Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Bloch’s Ishrgang XXVIII Zcntralotgan kür die gesamten Interessen des Zudentums. A. h. Pofifparkaffensrnt Sleartng-VerK ebr «r. S10.976. Redaktton und Administratton: «- Vir» IX/i. Hahugaffe Nr. 15. -nr ”□- Wien, 8. September 1911 Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wie», IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloches Wochenschrift, Wien. OCF' -----..=DO p Vrrussprrl» Mr Srfirrrrich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Nuslrnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal« O tene Pstttzetle 24 Heller. c nO .- - —Oo Inhalt: Leitartikel: Meister des Schwindels. — Die Wahrheit über den X. Z'onistenkongreß. — Jahrmarkt: Eine authentische Nachricht über die Belagerung von Jerusalem. Die Fettbauch-Operation im Talmud. Das Sabbatproblem in Australien. Das „Pucim"-Fest im Ellul. Nationale Wiedergeburt der Karäer. Honorable Straus und der Gouverneur von Jaffa. Die Beteiligung der Juden am Serischen Welthandel im Altertum. — Korrespondenzen: Der 81. Geburtstag des Kaiser Franz Joseph in Jerusalem. Zum 80. Geburtstag Dr. Alfred Sterns. Oberkantor Bela Guttmann. Dr. Alfred Stern und die Kurie der Höherbesteuerten. Wien. Berlin. Tempeljubiläum in Sisak. Rumänische und russische Auswanderer in Wien. Auszeichnung zweier Orientalisten. Ueberfall auf ein jüdisches Leichenbegängnis in Lemberg. Brandkatastrophe in der Türkei. Hebräischsprechende Polizeibeamte in Jerusalem. Juden als Geisel für unbezahlte Schulden. Sensationeller Mord an dem Kronzugen in der Kkewer Ritualmordaffare. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Adelsdiplom Jakob Baffevis vom 18. Jänner 1633. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Meister des Schwindels. Die wirtschaftlich« Altie» der Chriftlich-Saziale». Die christlichsoziale Partei hat wieder einmal die Rettung des Volkes in die Hand genommen. Im Wiener Rathaus wird mit allen Kräften Schaum geschlagen und der Bevölkerung vorgespiegelt, daß man sie vor der Fleischnot schützen werde. Das ist der gemeinste politische Schwindel, der jemals getrieben wurde. Denn niemand anderer als die korrupte Rathaussippe hatdie Teuerung heraufbeschworen und verschärft. Sie hat den agrarischen Uebermut gezüchtet und ermutigt, weil sie von den von Pfarrern angeführten Bauernhaufen parlamentarische Mandate bekam; sie hat den feudalen Großgrundbesitzern, in deren Diensten sie steht und bezahlt wird, immer applaudiert. Sie hat es niemals gewagt, etwas gegen die üppigen Fleischhauer zu tun, unter denen sie so viele Wähler hatte. Sie hat im Landtag Wien an die Landbevölkerung verkauft und verraten, hat es zugegeben, daß 85 Perzent der Wiener Gemeindeumlagen auf das Flachland hinaus gehen. Ihr Vertrauensmann im Ministerrate, Handelsminister Dr. Weiskirchner, dieser innerlich wertlose Judenfresser, und niemand anderer hat jenen Teil des Ausgleichs im Parlament eingebracht und mit Geheimklauseln versehen, welcher die diesseitige Reichshälfte an Ungarn ausliefert. Und nun kommen diese Leute, welche ihren vollständigen Untergang voraussehen und für welche jede neue Wahl neue Vernichtung bedeutet, und suchen sich mit neuen demagogischen Lügen zu retten. Der Held von Polna, Stadtrat Schwer, über dessen Bruders Appetit auf die Stelle eines Museumsdirektors kürzlich in Favoriten so erbauliche Dinge erzählt wurden, der Jntelligenzführer Schwer hat ein Memorandum an die Regierung ausgearbeitet, welche der Fleischnot abhelsen soll. Das Ministerium soll gut machen, was die Christlich-Sozialen in so vielen Jahren ihrer korrupten Herrschaft verschuldet haben. Natürlich wird alles Mögliche -zur Verantwortung für die herrschende Teuerung herangezogen, nur nicht die wahren Betrüger, die Christlich- Sozialen selbst. Diese haben doch in fleißigster Agitation die Bauern und Feudalen ermuntert, ihre Ansprüche und ihre Macht zu erhöhen, und haben auch gegenüber Ungarn, trotz allem Lärm auf der offenen Bühne, hinter den Kulissen nicht eine Politik des Volkes betrieben, sondern eine Haltung eingenommen, welche den Einfluß bei Hofe stärkt, Orden und Vorteile bringt. Genau so wie Weiskirchner anläßlich der Lieferungsverteilungen für die Kriegsflotte bei den letzten Delegationen die Interessen Oesterreichs aus geheimnisvollen Gründen vollständig an Ungarn peeisgegeben hat, ebenso hat er es beim Ausgleich in der Fleischfrage getan und für jeden Orden, den er besitzt, hat die diesseitige ReichshÄfte hohe Kosten gezahlt. Wenn er nun behauptet, daß er eS war, der die serbische und die rumänische Grenze für die Vieheinfuhr geöffnet hat, so ist das vollständig unwahr. Das Auswärtige Amt hat infolge der politischen Ereignisse die Handelsverträge mit den kleinen Balkanstaaten gemacht und wurde diesen agrarischen Ländern die Vieheinfuhr gestattet. Wenn Weiskirchner damals als Handelsminister, also als vornehmlicher Vertreter der Städte und der Industrie wirklich seine Aufgaben erfüllt hätte, statt das fr. ifte Rad am Ministerwagen zu sein und sein Portefeuille d»>rch Nachgiebigkeit zu erhalten, dann hätte er dafür eintreten müssen, daß genügende Fleischkontingente nach Oesterreich eingesührt werden dürfen und nicht das verschwindende Bischen, das einen Tropfen auf einen heißen Stein darstellt. Die Christlich-Sozialen fühlen auch selber, daß trotz der Theaterkomödie in der Teuerungsfrage, die sie im Rathaus so kläglich aufgeführt haben, trotz der Einberufung des Städtetages ihre demagogischen Künste nicht mehr ziehen, ihre Argumente auf schwächlichen Lügenbeinen stehen. Deswegen suche» sie jetzt auf eine andere Weise zu retten, was zu retten ist. Nachdem sie die agrarischen Kartelle frech und üppig gemacht haben, nachdem sie dem Diktator Reichsritter von Hohenblum das Heft in die Hand gaben, haben sie jetzt eine städtische Partei begründet, die unter dem Vorfitz des Oberprokurators Steiner bereits ihre ersten Sitzungen abhielt. Was liegt den Leuten an schönen Worten, wenn ihnen nur die Bevölkerung in die Falle geht? Das wird aber kaum geschehen. Man durchblickt nur zu deutlich die neue Bezeichnung für die alte Schwindelfirma und wird sie zu vermeiden wissen. Die Städtepartei wird der Landpartei treulich ‘ Hand reichen, wenn die Führer weitere Millionen nnd § uszeichnungen sich verschaffen wollen. Es gehört eine eiserne Stirne dazu, die Be-