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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 38 Qr BlOCh’S Jahrgang XXVIII Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -n= 1 _ - Wien, 22. September 1911 Brscbeint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien. IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloches Wochenschrift, Wie«. QO~-=' .- -==00? Vrzugsprris für VrstrrrrUh: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal» 2 tene Petitzeile 24 Heller. C HO — -So S. k. Pofisparkafsrnarnt Älearing-Verk ebr «r. 810.976. Redaktion und Administration: Wir« mit. Hahngaffe Nr. 15. Inhalt: Leitartikel: Jahreswende. — Die Mahnung des Lordmayors. — Der Klerus gegen das Haus Habsburg. — VomJahrmarkt des Lebens: Stolypin ermordet. Zur Naturgeschichte der ruffischen Gesellschaft. Beweis: Die Schönheit der Sprache. Die Juden in Agadir. Die geheimnisvolle Unbekannte aus dem Dreyfus-Prozeß. Jüdische Grabsteine in Friesach. Andersgläubige Erzieherinnen in jüdischen Familien. Ein Appell an die jüdische Jugend Italiens. — Korrespondenzen: Wien. Was versteht das »Salzburger Volksblattunter einer Judenschule? Die Friedhof-Steuer. Bischof und Rabbiner. Verhaftung galizischer Kaufleute in Ungarn. Die Mischehen in Ungarn. Jüdische Auswanderung im Monate Juli. Ein neuer jüdischer Bey in Egypten. Hohe Auszeichnung des Präsidenten der römischen Judengemeinde. Ein jüdisches Gymnasium in Jassy. Die Schließung des Deutschen Klubs in Moskau. Ein jüdischer Kandidat für den ruffischen Senat. Die Juden in Kurland. Die Naturalisierung der marokkanischen Juden in Spanien. Griechische Erpressungsversuche an den Juden. Jüdische Mädchen im Harem des Emirs von Buchara. — Vermischtes. — Feuilleton: In der Waldschenke. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Den geehrten Lesern, Gönnern und Freunden wünschen wir aus Anlass des Jahreswechsels MltD NQ'NNI Die Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift“ Dr. JOS. S. BLOCH. Jahreswende. Betrachtungen von Iba Oppenheim. Rotgdlden zittern der untergehenden Sonne letzte Strahlen über die dUüklen Wipfel schweigender Wälder, über das sanftbewegte Meer mit den leicht sich wiegenden Wogen, kühl deckt die Dämmerung die fahlen, herbstfarbenen Felder, die lichtgrüUen Matten. Der wegmüde Wanderer ruht aus. Er ist am Ziel. , Hinter ihm hüllt sich der durchschrittene Pfad in tiefe Schatten, vor ihm legt der finkende Abend seine dunklen Schleier über die sich aüsdehnenden Fernen. Nur seinen Rastplatz umfängt noch das scheidende Licht und gönnt ihm eine stille Feierstunde. Erschöpft gleiten seine Blicke rückwärts ins Dunkle und schauen dann, fragend auf. Um überwundene Mühen legt sich die Hülle der Vergangetzheit und. seiner Pilgerfahrt künftige Schicksale hüllt die ZukUttft ist ihre'rätselhaft undurchsichtigen Schatten. Augenblicke läng muhest seiner Seele rastlos wandernden Gedanken. Ein Ziel hat er erreicht. Eine Spanne Zeit ist erfüllt. Ein Teil seiner Lebensreise, seines Lebenskampfes ist vollendet. Auf dem Markstein am Wege rastet er. Seine Gedanken gehen noch einmal den Weg, den er zurückgeletzt, der jetzt bereits im Dunkel untergetaucht. — Gewiß war er wechselnd! Bald hoch hinauf im blendenden Sonnenlicht der Freude, des Genusses, bald tief in den Abgrund des Mißgeschicks, getäuschter Hoffnung, ohnmächtigen Kampfes gegen offene und geheime Gewalten. Bald friedlich in eintöniger Enge, bald hastend von dem Branden des Lebenstromes gepeitscht. Bald gerade sein Ziel verfolgend, bald im Zickzack durch unwegsam rauhe Bahnen, die inS Irre und Abgrund führten. In heiterem Frührot hat er hoffnungsfroh die Wanderung unternommen, in glühender Mittagsglut geschmachtet, vom Gewitter und Sturm umbraust, sich endlich dem Ziele nähernd, das ihm das Schicksal gesteckt. Und endlich ein Ausruhen am Wege — eine kurze Gedankenrast. Ein Zusammenfaffen deffen, was er erlebt, erlitten, was er errungen, was er gewonnen und verloren. Schwer tastet Vergangenes und Künftiges auf ihm. Dunkel, wie Nachtschatten zieht es über seine Seele — da löst sich aus tiefem Dämmergrau des Himmels ein lichter Punkt. Größer und heller wird er langsam dem beobachtenden Blick. Der Abendstern leuchtet am Firmament. Er begleitet den Einzug einer neuen Zeitspanne, er leuchtet dem beginnenden neuen Jahre voraus, der sich dem ChaoS der Ewigkeiten langsam entwindet. Mit ihm ists, als ob die Hoffnung neu aufgeglüht. Der Wanderer erhebt sich, um von neuem die Pilgerfahrt aufzunehmen. Er schaut zu dem strahlenden Stern auf. Er schreitet ihm scheinbar voran, um ihm den Weg zum Himmel zu zeigen — zum Frieden. So geht er gestärkt, gehoben von den stillen Feierstunden, vor dem Ausruhen zwischen Erlebtem und zu Erhoffenden, mit dem Aufblick nach oben, gekräftigt von neuerwachter Hoffnung, von innigem Glauben, dem neuen Zeitabschnitte entgegen. Wo die Hoffnung, der Glaube den Erdenpilger führen, da geht die mühevolle Lebenswanderung in freudiger Zuversicht ruhig fort. Denn Glaube und Hoffnung erleichtern geschwisterlich die schwere Bürde, die dem Erdenwanderer auferlegt. Doch gerade in unseren Tagen verklingen die starken Stimmen, denen unsere Vorfahren mit todesmutiger, nie versiegender Zuversicht gewohnt waren zu lauschen. Heute führt nur der sezierende Verstand die Erdensöhne. Sie werfen wie ein lästig Gewand jenen alten Kinderglauben von sich und entziehen sich so seiner geheimen großen Macht.

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