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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-01 · 35 (1.9.1911) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 85 Dr. Vkochs Wochchchchrift Seite 587 geneigt, die Vorgänge daselbst als eine ausgesprochen antisemitische Aktion anzusehen, daß die Vertretungskörperschaft der englischen Judenheit die Jewish Board of Deputies trotzdem sie bereits Sonntag Nachts von den Exzessen Kenntnis hatte, erst am Mittwoch sich zu einer Intervention bei der englischen Regierung herbei lieh, weil sie eben der Meinung war, daß die Ausschreitungen in Wales eine Folgeerscheinung der Streikbewegung sei, von welcher zufällig auch jüdische Geschäftsinhaber betroffen wurden. Dieses späte Eingreifen der Board of Deputies wird nun mit Recht scharf kritisiert. Die Regierung hat übrigens sofort, nach Kenntnisnahme der Vorfälle die Maßregeln ergriffen^ doch scheinen dieselben unzulänglich gewesen zu sein, da auch die Regierung, wie sich jetzt herausstellt, den Ernst der Situation und die Bedeutung der Vorgänge in Wales stark unterschätzt hat. Die Angelegenheit wird noch im Unterhause zu großen Debatten Anlaß geben. Jüdische militärische Knabenhorte in Rußland. Seit, einiger Zeit werden in Rußland nach europäischem Muster Knabenhorte organisiert. Die Organisation ganz auf militärischer Grundlage aufgebaut. Als die Knabenhorte ins Leben gerufen wurden, tauchte natürlich die Frage auf, ob auch Juden in diese Knabenbataillone : ausgenommen werden dürfen, da sich auffallend viele jüdische Kinder dazu gemeldet hatten. Infolge eines Ukafes des Zaren wurden die Juden aus diesen Horten ausgeschlossen^ Nun kommt aus Pietersburg die Meldung, daß der gewesene Soldat Abraham Czerkas, ein Jude, ° die Erlaubnis erhalten habe, eigene jüdische Knabenbataillone zu organisieren. DMonstrationen in einem Theater. Das Lemberger polnische Theater „Teater nowy" kultiviert als besondere Spezialität den Antisemitismus auf der Bühne. Mit besonderer Vorliebe läßt die Direktion dieses Theaters Stücke aufführen, in denen Juden als Wucherer und Verbrecher dargestellt werden. Merkwürdigerweise wird das Theater in Lemberg zumeist von Juden besucht, die solche Beschimpfungen von der Bühne herab ruhig über sich ergehen lassen. Als nun das Ensemble vorige Woche in Przemysl einige Gastspiele absolvierte und auch dort mit den antisemitischen Stücken „Malka Schwarzkopf" und „Die zwei Gauner" debütierte, gaben die anwesenden jüdischen Akademiker ihrer. Entrüstung durch Demonstrationen im Theatersaal Ausdruck, so daß die Vorstellung vorzeitig geschlossen lwerden mußte. Ein jüdischer Kaufmann von Mer Vrigantenbande entführt. Wie der Adrianopler „Bozde la Verdad" berichtet, ist der in Tschakili ansässige Kaufmann Abraham Saranga von einer Brigantenbande entführt worden. Die Räuber drangen um Mitternacht in die Wohnung des Kaufmanns ein und schleppten ihn, trotz seines Widerstandes, gefesselt fort. Auf die Hilferufe der Frau des Kaufmanns eilten wohl mehrere Bauern herbei, doch wägten sie es nicht, gegen die bewaffneten Räuber vorsugehen. Am anderen Morgen erschien der Kaimakam mit einer Derichtskommission in dem Dorfe und nahm den Tatbestand auf. Zwei Bauern, die der Frau des Kaufmanns die Assistenz verweigert halten, wurden bestraft. 250 Bauern wurden mit Waffen versehen, um, geführt von Gendarmen und Soldaten, die Verfolgung der Britzanten Mfzunehmen und Saranga aus der Gefangenschaft zu befreien. Juden in den Petersburger Hochschulen. (Das Ergebnis der diesjährigen Inskription.) Infolge der in der letzten Zeit gegen die Hochschulen geübten Repressalien haben sich heuer in den Petersburger Hochschulen um die Hälfte weniger Hörer zur Inskription gemeldet, als im vergangenen Jahre. Mit Rücksicht auf die in Rußland geübte Perzentnorm ist die Zahl der gesamten Hörerschaft auch, auf die Ausnahme jüdischer Hörer von maßgebender Wirkung. An der Petersburger allgemeinen Universität wurden heuer im ganzen 1400 Aufnahmsgesuche eingereicht. Juden werden im ganzen 67 ausgenommen werden. Ins Petersburger Polytechnikum wurden 1140 neue Hörer ausgenommen. Juden im ganzen zwei und zwar einer im Jngenieurfache und einer - in der Schiffbauabteilung. Im medizinischen Institut für Frauen sind von 150 neu aufgenommenen Hörerinnen bloß 4 Jüdinnen. Ins technologische Institut wurden 1000 Hörer, dann , davon 9 Juden ausgenommen. Ins elektrotechnische Institut, sowie in die Hochschule für Bergindustrie werden heuer überhaupt keine Juden ausgenommen. weil in den vorangegangenen Jahren die Zahl der jüdischen Hörer die Perzentnorm überstiegen hätte. Mißhandlung von Juden in Marokko. Die „Kölnische Zeitung" brachte vorige Woche anläßlich des Marokkostreites einen gegen die franzöfische Regierung gerichteten Artikel, in welchem unter anderem angeführt wurde, daß Juden in Marokko von französischen Soldaten mißhandelt werden, und die „^.lliaaee Israelite“ wird aufgefordert, sich darüber zu äußern. Es ist bezeichnend, daß große deutsche Blätter vom Range der „Köln. Zeitung" sich über den Antisemitismus im eigenen Lande wenig aufregen, die Juden aber für gut genug erachten, um deren Schutz im diplomatischen Interesse Deutschlands zu reklamieren. Die „Israelitische Allianz zu Wien" hat über den Gegenstand Informationen eingezogen, und wie wir vom Sekretariat derselben erfahren, haben sich allerdings bedauerlicherweise in Meknes manche franzöfische Soldaten im Anfang ihres dortigen Aufenthaltes einiges zu Schulden kommen lassen, die franzöfische Regierung hat aber sofort, als sie davon erfuhr, die nötigen Weisungen erteilt, wonach der Schutz unserer Glaubensgenossen, soweit er von den Franzosen abhängt, im vollen Maße gesichert ist. Politischer Antisemitismus in der Türkei. Je rascher sich das politische Leben in der Türkei entwickelt, desto deutlicher treten die Symptome des politischen Antisemitismus zutage, von welchem dieses Land bisher freigeblieben ist. Die vom gewesenen Kommandanten Sadik Bey gegründete konservative Partei hat es sich zur Aufgabe gemacht, „gegen den Einfluß der Freimaurer und der Juden auf das politische Leben der Türkei anzukämpfen". Nun kommt die Nachricht aus Saloniki, daß die jungtürkische Partei den Beschluß gefaßt habe, den Zentralsitz der Partei von Saloniki nach Anatolien zu verlegen. In der Begründung dieses Beschlusses soll sich auch der Passus befinden, daß Saloniki eine jüdische Stadt sei. und daß die Partei es als notwendig erachte, das jungtürkische Komitee dem „jüdischen Einflüsse zu entziehen". Mittelalterliche Verfügungen gegen jüdische Advokaten. Wie die Petersburger „Rjetsch" berichtet, hat das russische Justizministerium einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der eine Reform der Advokatenordnung bezweckt. Die neue Regierungsvorlage ist ausschließlich gegen die jüdischen Advokaten gerichtet. Hiernach soll den jüdischen Rechtsanwälten verboten werden, christliche Parteien in Zivilprozessen zu vertreten. Ferner soll ein jüdischer Advokat nicht in den Advokatenrat gewählt werden dürfen. Im allgemeinen soll die Zahl der jüdischen

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