Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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©dte 616 Ableben einer jüdischen Künstlerin. Das Musikleben Ungarns hat einen namhaften Verlust erlitten; die ausgezeichnete Klaviervirtuofin Jda Kelen ist nach langem Leiden gestorben. Sie war eine unserer musikalischesten Pianistinnen, eine der wenigen, die einen scharfen Kunstverstand mit warmer Empfindung und bedeutendem technischen Können vereinigen. Jda Kelen, 1873 in Budapest geboren, fiel schon im Kindesälter durch ihr musikalisches Talent auf. Sie wurde mit Rücksicht auf ihre seltene Begabung lange vor dem vorgeschriebenen After in die Musikakademie ausgenommen, wo Heinrich Gobbi ihr Lehrer war. Ihren ersten großen Erfolg errang sie 1887 auf dem Beethovenfeste zu Prag. Mehrere Kunstreiseu im Auslande und erfolgreiche Konzerte in Budapest folgten. In den Neunziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts gründete die Kelen mit Margarethe Kun und Kornelie Hollos ein Damentrio, das im Enfemblespiel auf zwei Klavieren exzellierte; die nötigen Transskriptionen besorgte Gobbi. Auch als Klavierpädagogin schützte man Jda Kelen Hoch, besonders in aristokratischen Kreisen. In Anwesenheit überaus zahlreicher Leidtragender wurde die ausgezeichnete Klaviervirtuosiu im neuen israelitischen Friedhofe zur letzten Ruhe bestattet. Am Grabe widmete Professor Dr. Osman Kasics im Namen der Fodorschen Musikschule der Verstorbenen einen warmen Nachruf. Zentralverei« zur Pflege jüd. Angelegenheiten in Prag. Feier im Lehrlingsheim Zu Ehren des Obmannes und langjährigen Leiters der Handwerkerabteilung Herrn Siegfried Lieb ers, der vor Kurzem sein 60. Lebensjahr vollendete, fand am 8. d. M. im Vereinslehrlingsheim eine interne Feier statt. In dem blumengeschmückten und dekorierten Saale und in Anwesenheit der Ehren- und Ausschußmitglieder wurde der Jubilar vom Obmannstellvertreter Herrn Dr. Brandeis mit einer die Verdienste des ersteren feiernden Ansprache begrüßt und hierauf von Dr. W e l t s ch der Glückwunsch der Geschäftsleitung vermittelt. Nachdem sodann ein Handwerkslehrling ein auf das Fest Bezug nehmendes Gedicht zum Vortrag gebracht, richtete der als Ehrenmitglied erschienene Vizepräsident der Kultusgemeinderepräsentanz Herr Dr. Bendiener, zugleich auch namens dieser ehrende Worte der Anerkennung in gleich herzlicher, wie launiger Weise an den Jubilar, der selbst hierauf in sichtlicher Ergriffenheit allen Teilnehmern der Feier dankte. Der vielseitigen Verdienste des also Gefeierten, dessen Wirken im Dienste der Allgemeinheit und Humanität in der Prager Gemeinde bekannt und gewürdigt ist, wurde in einer vom Gesamtausschuffe gewidmeten, in einer kostbaren Enveloppe gebundenen Adreffe gedacht, die dem Jubilar zugleich mit seinem von Künstlerhand geschaffenen, lebensgroßen Bilde überreicht wurde, welch letzteres vom Ausschüße zur bleibenden Erinnerung, mit der Bestimmung, dys Lehrlingsheim dauernd zu schmücken, gestiftet wurde. Das Ende« des alten Konftantiiwpler Judenviertels. Wie aus Konftantinopel gemeldet wird, hat d>er Polizeichef von Konftantmopel den Chacham Baschi 'Ehaim Nahum durch eine Zuschrift verständigt, daß die Cholera im jüdischen Viertel „Israel Harre" unter der armen Bevölkerung furchtbare Verheerungen anrichte. Da besonders die alten, morschen Holzhäuser in diesem Viertel, die der ganz armen jüdischen Bevölkerung als Behausung dienen, verseucht sind, wodurch auch der andere Teil des Viertels und in weiterer Folge die ganze Stadt gefährdet erscheint, beschloß die Behörde, die bereits baufälligen lleberreste des uralten Iudenviertels unter sanitären Vorsichtsmaßregeln zu evakuieren und die Häuschen selbst einfach! zu verbrennen. Eines dieser „Costigos", wie diese Holzhütten im Spaniolischen heißen, ist dieser Tage bereits zum Opfer gefallen. Angeblich soll Nr. 3? das Feuer aus unbekannter Ursache entstanden sein. Die offizielle Verbrennung der übrigen „Cöstigos" wird schon in den nächsten Tagen vorgenommen werden. SSjähriges Amtsjubiläum des Herrn Rabbiners Dr. I. Winter in Dresden. Am 21. d. M. feiert der Rabbiner der Dresdner jüdischen Gemeinde, Dr. I. Winter, eine der vornehmsten und liebenswürdigsten Gestalten des deutschen Rabbinerstandes, das 25 jährige Jubiläum feiner seelsorgerischen Amtstätigkeit in der sächsischen Hauptstadt. Dr. W i n t e r gehört noch zu den Rabbinern der alten Schule die ein gediegenes, gründliches hebräisches Wissen und eine tiefe Liebe zum Judentume in ihren Beruf mitbrachten und dieses Wissen und diese Liebe immer in den Dienst ihrer Glaubensbrüder stellten. In Sandorf in Ungarn geboren, besuchte er schon ftühzeitig die besten ungarischen Jeschibas, darunter auch die berühmte Jeschiba des kt,-ö d”“ihö in Miawa, sowie die Preßburger Jeschiba, welche er nahezu zwei Jahre frequentierte. Im Jahre 1875, im Alter von 19 Jahren ging Winter nach Berlin, wo er die bekannte „Jüdische Lehrerbildungsanstalt", deffen Rektor A. H o r w i tz war, absolvierte. Drei Jahre später besaß er das Diplom als jüdischer Religionslehrer und preußischer Volksschullehrer. Schon damals erhielt Dr. 88 in te r einen Ruf der Dresdner jüdischen Gemeinde, die den begabten jungen Mann als Religionslehrer anstellen wollte. Winter zog es jedoch vor, in Berlin zu bleiben, das Gymnasium zu absolvieren und gleichzeitig die berühmten talmudischen Vorträge Dr. I. L e w y's an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu hören. Die Persönlichkeit Dr. L e w y s machte auf den wißt begierigen, jungen Mann einen mächtigen Eindruck, der nich nur dafür maßgebend war, daß Winter sich entschloß. bte rabbinische Laufbahn zu wählen, sondern ihn auch bewog, nach bestandener Reifeprüfung und nachdem er drei Semester Hörer der Berliner Universität und der „Lehranstalt" gewesen, Doktor Lewy, der inzwischen an die Spitze des Breslauer Rabbinerseminars berufen wurde, dahin zu folgen. In Breslau setzte Winter sowohl an der Universität, wie auch im Seminar feine Studien fort und wurde daselbst 1886 auf Grund seiner Dissertation: „Die Stellung der Sklaven bei den Juden. Nach talmudischen Quellen" zum Doktor der Philosophie promoviert. Schon im Herbste desselben Jahres wurde Doktor Winter zur provisorischen Verwaltung des durch den Tod des Oberrabbiners Dr. Wolf Landau verwaisten Rabbinates nach Dresden berufen und, nachdem er 1887 vom Breslauer Seminar als Rabbiner die Entlassung erhielt, am 7. April desselben Jahres zum definitiven Rabbiner gewählt. Doktor Winter hat sich auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft rasch einen Namen gemacht. 1894 bis 1896 gab er mit Professor August Wünsche „Die jüdische Literatur seit Abschluß des Kanons" in drei Bänden heraus, ein Werk, welches seitdem für jüdische und christliche Theologen ein außerordentlich geschätztes, nahezu unentbehrliches Hilfsbuch geworden. Aus dem „Winter-Wünsche" schöpfen Zahllose ihre rabbinische Gelehrsamkeit nnd das vielverbreitete Werk leistet Fachmännern und Laien nützliche Dienste, genießt darum eine verdiente Popularität. 1909 erschien von ihm gemeinsam mit Wünsche die „Mechilta", erstmalig insDeutsche übersetzt und erläutert, und 1911 Lazarus „Die Ethik des Judentums", zweiter Band. So hat sich Dr. Winter um die jüdische Wissenschaft hohe Verdienste erworben, die ihm vielfach Dank schuldet. Dazu die Vorzüge seiner liebenswürdigen Persönlichkeit, die Wahrhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, verbunden mit einer herzlichen Hilfsbereitschaft gegen Jedermann, die ihm die Verehrung und Anhänglichkeit Aller, die ihm je einmal begegnet find, sichert. Die große Beliebtheit, welcher sich der gelehrte Rabbiner von Dresden sowohl in seiner Gemeinde, als auch außerhalb derselben allenthalben erfreut, macht es begreiflich, daß dem Jubilar anläßlich seines Amtsjubiläums zahlreiche, innige Ehrungen zugedacht find. Dr. Bwchs WochMchrlft