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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-15 · 37 (15.9.1911) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 612 Dr. Blochs WochMchrift Nr. 8*7 rcnben Komitees Hand in Hand gehen. Die russischen Grenzkomitees haben zahlreiche und vielseitige Aufgaben zu erfüllen. Viele AuswMdechr holen sich über Reisekosten, Einschiffungshafen und Herbeischafjüng von Pässen erst in Zwölfter Stunde nämlich, wenn sie im Begriffe sind, über die russische Grenze zu schneiten, die erfordere lichen AusAnste! Ihre wichtigste Aufgabe ist aber der Kampf mit den zahlreichen Agenten. Derselbe nimmt von Jahr zu Jahr gröberen Umfang an und wird von beiden Seiten mit grober Energie und Hartnäckigkeit geführt. Die den Emigranten so gefährlichen Elemente leisten den Steuerbehörden freiwillige Vigilantendienste und sind deswegen bei ihnen häufig sehr gut angeschrieben. Nicht selten gelingt es ihnen, die Tätigkeit der Grenzkomitees empfindlich zu stören oder ganz lahm zu legen. So brnnte das Komitee von Nowoseliza im Jahre 1910 nur 10 Monate in Funktion bleiben und mutzte im Januar 1911 seine Tätigkeit schließlich ganz einstellen. Auch in Jwanek, einem wichtigen Grenzorte des Gouvernements Podolien, hatte das Komitee von den Agenten das Jahr über schwer zu leiden. Als sie »endlich, mit Hilfe des Petersburger Hauptbureaus wegen verschiedenen Betrügereien zur Verantwortung gezogen werden sollten, gingen sie über die Grenze nach Oesterreich und konnten erst nach grober Mühe gefaßt und der österreichischen Justiz übergeben werden. Eine bedeutende Rolle spielt endlich das Komitee zu Libau, einer russischen Hafenstadt, welche bei der Einschiffung der Auswanderer von wachsender Bedeutung wird. Im Jahre 1910 haben 39.161 Personen, darunter 18.815 Juden, Rußland via Libau verlassen. Aas Komitee hatte gegen 8000 jüdischen Einwanderern beizustehen. Die Fürsorge der I. C. A. für die Auswanderer hört an der russischen Grenze noch keineswegs auf. Nur arbeitet die Gesellschaft in Westeuropa nicht mehr allein, sondern in Gemeinschaft mit anderen Organisationen. Der Hilfsverein der deutschen Juden, dessen segensreiche Tätigkeit zugunsten der Emigranten bekannt ist, hat von ihr eine Subvention im Betrage von 124.000 Mark erhalten. In Oesterreich geht sie zusammen mit der Wiener Allianz, welcher es gelungen M, für die in diesem Lande sich epp, schiffenden Emigranten eine Preisermäßigung von 50°/o zu erlangen. In Basel, das im Berichtsjahre von 48917 Emigranten, darunter 6107 Juden passiert wurde, besteht ein Hilfskomitee für jüdische Auswanderer, dem es gelungen ist, eine bedeutende Ermäßigung für Schiffskarten zu erlangen. Auch der Verein „Ezra" in Antwerpen, welcher die Einschiffung jüdischer Emigranten am Platze überwacht, ist mit Erfolg bemüht, ihnen billigere Schiffskarten zu beschaffen. In vielen Fallen ist es ihm auch gelungen, den Agenten, welche Auswanderer übervorteilt haben, den Raub wieder abzujagen. Nicht weniger als 2015 Auswanderer haben die Hilfe des Vereins in Anspruch genommen. Ferner hat die „Montefiore-Vereinigung", welche in Rotterdem eine billige Herberge für die Auswanderer unterhält, im Berichtsjahre von der I. C. A. eine Subvention erhallen. Das Gleiche ist von dem bekannten Board of Guardian in London zu melden, der u. a. jüdische Emigranten nach überseeische Länder, nrit Ausnahme der Vereinigten Staaten, befördert. Er hat 236 Personen auf Kosten der I. C. A. zur Auswanderung varholflen. Endlich sei noch die Auswanderung aus Rumänien mit einigen Worten erwähnt. Dieselbe hat in den letzten Jahren wesentlich nachgelassen, so daß im Berichtsjahre im Ganzen nur 1059 Juden das Land verlassen haben, um nach Amerika zu gehen. Von diesen sind 976 nach den Vereinigten Staatendie übrigen nach Argentinien und Kanada ausgewandert. 907 von ihnen haben durch die I. C. A. PMe und billigere Fahrkarten und 152 eine direkte bare Unterstützung erhalten. Im Ganzen haben 83.500 Juden aus Rußland und Rumänien ihre Heimat verlassen. Davon gingen 61.000 nach den Vereinigten Staaten (darunter 51.498 nach Newyork!). Der Rest nach andern Ländern, lleber die Zahl der jüdischen Auswanderer aus Galizien liegen im Berichte nähere Angaben nicht vor. Die Geschichte einer jüdischen Pntriziersamilie (S. F. Goldderger de K«da). Während wir im protestantischen Norden selbst in bäuerlichen und kleinbürgerlichen Häusern Familienchroniken vorfinden,, scheint sich das österreichische Bürgertum erst in den zwei letzten Jahrzehnten bewußt geworden zu sein, daß der Adel fleißig waltenden Bürgerfinnes ebenso eine Aufzeichnung seines Werdeganges verdiene, wie altaristokratischer oder literarischer Adel. Vollends, was das Innenleben jüdischer Familien oder Frauen aus früherer Zeit betrifft, sind wir so sehr auf Vermutungen angewiesen, daß die bekannten Aufzeichnungen einer jüdischen Patrizierin aus dem nördlichen Deutschland oder die Privatbriefe aus dem Jahr 1619, die Dr. Landau und Bernhard Wachstein herausgegeben haben, als wahre Offenbarungen begrüßt werden konnten, obwohl diese sprachlich so interessanten Denkmale sachlich so wenig Bedeutendes bringen und von herzlich uninteressanten Menschen geschrieben find^ So darf es als ein glücklicher Beitrag zur jüdischen. Kulturgeschichte begrüßt werden, daß ein vor nun einem Jahre verstorbenes Mitglied einer weitverzweigten Fabrikantenfamilie, der gewesene perfische Generalkonsul Emanuel Goldberger von Buda, unterstützt durch sein glänzendes Gedächtnis um den Umstand, daß seine Großeltern über hundert Jahre alt geworden sind, die Geschichte seiner Familie bis in das Jahr 1740 hinaufdiktieren konnte. Diktieren, denn Herr von Goldberger brachte die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in jenem Paradies der Finsternis zu, wie Viktor Hugo die Blindheit eines von liebender Sorgfalt Gehüteten nennt. Der Engel dieses Paradieses, die aufopfernde Tochter Elisabeth von Goldberger, hatte den Vater zu seiner Erheiterung zu diesen Aufzeichnungen vermocht, nicht ohne den Wunsch, es sollten Erinnerungen an eine versunkene und versinkende, in der Nivellierung der Gleichberechtigung untergehende Welt wenigstens in einem kleinen Kreise festgehalten werden. Sind diese Aufzeichnungen zunächst nur für die nach mehreren Hundert Köpfen zählende Nachkommenschaft der Urgroßeltern bestimmt, so wird jeder Jude, ja jeder Oesterreicher diese schlichten Erinnerungen nicht ohne Stolz und Befriedigung durchfliegen. Sind auch nur wenige Mitglieder der Familie aus ihrem kaufmännischen Berufskreise herausgetreten — so der Herausgeber der „Zeit", Professor Isidor Singer, und der Ballett- Komponist Richard von Goldberger, so zeigt gerade das gute Mittelmaß einen schönen Typus der jüdischen und altösterreichischen vormärzlichen Gemüts- und Geistesbildung, welche so oft instinktiv das Richtige getroffen und auf schlichtem Wege merkantile und Lebensprobleme löste, deren Durchführung auf theoretischer Basis anderwärts die größten Schwierigkeiten bot. Der heutige Textilindustrielle und Kaufmann würde mit Staunen verfolgen können, auf welchem primitiven Wege die Firma sich in den Zwanziger- und Dreißiger-Jahren ihre Verbindungen von Indien bis Amerika schuf, wie der heute noch traditionelle Wohltätigkeitssinn durch zufällige Aufnahme eines wandernden Schweizer Handwerksburschen zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Familie die wichtigsten, damals in Oesterreich noch ganz unbekannten Zunftgeheimnisse zubrachte, einer Dankschuld, die die Enkel in vornehmster Art durch Stiftung von Stipendien für A r b e i t e r zu Auslandsreisen abtrugen. Auch die in Oesterreich damals noch gar nicht allgemein aufgedämmerte Erkenntnis von der Zukunft der slavischen und magyarischen Völker hatte sich den damaligen Inhabern der Firma so sehr aufgedräUgt, daß durch den im Hause geübten Zwang, ungarisch zu lernen, der sich auf die Angestellten und Hauslehrer erstreckte, der ungarischen Judenschaft ihr berühmtester

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