Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021964--20492-3045534
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

T>t. J&h>&ß Wychmschrifl Sette 599 Rr. 36 reich find, mit unnachahmlicher Wehmut vortrug, da bemächtigte sich unser aller — und mochten wir der Gebetsprache noch so unkundig sein — jener tiefe Judenschmerz, den wir seit Jahrtausenden tragen und der unsere Schwäche, aber auch unsere Kraft ist. Nun ist der Mund, aus dem Perlen flössen, dem Staube anheimgegeben. Die Stimme, die uns alle entzückt hat, ist sür immer verstummt, nur die Tränen, die er Tausenden entlockt hat, sie werden an seiner Bahre wieder hervorquellen als Dankeszoll sür die vielen erhebenden Stunden, die er Tausenden gespendet hat. Dr. Alfred Stern nnd die Kurie der Höherbesteuerten. Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: Schlagworte sind unter allen Umständen gefährlich und sind geeignet, gedankenlose Massen irrezuführen. Tritt man ihnen nicht rechtzeitig und mit entsprechender Schärfe entgegen, so sind sie sogar imstande, geschichtliche Beweiskraft zu usurpieren und selbst den gewissenhaftesten Geschichtsschreiber in die Irre zu führen. Ein solches Schlagwort war in allen Kultuswahlkämpfen seit der Präsidentschaft Dr. Alfred Sterns, daß die Schaffung der Kurie der Höherbesteuerten in der Wiener Kultusgemeinde, eine Institution, die seitens der Opposition stets den heftigsten Angriffen ausgesetzt ist, das ureigenste Werk Dr. Sterns fei, auf das er vielleicht gar stolz ist. Dieses Schlagwort ist nun gleichfalls im Begriffe, historische Beweiskraft zu usurpieren, sonst würde es nicht in den übrigens ausgezeichneten Artikel des Kultusvorstehers Dr. Heinrich Schreiber zum 80. Geburtstage Dr. Sterns Eingang und in demselben beinahe einen Ehrenplatz gefunden haben. Lediglich um dieser historischen Unrichtigkeit endlich einmal den Garaus zu machen, halte ich es für eine Pflicht, das Folgende festzustellen: " 'Dr. Alfred Stern hat seinerzeit in den Beratungen der Statütenkommission, als auch später in den Vorstandssitzungen mit der ihm eigenen Energie für ein einheitliches, gleiches Wahlrecht sämtlicher Knltussteuerzahler gekämpft. Dieser Kampf intra muros wurde mitunter mit solcher Vehemenz geführt, daß er sogar das intime Freundschaftsverhältnis zwischen Dr. Stern und dem damaligen Präsidenten, einem Verfechter der höheren Kurie, vorübergehend getrübt hat. Die in den verschiedenen Protokollen über diese Beratungen festgehaltenen Argumente, die Dr. Stern gegen die obere Wahlkurie ins Treffen führte, unterscheiden sich wenig von denjenigen, welche die Opposition heute i h m an den Kopf wirft. Dr. Stern ist damals unterlegen; die höhere Wahlkurie wurde geschaffen und er hatte sich der Majorität zu unterwerfen. Ich bin überzeugt, daß Dr. Stern, wenn die Schaffung der höheren Wahlkurie heute zur Beratung stünde, auch heute nicht anders denken und handeln würde als damals. Aber es ist begreiflich, daß er sich heute der Abschaffung der bereits bestehenden Einrichtung widersetzt und sie als einen in vieler Beziehung bedenklichen, die Interessen der Gemeinde schädigenden Schritt ansieht. Das ist seine Auffassung, die übrigens die Einsichtigen mit ihm teilen. Wien. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich erlaube mir, Ihre Aufmerksamkeit auf folgendes unglaubliche Vorkommnis zu richten. Ein Wiener Buchhändler versendet soeben einen Antiquariatskatalog, aus dem ersichtlich ist, daß er eine umfangreiche, fast lückenlose Sammlung von Büchern und Broschüren über die Wiener Ereigniffe deS Jahres 1848 zum Verkauf bringt. Im Vorwort ist vermerkt, daß ein großer Teil dieser Werke aus der Bibliothek Ludwig A u g u st Fr a n kl's stammt. Es war nun von vorneherein klar, daß es n i ch t die Söhne Ludwig August Frankl's sein können, die den Nachlaß ihres. Vaters auf den Markt bringen, es stellte sich heraus, daß eS die Direktion der Wiener städtischen Sammlungen ist, die sich in dieser pietätlosen Weise der ihnen einst geschenkten Bibliothek des Dichters entäußerte. Die Sache , wird aber verständlicher, beffer gesagt, ganz klar, wenn man erfähtt, daß sich unter den Objekten, die jetzt in alle Winde zerstreut werden sollen, vor allem die fast vollständige Sammlung aller auf die Wiener Juden im Jahre 1848 bezüglichen Bücher, Broschüren, Flugblätter befindet, die viele Unica enthält und für die Geschichte der Juden Wiens von außerordentlich großem Werte ist. Es ist sehr bedauerlich, daß diese Objekte nicht dem Jüdischen Museum übergeben wurden, wo sie sicher pietätvoller ausbewahrt worden wären. Wir hoffen aber, daß dieser Vorgang allen Denjenigen, die in die Lage kommen, über jüdische Sammlungen zu verfügen, zur Warnung dienen wird und daß es nicht mehr Vorkommen wird, daß der wiffenfchaftliche oder literarische Nachlaß von Juden nichtjüdischen Instituten überlaffen wird, wie es vor wenigen Jahren die Witwe David Kaufmann's mit den Handschriften und Codices ihres Mannes bedauerlicherweise tat. Für die gebildeten Kreise der Wiener Juden aber ist es eine Ehrenpflicht, die paar Hundert Kronen aufzubringen, um wenigstens den jüdischen Teil der Sammlung Ludwig August Franksfür das Wiener „Jüdische Museum" zu erwerben, wo sie in einem besonderen Schrank ausgestellt werden und den Besuchern zur Belehrung, den Gelehrten aber als Forschungsobjekt dienen soll. Eine Tafel aber am Schranke soll in kurzen Worten die Geschichte der Erwerbung und die Namen aller Derjenigen enthalten, die zu diesem Zwecke den Betrag von 10 Kronen oder mehr spendete. Es steht zu erwarten, daß sich recht Biele an dieser posthumn Ehrung de- Dichters beteiligen werden. Ein Verehrer Ludwig August Fran kl'S. Berlin. Herr Oberkantor I. Oesterreicher, der nun mehr als zwei Jahre lang an der Synagoge Bismarckstraße als Oberkantor fungierte, hat am 29. Juli d. I. von seinem Amte Abschied genommen. Aus diesem Anlaffe war Herr Oesterreicher Gegenstand herzlicher Ehrungen, mit denen er aus den Kreisen des Gemeindevorstandes, der von dem beliebten Kantor in rührender Weise Abschied nahm, in reichem Maße bedacht wurde. Der Prediger widmete dem Scheidenden Worte warmer Anerkennung, aus denen das Bedauern sprach, diese hervorragende Kraft verlieren zu müssen. Der Rücktritt des Herrn Oesterreicher, dem mit Ausweisung aus Preußen gedroht wurde, ist ein neues trauriges Kapitel in der Geschichte der in Preußen lebenden österreichischungarischen Kanto e-r, die an der Ausübung ihrer Tätigkeit durch behördliche Erlässe gehemmt werden, auf welchen Umstand in allen östecreichlschen und ungarischen Gemeinden zu wenig Rücksicht genommen wird. Herr Ooerkantor Oesterreich er hat übrigens vor zwei Wochen einer Aufforderung zu einem Probe- Vortrag nach Kopenhagen Folge geleistet, über den die dänischen Zeitungen enthusiastische Artikel veröffentlichen. Tempeljubiläum in Sisak. Am 3. d. M. feierte die hiesige israelitische Kultusgemeinde das 25 jährige Jubiläum der Erbauung des Tempels. Er ist der einzige und erste Tempel, der überhaupt in dieser alten, von den Römern erbauten Stadt und deren bis zu den Grenzen Bosniens reichenden Bezirke existierte und existiert. Eingeleitet wurde die Feier mit einer unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn StationSchef Sam. Straffer abgehaltenen Festsitzung, in deren Verlauf der Präsident eine von echt jüdischem Geiste getragene Festrede hielt und hiebei in pietätsvoller Weise jener Männer gedachte, die vor 25 Jahren diesen herrlichen Bau zur Ehre Gottes aus eigenen Mitteln aufbauen ließen. Mit bewegten aus dem Herzen kommenden Worten dankte Vorstandsmitglied Großindustrieller Sam. Alexander dem Präsidenten sür seine zielbewußte und umsichtige Leitung der Gemeinde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.