Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021964--20487-3045529- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6tz4 Dt. Btvchs WüchMschrift Nr. 36 völkerung noch immer unter die beschmutzte christlichsoziale Fahne zu rufen, deren Schaft von den Händen Geßmanns, Bielvhlaweks und deren Konsorten gehalten wird.' Mit diesen Elementen wird so bald und so radikal als möglich aufgeräumt werden. Allerdings müßte von Seiten der freisinnigen Parteien auch etwas dafür geschehen. Es.ist leider zu bemerken, daß die bürgerliche oppositionelle Partei sich noch nicht zusammengefunden hat, um den christlichsozialen Schwindel aufzudccken und lahmzulegen und so den definitiven Sturz der gegenwärtigen Rathausmajorität bei den nächsten Gemeindewahlen vorzubereiten. Hoffentlich wird im kommenden Herbst mit neuen starken Kräften gearbeitet und die fehlende Organisation durchgeführt und ausgebaut, Geldmittel herbeigeschafft und ein fleißiges Bureau eingerichtet werden. Man darf es den Christlich-Sozialen nicht überlassen, die Interessen der Bevölkerung auch nur zum Scheine zu vertreten, muß jede ihrer Lügen dementieren, ihre wertlosen Aktionen durchkreuzen und darf es im Interesse des ganzen Staates und der Gesundung der Politik auch nicht mehr kurze Zeit dulden, daß der infame christlichsoziale Schwindel demagogische Erfolge hat. . Die Wahrheit übet de« X. Ziornstenkongretz. Von H: UorkSteiuer. Vielfach wurde ich von Gesinnungsgenossen und von anderen Intereffente« ersucht, über den letzten Kongreß der zionistischen Organisation in Basel zu berichten. Ich aber wollte nichts darüber veröffentlichen, und zwar weil ich zu viel weiß, mehr als ich sagen möchte, und weil ich Manches vertraulich erfuhr und Einiges, worüber ich nicht zu schreiben gelobt habe. Wenn aber solche Jrrtümer an die Oberfläche kamen, wie unser Freund Direktor Krenberger sie in der letzten Nummer dieses Blattes veröffentlicht hat, dann ist onzunehmen, daß weniger Nahestehende noch irrigere Meinungen über die Bedeutung dieses letzten Kongreffes faffen könnten und ich fühle mich verpflichtet, das Wesentliche zu sagen, um falschen Anffaffungen beizeiten den Weg zu verlege«. Ich beginne gleich mit einem Paradoxon: Dieser Kongreß, der den Anhängern der praktischen Richtung die Leitung überg^en hat, bedeutet einen großen Sieg der Anhängerschaft Herzls. Denn wir hatten die entschiedene Mehrheit auf dem Kongresse und wir übergaben unseren Gegnern die Führung, trotzdem wir hiezu nicht gezwungen werden konnten oder vielmehr, w eil wir nicht mußten. Ich habe das nach dem IX. Kongreß an dieser Stelle deutlich formuliert, indem ich schrieb: „Wir lassen den Nachfolger Herzls nicht hinauswerfen, wenn er geht, dann soll es freiwillig geschehen." Und Wolffsohnist aus freiem Willen gegangen, was sein heftigster Gegner U s s i s ch k i n in der letzten Sitzung zugab. Wolffsohn hätte als Präsident den Kongreß verlaffen können, wenn er gewollt hätte, sagte er. Und so war eS. — Warum aber haben wir von der Mehrheit, die es nur ein Wort gekostet hätte, die von der Opposition unter einander geschloffenen Gegenseitigkeitsvertrage zu zerstören, warum haben wir geschwiegen? Aus zwei Gründen: Wir wußten, daß die Opposition bereit war, entweder eine Gegenorganisation zu gründen oder ein gedeihliches Arbeiten durch passive Resistenz unmöglich zu machen, wie sie ja in der verflossenen Amtsperiode Wolffsohn daS Leben schwer machte. Niemand von der Mehrheit wollte die Zertrümmerung der Weltorganisation auf sein Gewissen laden. Unser aber und unserer Freunde find wir sicher, wir werden unter jeder Bedingung aushatten. Und daß wir uns so zahlreich im Zeichen der Idee Herzls zusammenfanden, daß diese Idee in chrer Reinheit, die uns vor 15 Jahren begeistert und begeisternd zusammengeführt hat — noch lebt und sogar auf dem Kongrefle die Mehrheit besaß, das machte uns das Opfer leichter. Wir können die Organisation ruhig der Fraktion der „Praktischen" übergeben, denn ihre Arbeit d. h. praktische Arbeit in Palästina kann unserer Sache nur nützen. Wir haben sie auch gemacht und werden sie weiter führen, wenn unsere Richtung dereinst wieder die Leitung übernehmen sollte; und daß der Geist des Zionismus nicht verfälscht werden soll, dafür bürgt die Mehrheit der Zionisten, die sich sofort zusammenfinden wird, um die alte Fahne aufzurollen, in deren Zeichen wir die jüdische Wett in Bewegung gesetzt haben, wenn man uns zuviel vom neuen „Geist" und vom Zionismus der „großen Synthese" zumuten sollte. Wir, die wir den Zionistenkongreß mit Herzl zusammen geschaffen haben, wir wollten seine Würde um jeden Preis wahren, die Schlachten wurden in den Kommissionen geschlagen, besonders in der Permanenz-Kommission. Diese bildet eineBertretung aller Landsmannschaften und Federationen, eine Art Obmänner- Konferenz. In dieser als Vertreter der Bukowina fitzend, hatte ich vollauf Gelegenheit, den Verlauf aller geheimen und öffentlichen Verhandlungen zu verfolgen. Wir wollten erst auf die Zusammensetzung der neuen Leitung Einfluß nehmen, aber die Gegenpartei ließ sich keinen Mann abhandeln. Das muß man den Leuten nachsagen, sie halten Treue untereinander und vergessen keinen, der ihnen geholfen hat, die Freunde Herzls abzu» schießen. Da half nichts, gar nichts.. Keine Warnung, kein noch so zwingender Beweis, daß die Wahl keine glückliche sei, sie ließen keinen ihrer Männer fallen.. Da beschränkte sich die abtretende Mehrheit darauf, die Kontrolle über die Geldinstitute zu behalten. Es gibt wohl keinen zwingenderen Beweis dafür, daß wir den Kongreß beherrschten als die Tatsache, daß uns dies ohne an das Plenum appellieren zu müssen, vollständig gelungen ist. Es ist also ganz falsch, zu glauben, daß nunmehr die Geldmittel der Partei der neuen Leitung unbeschränkt zur Verfügung stehen. Wolffsohn mit seinen Freunden beherrschte die Banken und den Nationalfonds, die allerdings der Partei für vernünftige und notwendige Anlagen zur Verfügung stehen müssen. Wenn aber Herr Dr. Kronberger meint, nunmehr können Usfischkin und seine Freunde nach Herzenslust Kolonien gründen, so befindet er sich leider im Irrtum. Die Banken können sich nicht festlegen, sie müffen ihr Kapital mobil erhalten. Der Nationalfond hat sein verfügbares Kapital bereits statutengemäß verwendet und er darf von der'halben Million, die jährlich eingeht, etwa 300.000 Mark anlegen. Die neue Leitung ist daher ganz auf ihre eigene Arbeit und Agitationskraft angewiesen, wenn sie mehr praktische Arbeit leisten will als bisher geboten wurde. Das heißt, sie muß es so machen, wie unser Freund Oppenheim, der von Stadt zu Stadt zog, um Zionisten und Nichtzionisten für seine Siedeluugsgenoffenschaft zu gewinnen. Aber selbst wenn das ganze der Partei zur Verfügung stehende Kapital zur Kolonisation verwendet würde, was bedeutet das für die Entwicklung von Palästina? Was kann man für 8—10 Millionen Franks schaffen? Noch nicht einmal ein Dorf wie Rischon le Zion ist für diese Summe zu haben. Man kann daher mit Recht darauf gespannt sein, was die Herren von der praktischen Richtung mehr schaffen werden, als Wolffsohn zu schaffen in der Lage war. Nicht Usfischkin und Sokolow, die man achtungsvoll anhörte, beherrschten den Kongreß, wie Dr. Kronberger meint, sondern der Geist Herzls und Herzls alte Freunde, und sie werden ihn immer wieder beherrschen, so lange nur einer von ihnen die Stimme erheben wird. Wolffsohn hatte den Kongreß in Händen, wenn Max Nordan spricht, dann lauschen Delegierte und Besucher wie unter dem Banne eines Zaubers stehend und Alexander Marmorek, der geschickteste parlamentarische Taktiker im Hause, führte alles durch, waS er für gut hielt. Es ist möglich, daß die neue Leitung Nordan als Pro grammredner nicht bekommt oder nicht mag, aber dann komm er als Debatter aufs Podium und ich möchte nicht sein Gegner sein Es wurde auf diesem Kongreß auch etwas Neues geschaffen was den alten Freunden Herzls die Mitarbeit erleichtern wird