Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 37 Sette 617 Dr. Blochs Wschünßchrist Die Ausschveitunsen in Südwales vor Gericht. Aus London wird uns geschrieben: Am 6. September fand vor dem Tredegarer Polizeigerichl die erste Verhandlung gegen die Teilnehmer an den Plünderungen der Juden von Tredegar, statt. 56 MänNer und Frauen sahen auf der Anklagebank. Sämtliche Angeklagte wohnen in Tredegar^ Der Staatsanwalt Mr. Lande sührte in seinem Plaidoyer aus: „Verschiedene Motive wurden für diese strafwürdigen Unruhen angeführt. Diele erklärten diese Ueberfälle als Zeichen des Antisemitismus und wollten sie als Ausdruck eines Kampfes Kegen eine Religion hinstellen. Eines ist jedoch sicher, dah die Religion mit diesen Ausschreitungen nichts gemein hat. Hätten die Angeklagten etwas mehr Christentum in sich, so wären sie solch schändlicher Taten unfähig gewesen. Auch mit dem Eisenbahnerstreik haben diese Szenen nichts zu tun. Der Ueberfall auf die Juden hatte keinen anderen Zweck und kein anderes Motiv, als einfach zu rauben und sich fremdes Gut gewaltsam anzueignen. Man beklagt sich gegen die jüdischen Hausbesitzer, aber die Untersuchung hat ergeben, dah die jüdischen Hausbesitzer nicht schlechter sind, als die meisten Hausbesitzer von Tredegar. Erschwerend ist noch der Umstand, dah die Beteiligten an den Erzessen Minenarbeiter sind, dfe gute Löhne haben und zu ihrem Raubzug auch ihre Frauen und sogar ihre Kinder heranzogen. Mr. Lande fordert die strenge Bestrafung der Angeklagten. Von den Angeklagten wurden 38 zu Kerkerstrafen von zwei Monaten verurteilt. Die meisten Perurteilten sind Ehepaare. Obökkantor und Komponist Hast gestorben. In London starb vorige Woche der berühmte Chasan und Komponist Marcus Hast. Hast, der 1840 in Warschau geboren wurde, war 1864—71 Kantor in der Breslauer orthodoxen Synagoge und hatte dort eine Kantorenschule, aus welcher mancher seither berühmt gewordene Kantor hervorging. Zu seinen Schülern gehören u. a.: Oberkantor Birnbaum in Königsberg, Rosenthal-Berlin. Grützhändler-Warschau, Ziegelrotst, Goldberg u. m. a. Seine Kompositionen wurden mit Erfolg zur Aufführung gebracht. Zu seinen bekannten Werken gehören „Asarjah", das Oratorium „Der Sturz Jerusalems", die Geschichte Jeremias nach jüdischer Auffassung. Im Jahre 1894 beendete er das Oratorium „Moses Tod", dessen Teil sich der midraschischen Behandlung des Stoffes anpaht. Dieses Werk wurde im Jahre 1897 in der „Queens Hall" in London mit grohem Erfolge aufgeführt, 1909 erschien sein Oratorium „An den Wassern von Babylon". An seinem 70. Geburtstage kam sein Chef d'oeuvre: „Awaudas Hakodefch" gottesdienstliche Gesänge für das ganze,Jahr heraus. Seit dem Jahre 1871 war Hast Oberkantor der Londoner Grohen Synagoge, wo er sowohl wegen seiner herrlichen Stimme, als auch als Kultivator althebräischer Gesänge sich! groher Beliebtheit erfreute. Synagogeneinweihung in Ebb Bale. In Wales ist die Ruhe wieder hergestellt, die jüdischen Familien, welche bei Ausbruch der Unruhen ihre Wohnorte verliehen und nach London flüchteten, kehren allmählich wieder in die Städte zurück. Als Beweis dafür, dah die Beruhigung eine vollständige ist, möge die interessante Tatsache dienen, dah die von der jüdischen Gemeinde in Ebb Vale, einer valesischen Stadt, die bekanntlich gleichfalls der Schauplatz von Ausschreitungen gegen Juden war, neu erbaute Synagoge am 13. d. feierlich eingeweiht wurde. Die Eröffnungsrede wurde von dem Mitglieds des London County Council, Isidore Salmon, gehalten, die EiNweihungszeremoNie wurde vom Gemeinderabbiner Rev. A. A. Green vollzogen. Ein russisches Dokument. Ein liberales russisches Blatt veröffentlicht die folgende Zuschrift des „freien Künstlers" A. Kantorowits. „Ich komme soeben aus Charkow, wo ich das dortige Symphonie-Orchester dirigierte. Die in Aussicht genommene Serie der Konzerte muhte ich unterbrechen, weil die Administration die Entdeckung machte, dah ich Jude bin. Vergebens waren meine Argumente, dah der Titel „freier Künstler" mir das Wohnrecht in ganz Ruhland sichert Und dah ich als Direktor der Simferopoler kaiserlichen Musikgesellschaft eine Staatsstelle bekleide. Das alles hat nichts geholfen. Die administrative Behörde drückte auf meinen Pah die Stampiglie: „Hat die Stadt zu verlassen!" und ich muhte die Konzerte unterbrechen und die Stadt verlassen. Ich konnte bis heute nicht eruieren, wem ich diese Verfügung zu danken habe, durch welche ich des Wohnrechtes beraubt wurde, das mir auf Grund meiner höheren Bildung zusteht." 143 Jahre' alt. In Kowno ist dieser Tage ein Mann in das Gubernialgebäude gekommen, der. wenn seine Angaben richtig sind, heute 143 Jahre alt sein mühte. Cr hjeiht Abraham Schmidt und war Kantonist in dem Gardehuscvren-Regiment. Wie alle Kantonisten, wurde er in Schawel, woher er stammt, als fünfzehnjähriger Knabe zu den Soldaten genommen. Seinen militärischen Dienst quittierte er unter Kaiser Alexander II. Während seiner langen Dienstzeit hat er an zahlreichlen Kriegen teikgewommen. ua. an dem Gefechth bei Borodino fm Jahre 1813. Er gehörte auch der Eskorte an, die Napoleon begleitete, als er auf die Insel Elba verbannt wurde. Da alle seine nahen und ferneren Verwandten ausgestorbon sind, ist er aller Mittel entblöht und wjendet sich nun an den Kownoer Gouverneur um Unterstützung. Vermischtes. Bekanntmachung. Von einem deutschen Rabbiner wird mir die mit meiner Unterschrift versehene, gedruckte und in einem ganz unmöglichen Deutsch abgefasste Empfehlung eines Rabbiners Moses Hager, Rabbinatsassessor in Stanislau, mit der Anfrage über die Echtheit dieses Dokuments zugeschickt. Ich erkläre, dass es von A—Z gefälscht und der Genannte mir unbekannt ist. Wien, 11. September 1911. Dr. M. Gödemann, Oberrabbiner. Gratulationen anläßlich des PANFesteS zugunsten der Chewra-Kadischa. Einem seit Jahren eingebürgerten Brauche folgend, laden wir unsere p. t. Leser ein, Neujahrsgratulationen durch eine Anzeige in der „Oesterreichischen Wochenschrift" an Stelle der direkten Gratulationen per Post erstatten zu wollen. Auf diese Weise verbindet der Gratulant mit der Erfüllung einer Formalität gleichzeitig die Förderung einer unserer ältesten und würdigsten jüdischen Anstalten. Die Einschaltung solcher Anzeigen erfolgt in der dem Roschhaschanoh-Feste vorangehenden Nummer unseres Blattes vom 22. September l. I. gegen Einsendung einer Spende von mindestens X 4.—, zugunsten der Chewra-Kadischa Wien. Letzter Termin zur Einsendung solcher Anzeigen 19. September 1911. Wien. (Verlobung.) Fräulein Jenny R a pp a p o r t, Tochter des Vizepräsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, Hoftates Dr. Rappaport, hat sich in Wildbad NeupragK mit Herrn Heinrich Mayer, Beamten des Bankhauses M. M. Marburg & Cie. in Hamburg, verlobt.