Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 586 Dt. BlÄchs WoWMrift Rr. 35 rung enthalten. Sie werden es sohin Vielleicht erklärlich finden, wenn ich mich vis-a-vis der Ihrerseits an mich gestellten Fragen auf denselben Standpunkt stelle. Handelsminister a. D. Franz Kossuth hat folgende zwei an ihn gestellte Fragen mit Nein beantwortet: Hat in Ungarn die Freizügigkeit der Juden auf die Wirtschaftliche Entwicklung hindernd eingewirkt? Haben sich infolge des den Juden gewährten Rechtes der freien Wahl ihres' Wohnortes ökonomische, politische und Moralische Nachteile eingestellt? Der deutsche Konsul in Wien von Libich antwortete: Ich habe nur tiefe Verachtung für Politiker, die nur über die Rechtsbeschränkung der Juden sinnen und sie in ein eigenes Ansiedlungsgebiet einpferchen. Die Gleichberechtigung, welche den Juden in Oesterreich gewährt wurde, wie auch die Freizügigkeit über das ganze Land, haben diesem großen Nutzen gebracht, weil sie zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes viel beitrugen. Interessant ist, daß auch Hofrat Schuchardt sich abfällig über alle Rechtsbeschränkungen gegen die Juden aussprach. Wie der Veranstalter der Enquete in seinem Begleitschreiben betont, hat ihn hiezu die Tatsache veranlaßt, daß die Judenfrage in Rußland in vielen Beziehungen derjenigen in Oesterreich ähnlich sei. In Oesterreich ist die Zahl der jüdischen Bevölkerung im Verhältnisse zur allgemeinen Bevölkerung gleich mit der Zahl der Juden in Rußland. Hier wie dort machen die Juden 4 Prozent der allgemeinen Bevölkerung aus. Die österreichischen Juden haben sich mit. der übrigen. Bevölkerung ebenso wenig assimiliert, wie in Rußland eine Assimilation der großen jüdischen Massen zu erwarten sei. Hiezu koznmt noch, daß auch in Oesterreich eine starke antisemitische Bewegung vorhanden sei, wenn sie auch in ihren Formen europäischer ist, als die russische. Deshalb wandte sich der Journalist gerade an österreichische und ungarische Männer der Oeffentlichkeit und richtete an sie formell die zwei Fragen, auf welche, wie oben erwähnt, die österreichischen Politiker fast durchwegs ausweichend antworteten. i! \ i Die! geplante Kreditbeschränkunq -er Juden — derzeit unmöglich. Wie Petersburger Blätter melden, hat das Finanzministerium die Ueberzeugung gewonnen, daß die geplante Kreditbeschränkung der Juden im Wege einer Regierungsaktion derzeit unmöglich sei. Die bedeutendsten russi--, schen Fachleute haben ein solches Vorhaben als einen wirtschaftlichen Selbstmord bezeichnet. Da überdies auch die ausländischen Kapitalisten und Fabrikanten dem Finanzministerium ankündigten, daß eine solche Maßregel auch auf den gesamten russischen Kredit unabsehbare Konsequenzen haben müßte, entschloß sich das Finanzministerium, die Durchführung des Projektes zu — vertagen. Auch der geplante Gesetzentwurf, wonach den Juden das Handeln mit Getreide hätte verboten werden sollen, dürfte, wie von eingeweihter Seite berichtet wird, kaum Gesetzeskraft erlangen. Die vom Handelsministerium veranstaltete Enquete hat nämlich ergeben, daß die gegen die jüdischen Getreidehändler vorgebrachten Klagen nicht den Tatsachen entsprechen. So wurde behauptet, daß die jüdischen Händler das Getreide verunreinigen, und, mit verschiedenem Mist vermengt, in den Handel bringen. Die Untersuchung hat nun ergeben, daß die Verunreinigung des Getreides bereits bei den Bauern selbst geschieht und die jüdischen Händler das Getreide bereits in dieser verunreinigten Form von den Bauern kaufen müssen. Das Handelsministerium hat auch verschiedene Maßnahmen gegen diese Umtriebe durch die Bauern evgriffen.' „ChristMk! Bichandkung" Wiener Ddischier HandwerksburschM in DEtWaM Die in Göppingen erscheinende .Freie Volkszeitung" brachte in Nr. 186 vom 12. August aüs Stuttgart folgende Nottz: „Eine christliche VehandkünA Zwei österreichische Handwerksburschen sprachen Donnerstag mittag auf unserer Redaktion vor. Sie kamen direkt von der „christlichen", Herberge zur Heimat in der Gerberstraße. Einer der Wanderer war von einem Angestellten dieses von christlichem Geiste beherrschten Musterhospitz derart ins Gesicht geschlagen worden,, daß er die Kinnlade kaum noch bewegen tonnte Der Geschlagene wollte der Wasserleitung der Herberge ein Glas Wasser entnehmen, wurde aber von diesem Beginnen von emeni Angestellten der Herberge unter Austeilung von Püffen, Stößen und groben Redensarten abgehalten. Kaum wollte der so traktierte Wanderer den Mund zur, Verteidigung öffnen, als es auch schon heftige Ohrfeigen links und rechts hagelte, wobei, ein zweiter Angestellter dem ersten Rohling Hilfe leistete. Der christ. Herbergsvater sah dem rohen Treiben schmunzelnd zü, ohne dagegen einzuschreiten. In seiner Gegenwart versetzte einer dem Geschlagenen noch einen Schlag ms Gesicht und sagte: Das sind schwäbische Hiebe! — Soweit die durchaus glaubwürdige Schilderung der beiden. Selbst wenn der Geschlagene — was wir nicht glauben — einen Anlaß zum Unmut gegeben hätte» so bleicht Liese rohe Behandlung dennoch ein skandalöser Vorgang. Wo bleibt hier die vielgepriesene christliche Nächstenliebe? Glaubt diese Sorte von Christen, arme, wehrlose Wanderer wie ein Stück Vieh behandeln zu können? Oder sollte der in diesen Kreisen stark gezüchtete Antisemitismus dabei eine Rolle spielen? Die beiden Wanderer sind jüdischer Konfession. Sind mittellose Juden Menschen zweiter Klasse? Machen die christlichen Tugenden vor der Konfession Halt?" Die Redaktion der Gebweiler „Jsx. Wochenschr." hat die Namen der beiden Leute feststellen lassen. Es sind die Handlungsgehilfen Jakob Herlinger und Hans Frey, beide aus Wien. Dck Pogrom in England. Zu den Ausschreitungen in England wird uns unterm 24. d. M. geschrieben: Die schweren Ausschreitungen in Wales haben im ganzen Lande großes Aufsehen erregt. Allen Blättern fällt es ganz besonders auf, daß das Militär so wenig getan hat, um die bedauernswerten Vorkommnisse zu verhindern. In Tredegar allein waren etwa 150 Mann mit fünf Offizieren unter dem Befehl eines Majors zum Schutze der Bedrohten zur Verfügung, außerdem eine ganze Eskadron Husaren. In allen benachbarten Orten liegen Abteilungen von 50 bis 200 Mann und weil dies nicht genügend schien, wurden noch weitere tausend Mann in dem benachbarten Cardiff in Bereitschaft gehalten. Trotzdem überfielen die Aufrührer gestern nachmittags wieder einige jüdische Geschäfte. Ihre Beute wurde ihnen aber zum größten Teile von der Polizei wieder entrissen. Es ist unerklärlich, was die bisher so friedlichen Bergarbeiter zu diesem Treiben veranlaßte. Als angebliche Gründe für die Ausschreitungen werden die gesellschaftlichen Ambitionen der Juden und die Erhöhung der Mietzinse einiger jüdischer Hausbesitzer angegeben. Dies scheint jedoch unmöglich der wahre Grund zu sein, und die Untersuchung wird erst seststellen müssen, ob es sich nicht um eine von langer Hand vorbereitete Aktion gegen die Juden handelt. Die maßgebenden jüdischen Kreise waren von den Ereignissen in Wales so sehr überrascht und waren nicht