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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 600! MMs Vorstandsmitglied Herr Adolf Deutsch überreichte dem Präsidenten den goldenen Schlüssel, mit welchem vor 25 Jahren anläßlich der Einweihung des Tempels der Bürgermeister der Stadt den Tempel eröffnete. Unter Orgelklängen betrat der gesamte Vorstand den festlich beleuchteten und dichtgefüllten Tempel, worauf der Festgottesdienst begann. Nach dem Miuchagebet hielt Se. Ehrwürden Herr Bezirksrabliner Dr.A.B. H eiß eine stimmungsvolle Festpredigt, deren Tex die Schlußworte im salamonischen Gebet bildeten: „Jehi adr::aj elohenu imunu kaasclier hojo im avoseno.“ Die kantoralen Funktionen versah in gewohnter, meisterhafter Weise der Oberkantor Herr S. G ö t t s ch a l l. — Mit dem Königsgebete schloß die Feier. Rumänische und russische Auswanderer in Wien. Die . Bewohner der Unteren Donaustraße, zwischen Aspernbrücke und Franzensbrücke, haben kürzlich mit Staunen große Scharen von Auswanderern, Männern, Frauen und kleinen Kindern, mit Koffern und Bündeln stundenlang im Freien kampieren gesehen. Es handelt sich um die seit mehreren Wochen wiÄer in größeren Gruppen durch Wien nach Argentinien oder den Bereinigten Staaten auswandernden verfolgten Juden ars Rußland und Rumänien, die in Wien bei der Israelitischen Allianz materielle oder moralische Unterstützung suchen und, soweit es die Verhältniffe gestatten, auch finden. Am früheren Sitze der Allianz in der Weihburggaffe waren die Nachbarn au derartige Ansammlungen bereits gewöhnt, in der Unteren Donaustraße, wo sich die Büros seit einiger Zeit befinden, ist die Erscheinung noch ein Novum. Die ausgezeichnet geleitete Emigrantenfürsorge-Abteilung der Allianz hat im Laufe der verflossenen Jahre durch zahlreiche Grenzkomitees längs der rumänischen und ruffischen Grenze und durch eine ausgedehnte Korrespondenz mit zahlreichen Fürsorgekomitees in den Heimatländern der Auswanderer durchgesetzt, daß die weitaus größte Anzahl der Emigranten nach vorheriger Avisierung schon an der Grenze empfangen und unter telegraphischer Verständigung der. Zentrale in Wien so instradiert werde, daß jeder unnütze Aufenthalt vermieden wird und die Leute von Wien direkt zu den Schiffen nach Triest, Marseille oder Rotterdam expediert werden. Auch die vor einigen Tagen eingetroffenen Gruppen, zusaun; m 33 Personen, welche durch ihre Unerfahrenheit ihre Ankun <stunde nicht avifiert hatten und fich vom Bahnhof mit dem Maffengepäck in das Büro der Allianz begaben, wurden noch am selben Vormittag nach den Hafenstädten expediert. Auszeichnung zweier Orientalisten. Der Kaiser hat in Anerkennung ihrer auf dem Gebiete des Handels-Hochschuüvesens erworbenen Verdienste verliehen: Dem Direttor der orientalischen Handelsakademie Dr. Ignaz Kunos den Orden der Eisernen Krone dritter Klasse; dem Profeffor derselbe« Akademie Adolf Strauß das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens. Beide Gelehrte find'Juden. . Dr. Kunos ist der Schwiegersohn des PrSfidenten der orthodoxen Kultusgemeiude in Kleinwardein Michaelszell. Ueberfall auf ein jüdisches Leichenbegängnis in Lemberg. Vor einigen Tagen fand in Lemberg das Leichenbegängnis des SteueroffizialS I. Eitelberg statt. Dem Leichenwagen folgte eine lauge Reche von T kern, in welchen die Familie des verstorbenen Rabbiners Dr Gutmanu und mehrere'Mndere saßen. AE der Leichenzug das Ende der Stadt erreichte, überfielen denselben die dort beschäftigten Straßenarbeiter. Sie bewarfen den Leichenwagen sowie die Wagen der Leidtragenden mit Steinen und Sttaßenkot und verhöhnten den Rabbiner. Ein großer Stein traf den Kutscher des Leichenwagens, der im Galopp bis zu dem in der Nähe befindlichen Finanzwachposten fuhr und den Wachtmeister um Schutz gegen den den Leichenzug noch immer verfolgenden Pöbel bat. Der Finanzwachtmeister anstatt die Arbetter zu verjagen, munterte diese noch auf und stimmte in ihre Beschimpfungen ein. Erst als mehrere Fuhren von der entgegengesetzte« Sette fichtbar wurden, ließen die anti- WoWnWrift Nr. 36 semitischen Arbeiter von ihrer Verfolgung ab. Noch am selben Tage hat das Präsidium der Lemberger Kultusgemeinde die polizeiliche Anzeige über den Vorfall erstattet. Brandkatastrophe in der Türkei. Während noch für die Opfer der Brandkatastrophe in Konstantinopel Spenden gesammelt werden, kommt die Nachricht, daß auch in Aid in in Kleinafien eine furchtbare Feuersbrunst gewütet hat und besonders das dortige Judenviertel ein Raub der Flammen wurde. .Der Leiter der Schule der „Alliance Jsraolite Universelle" in Aidin telegraphiert, daß augenblicklich 600 Familien obdach- und mittellos geworden sind. Zur Linderung der Not hat das Zentralkomitee der Alliance in Paris 5000 Francs als erste Spende telegraphisch überwiesen. In Oesterreich werden hochherzige Spenden zu gunsten der unglücklichen Opfer bei der „Israeli tisch en Allianz zu Wien, II., Untere Donaustraße 33, oder durch die Postsparkaffa (Konto Nr. 8052) dankend in Empfang genommen und öffentlich ausgewiesen. Hebräisch sprechende Pol^erbeamte in Jerusalem. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Seit einiger Zeit machen an den Straßen von Jerusalem mehrere .Polizeibeamte den Ordnungsdienst, die damit Aussehen erregen, daß sie die hebräische Sprache vollkommen beherrschen und sich, ihrer im Verkehr mit den Juden bedienen. Ein Teil dieser erst vor kurzer Zeit angestellten Polizisten ist im muselmännischen Stadtviertel postiert und leistet den Juden, die in diesem Stadtteil zu tun haben, große Dienste. Die meisten dieser Polizeibeamten sind aus der Schule des Hilfsverefns der Deutschen Juden hervorgegangen. JudM als Geisel für unbezahlte Schulden. Einen merkwürdigen Aufruf hat der persische Generalkonsul in Kiew an dierMi.schey,.,.Juh.eu.^prW«l: Dem Aufruf liegt folgender Tatbestand zugrunde.. In Lugansk lebt gegenwärtig! ein persischer Jude namens Abraham ben David, der noch vor wenigen Jahren ein reicher Teppichhändler war. ,Jm Jahre 1908 wohnte er mit seinem 60 jährigen Vater in Kiew', wo er einen großen gut gehenden Handel mit persischen Teppichen betrieb. Anläßlich des Kiewer Pogroms wurde der Vater ermordet, er selbst schwer verwundet und sein Geschäft vollständig ausgeraubt. Auch seine Kasse wurde geplündert. Die später eingeleitete Untersuchung hat, wie das in Rußland schon Sitte, nichts ergeben, und der Teppichhändler -erhielt nichts von seinem geraubten Gute zurückerstattet. Aus seiner Geschäftstätigkeit her schuldet Abraham ben David einem persischen Teppichfabrikanten eine größere Summe. Und da er diese zu zahlen nicht in der Lage ist, mußte er ihm, nach persischem Gesetz seine drei Söhne und seinen jüngeren Bruder als Geiseln ausliefern, die jetzt bei dem persischen Teppichfabrikanten Sklavendienste verrichten. Der persische Generalkonsul von Kiew wendet sich nun ,in seinem Aufrufe M die russischen Indem mit dem Ersuchen, durch Spendenbeiträge die Auslieferung und.Befreiung der jüdischen Geiseln zu ermöglichen. SMationeller Mord an fantf Kronzeugen in der Kirrver Rituakmvrdaffarv. Aus Kiew wird gemeldet: Der Schulkollege des ermordeten Knaben Juschtschinski, der einzige Augenzeuge des rätselhaften MordeS> den die Duma als Ritualmyrd hinstellte, Senja Tscheberjakow, wurde unter Vergiftungssymptomen tot aufgesunden. Eine große Volksmenge belagerte die Wohnung der Mutter des Vergifteten, um sie zu lynchen, weil man mit Bestimmtheit annimmt, daß der Knabe vergiftet wurde, damit mit ihm ein Kronzeuge des Knabenmordes beseitigt werde, an dem die Mutter Tscheberjakows teilgenommen haben soll. \

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