklüftung dieser sonst so liebenswürdigen Bevölkerung, den Haß und Hader, der von gewissenlosen Hetzern seit einem Vierteljahrhundert in sie hineingetragen wurde, die Not und das Elend, diedraußen an der'Peripherie der, Stadt hausen und soeben zu furchtbaren Ausbrüchen gegen die öffentliche Ordnung geführt haben. Aber der Lordmayor von London ist ein Mann'von hellem Kopfe, und auch Henn er daheim im stolzen Uousiou- House residiert, erfährt und weiß er, was in der Welt vorgeht, auch in jener Welt, die sich mit dem „Wald- und Wiesengürtel" von dem ganzen gebildeten Europa abzuschließen sucht. Es ist ihm nicht unbekannt gebMen, daß hier ein „großer Bürgermeister" gewirkt hat, ber npr^ durch eine, fluchwürdige Hetze emporgekommen „ist und der ' jüdische^ Pe^ völkerung dieser Stadt, die den Khnt'en Teil all ihrer Wewohner ausmacht, die Alternative' stellte,, sich hälfen oder köpfen zu lassen. Daß unter dem Jubel der Myrmidonen dieses „großen Bürgermeisters" ein Schußgeld auf dje Juden verlangt wurde; daß die Leuchten der. Wissenschaft verhöhnt und gelästert und die weltberühmte Wiener medizinische. Schule mit dem Worte abgetan wurde: Jeder Dürrkräutler verstehe mehr von der Heilkunst als alle Professoren zusammen; daß in den öffentlichen Versammlungen, in denen das Wohl und Wehe der Bürgerschaft beraten werden sollte, nur die blindes Anhänger des christlichsozialen Pgrteidogmas geduldet und die Bekenner einer anderen Meinung mit Knüppeln und Ochsenziemern niedergeschlagen wurden; daß der Stadt eine Schuldenlast von einer Milliarde auf-, gebürdet und daß an all den, herrlichen Bauten, die den Gästen gezeigt wurden, die Parteihäupter sich in der unverantwortlichsten Weise bereichert hatten, usw. mit Grazie. Das alles wüßte der Lordmayor, und nachdem er tagelang die gastfreundlichen Wiener Ratsherren nur immer gelobt hatte, sagte er ihnen hei hem großey Festbankett ein Wort der Wahrheit. Höflich, aber deutlich. „Wir glauben", sagte der Lordmayor in seinem Trinkspruche, „daß es die erstem Pflicht aller jener ist, die an der Spitze von Ver waltu ngskorporation enst ehe n, das Recht und die Prinzipien eines jeden Einzelnen zu achten und zu schützen.. Unsere Aufgabe muß es daher sein, daß wir zunächst unseren Funktionen und Obliegenheiten mit der größten Gewissenhaftigkeit Nachkommen, daß wir den festen Willen haben, unseren Einfluß in gesetzmäßiger Weise geltend zu machen, daß Jeder von dem Grundsätze beseelt sei, d a ß A l l e g e s ch ä d i g t werden, wenn einem Einzelnen ein Unrecht geschieht. Wir müssen uns vor Augen halten, daß, b evor die Menschen uns zu Bürgern gemacht haben, Gott uns zu Menschen machte, daß durch das Unrecht, das dem Einem zugefügt wird, alle Anderen mitbetroffen werden. Das find Sklaven niederster Sorte, die das Rechtlichkeitsgesühl nur für sich selbst in Anspruch nehmen und nicht für das ganze Volk." Solche Worte sind bei einem christlichsozialen Rathausbankett noch nicht gesprochen worden. Und der sie sprach, kennt aus der glorreichen Geschichte seines Landes, aus den heißen Kämpfen zwischen einem herrschsüchtigen Adel und einem selbstbewußten Volke, aber auch aus der großartigen

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