Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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r t ' v~r n — Nr. 37 Dr. mms WochErM Seite 813 Kanzelredner, Dr. Löw in Szegedin, geschenkt wurde, der vor Eintritt in das Goldberger'sche Haus nicht ein Wörtlein ungarisch verstand. Doch besonders zwei Momente haben sich in den schlichten Aufzeichnungen aufs merkwürdigste berührt und gezeigt, wie die Juden immer die ersten waren, die Anregungen der höheren Kultur ihrem jeweiligen Vaterlande zu vermitteln und selbst daran teilzunehmen. Das erste betrifft die Kindererziehung, das zweite die soziale Fürsorge. Wenn wir neulich mit Wehmut die ebenso trefflichen als wahren Ausführungen des Baron Alfred Berger über seine eigene Jugend gelesen haben und darin die ganze Tendenz der Jugenderziehung des vornehmen Bürgertums bis in die Sechziger-Jahre hinein stigmatisiert fanden, so müssen wir in diesen heiteren Aufzeichnungen einer vyn Spiel, Sport, Musik, Tanz und edelster Kameradschaft zu den Eltern durchsonnten Jugend — die nicht zum wenigsten sonnig war. weil 17 Kinder und ein Adoptivkind das Haus belebten — mit Freude sehen, wie in wohlhabenden jüdischen Familien man sich etwa um eiy halbes Jahrhundert früher der heutigen Auffassung vom Rechte der Jugend und Kindheit an das Leben näherte- In anderen Beziehungen, z. B. bei der Wahl der Gatten, bestand noch das alte patriarchalische Verhältnis. Noch erstaunlicher war es aber, in dem Betriebe dieser Familie fast alle modernen Bestrebungen nach Altersversorgung, Krankenversorgung, Jugend- und Mutterschutz, die wohl damals noch als St. Simonistische und Fourier'sche Utopien galten, verwirklicht zu sehen, ja die nach Mutterschutz in so weitgehendem Maße, daß der jeweiligen Amme der 17 Kinder gestattet wurde, ihr eigenes Kind zur Pflege und zum Stillen mitzunehmen, ein gewiß seltenes Bild edelster Menschlichkeit. Dies führt uns überhaupt zur Gestalt, die über alle anderen hervorgeht, der Mutter des Verfassers, Elisabeth von Goldberger. Lange bevor die Forderungen der Frauenemanzipation geprägt wurden, hat diese Mutter von siebzehn Kindern in vollkommenster Weise Goethes Forderung von der vollkommensten Frau erfüllt, indem sie den Kindern Mutter und Vater war. Nach dem Tod des Gatten war sie nämlich nicht nur nominell, sondern tatsächlich Chef der Firma und war als solcher von Früh bis Abend mitunter während des damalig noch bestandenen Eisganges, bei dem sie täglich die Donau passierte, sowie im Revolutionsjahre unter den größten physischen Gefahren tätig. Wenn auch diese Frau, am Wendepunkt zweier Zeiten stehend, der übermütigen Pester Jugend durch ihre am Alten hängenden Sinn und ihr Festhalten an den Formeln ihrer Religion zu manchem Scherzwort Anlaß gegeben hat, so verdient sie gewiß die Bewunderung ihres Sohnes. Hat sie doch das schöne Wort gefunden, als unser Kaiser in seiner damaligen Jugend erstaunt war, daß sie, die Siebzigjährige, ihn bei dem Besuche ihrer Fabrik im Angesicht vieler Tausende mit langer Rede empfing und keiner der 10 Söhne: Ich stehe jeden Morgen vor meinem Gott im Gebet und sollte mich da scheuen, vor Euere Majestät zu treten? Dieser Besuch des Kaisers hat damals in Ungarn einen so tiefen Eindruck hinterlaffen, daß ich ihn mit mancher romantischen Ausschmückung von Ungarn aller Stände und Konfessionen schildern hörte, lange bevor ich ein Mitglied der Familie kannte. Elisabeth Goldberger wurde der schönste Lohn für ihr arbeitsreiches Leben, indem ihr einige Wochen nach diesem Besuche der ungarische Adel verliehen wurde, eine Auszeichnung, die Frauen wohl in ganz vereinzelten Fällen — mir ist außer der Jeanne d'Arc kaum ein Beispiel bekannt — verliehen wurde. Doch auch das Wort, das der junge Monarch vor mehr als einem halben Jahrhundert in dys Gedenkbuch der Firma eintrug, ist unter seiner segensreichen Regierung in Erfüllung gegangen: Möge der Segen Gottes, der sicherlich auf diesem Hause ruht, hier walten bis in ferne Zukunft. Und so nehmen wir in der Woche, in der ein Urenkel Elisens von Goldbergers eine Tochter aus dem Hause Rothschild zum Altäre führte, mit dem Wunsche von diesen Aufzeichnungen Abschied, daß die kraftvolle Gestalt dieser Frau, deren Nachkommen in vier Weltteilen zerstreut sind, immer wieder erstehen möge in der Begabung und dem Gemüte der Nachkommen. Clotilde Benedikt. vom Aabrmarkt des Lebens. Großgemeinden und Kleingemeinden mit spezieller Rücksicht auf die Verhältnisse in Böhmen. Von Dr. Josef Steiner, gew. Kultusgemeindevorsteher in Marienbad. Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes vom Iahre 1690 haben sich in Böhmen zirka 200 Kultusgemeinden gebildet. Unter diesen waren größere und kleinere. Das Gesetz regelt nur diese äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgenossenschaft, hat aber eine bestimmte innere°Ordnung"verlangt, indem es vor allem das staatliche Aufsichtsrecht regelte, auch die Stellung der Rabbiner und übrigen Kultusbeamten organisierte und verlangte, daß dieselben und insbesondere der elftere auf längere Zeit anzustellen seien. Durch den Wegzug sovieler, u. z. oft gerade der vermögenden Elaubensgenoffen vom Lande in die Stadt, haben viele kleine Kultusgemeinden ihre regelmäßigen Einnahmen verloren und, und wenn nicht gerade in der bezüglichen Kultusgemeinde von altersher durch vorhandene Fonds die Einnahmen der Kultusgemeinde gesichert sind, so vermag eine solche kleine Kultusgemeinde nur durch unverhältnismaßige Belastung der einzelnen Kultusgemeindemitglieder ihren Aufgaben gerecht zu werden. Was Wunder dann, wenn eine derartige Belastung oft den Anwillen einzelner Kultusgemeindemitglieder erregt, die. wirtschaftlich nicht sehr leistungsfähig, bei den immer schwierigeren Lebensverhältnissen den Ansprüchen kaum oder überhaupt nicht mehr Rechnung tragen können. die die Kultusgemeinde an sie stellt, bezw. stellen muß. fB^GBei diesen Verhältnissen ist es kein Wunder, wenn die Menschen, die deswegen den Eottesglauben nicht verloren haben müssen, unwillig werden. Nicht Hand in Hand geht damit die Besetzung der Stellen der Rabbiner und israelitischen Lehrer auf dem Lande. Jnsoferne noch geeignete Lehrkräfte vorhanden sind, an denen aber — wie feststrht — großer Mangel eintritt, insoferne in dieser Hinsicht noch durch die Rabbiner Vorsorge getroffen werden kann, welchen auf Grund der Uebergangsbestimmungen des Gesetzes vom Jahre 1890 die Dispensation von der Ablegung der Maturitätsiprüfung erteilt wurde, insoferne geht es noch immer. Je weniger die lleinen Landgemeinden in die Lage kommen werden, bei den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Stellen zu besetzen, destowemger werden sie in der Lage sein, ihren Zweck zu erfüllen. Zunächst ist es eine dringende Aufgabe der Gesamtheit, diesen Verpflichtungen derselben durch Schaffung von jüdischen Lehrerbildungsanstalten entgegen zu kommen. Diese Frage wurde sowohl auf dem Bundestage in Wien 1908, als auch in vielen Zeitschriften hinreichend erörtert. Meine Aufgabe, die ich mir gestellt habe, hier zu besprechen, ist lediglich die, ob der Anschluß der kleinen Gemeinden an die großen zu fordern sei. Meines Erachtens soll die Autonomie auch der Annen Gemeinden bewahrt bleiben, wenn sie selbst es wünschen. Vielfach fußend auf einer mehrhundertjährigen Erinnerung, haben diese kleinen Gemeinden auch eine ganz bedeutende Anzahl von jüdischen Familien umfaßt. Welche Erinnerungen knüpfen sich an diese Vergangenheit, welch schönes Leben wurde in diesen Gemeinden geführt, auch die alte ehrwürdige Synagoge und der Friedhof, die Stätte des ewigen Friedens, wissen so viel zu erzählen von den Freuden und Leiden unserer Vorjahren.