Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 580 Dr. Blochs WochMchrift Nr. 35 erfreut. Mehr als tausend Glückwünsche und Zeichen der besonderen Hochachtung kamen Dr. Alfred Stern aus diesem festlichen Anlässe auf schriftlichem und telegraphischem Wege zu; in allen diesen Kundgebungen gelangte die Anerkennung der Verdienste zum Ausdrucke, die sich der Gefeierte in einer mehr als fünfzigjährigen Tätigkeit in den verschiedensten Zweigen des öffentlichen Lebens um seine Vaterstadt Wien, um den allgemeinen Fortschritt und insbesondere um die Förderung der Interessen seiner Glaubensbrüder erworben hat. Die Sochmerwohnung in Baden, in welcher sich die Feier abspielte,, war aus diesem Anlasse mit Blumen festlich geschmückt. Den Reigen der Gratulationen eröffnete der Glückwunsch der Großneffen des Jubilars, die Kinder des Med.-Dr. Goldberger. Als erste offizielle Deputation erschien die Abordnung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde unter Führung des I. Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n. An der Deputation nahmen sämtliche in Wien weilenden Mitglieder des Kultusvorstandes, die Herren S. B r o d, Dr. Jakob Engel, Architekt Gärtner, Em. H offmann. Karl Lemberg er, Adolf Schr am ek, Dr. Heinrich Schreiber, S. Steiner und kais. Rat Jonas Weil, teil. Dr. Gustav K o h n versicherte in seiner Begrüßungsansprache, daß der Vorstand seinen Präsidenten an diesem Tage nicht nur seine besondere Verehrung, sondern auch seine Liebe für ihn zum Ausdrucke bringen wolle. Die Verdienste, die sich Dr. Stern um die Wiener Kultusgemeinde während seiner langjährigen Wirksamkeit im Vorstande und dann als Präsident erworben, seien zu offenkundig, als daß er sie jetzt alle aufzählen müßte. Zur Verewigung dieses festlichen Anlasses hat der Kultusvorstaud beschloffen, eine von Meisterhand ausgeführte Plaquette anfertigen zu laffen, die das wohlgelungene Bild des verehrten Präfidenten darstellt. Indem er ihm dieses Zeichen der besonderen Verehrung überreicht, gibt er der Ueberzeugung Ausdruck, daß der Achtziger bloß eine Anweisung ist auf den Neunziger und spricht im eigenen, wie im Namen des Vorstandes den Wunsch aus, daß er auch als rüstiger Neunziger noch an der Spitze der Gemeinde stehen möge. Die Plaquette ist nach den Entwürfen des berühmten Medailleurs Profeffor S ch w a r tz in Silber ausgeführt. Dr. Alfred Stern dankte für diese besondere Ehrung, die zu den schönsten Erinnerungen seines Lebens zählen werde. „Der Archivbeamte Sigmund H u s s e r l unterzog sich der Mühe, die Geschichte der Wiener Kultusgemeinde vom Jahre 1793 bis an den heutigen Tag in anschaulichen statistischen Tabellen darzustellen. Dieser lehrreichen Arbeit entnehme ich, daß von den Vorstandskollegen, mit denen ich bei meinem vor nahezu 25 Jahren erfolgten Eintritte in den Kultusvorstand zusammen zu arbeiten die Ehre hatte, außer mir nur noch zwei Kollegen am Leben find, es sind dies unser hochgeschätzter, vortrefflicher Kollege, Dr. Maximilian Steiner und mein ausgezeichneter, vorzüglichster Freund und Kollege Dr. Gustav K o h n, der mich soeben mit einer so herzlichen Ansprache auszeichnete. Wie es in einer so großen Körperschaft nicht anders denkbar ist, waren wir wohl' nicht in allen Fragen immer derselben Meinung, aber wenn sich Widersprüche ergaben, so konnte es sich immer nur um den Weg handeln, der einzuschlageu sei, um das von uns allen gewollte gemeinsame Ziel zu erreichen. Denn in den Zielen, in der Hauptsache war ich stets mit Ihnen Allen ä'aeeorä. Wir haben in den letzten Jahren mehrere bedeutende und bleibende Institutionen geschaffen. Ich erinnere nur an den Bau der Mikwah, durch welchen einem dringenden Bedürsnisse, namentlich des konservativen Teiles unserer jüdischen Bevölkerung, Rechnung getragen wurde. Es wurde das Kaiserin Elisabeth-Pflegerinnen-Jnstitut ins Leben gerufen, welches derzeit schon 18 Pflegerinnen zählt; das Kaiser Jubiläums-Knabenwaisenhaus wurde unter wesentlicher Mithilfe der Kultusgemeinde geschaffen. Ein großer Friedhofsgrund wurde erworben. Mehrere monumentale Vereinstempel erstanden unter kräftiger finanzieller Förderung der Kultusgemeinde. Es stehen uns aber noch viele große Aufgaben bevor und eine der schönsten und auch wichtigsten Aufgaben wird es sein, den Bau eines monumentalen Zentraltempels in der Inneren Stadt möglich zu machen. Ich hege die feste Ueberzeugung, daß auch diejenigen meiner sehr geschätzten Vorstandskollegen, die aus bloßer Besorgnis finanzieller Natur diesem Projekte gegenüber sich noch nicht zustimmend verhalten, auch zu der Erkenntnis gelangen werden, daß unsere große Gemeinde dieser Zentralsynagoge bedürfe, damit sie den Sammelpunkt aller Gemeindemitglieder und gleichsam das Wahrzeichen der ersten Kultusgemeinde des Reiches und ihrer ethischen Bestrebungen bilde." Nach dieser mit großem Beifalle aufgenommenen Rede überreichte der Bethausvorstand eine Adresse, in welcher Doktor Stern als Förderer der religiösen Einrichtungen unserer Gemeinde gefeiert wird und es dann heißt: „Erfüllt von der Liebe zu unserem religiöseu Schrifttum, dessen Lektüre in der heiligen Sprache Ihnen regelmässiger, reichlicher Genuss ist, fördern Sie die jüdische Wissenschaft und voll Pietät für die altehrwürdige Tradition widmen Sie den Einrichtungen für Kultur un i Gottesdienst erhöhte Fürsorge. Scharfen Auges blicken Sie stets aus, das grosse, gemeinsame Ziel, allen Parteien, allen religiösen Eichtungen, wenn sie sich um das Banner der Gemeinde scharen, Eücksicht, Schutz und Förderung bietend.“ Die Deputation der Wiener Gemeinderabbiner, bestehend aus den Herren Dr. A b e l e s, Ir. Sauer, Dr. B a ch, Dr. G r u n w a l d, Dr. Mandl, M a y e r s o h n, Reich, Dr. Rosenmann und Dr. T a g l i ch t, erschien unter der Führung des Oberrabbiners Dr. G ü d e mann, der nach einigen kurzen Begrüßungsworten die Adresse der Rabbiner zur Verlesung brachte. Der wesentlichste Teil der Adresse lautet: „Wir haben seit vielen Jahren Gelegenheit, die Gewissenhaftigkeit, die Sie in der Ausübung der vielseitigen Aufgaben Ihres hohen Amtes bewiesen, sowie den nie erlahmenden Eifer, womit Sie die Ehre unserer Gemeinde und unseres Glaubens nach aussen hin vertreten, zu beobachten und zu bewundern. Ebensolche Anerkennung zollen wir aber auch Ihrem frommen Sinn sowie ihrer weisen Berücksichtigung der verschiedenen religiösen Bestrebungen, die sich innerhalb der Gemeinde geltend machen, wodurch es Ihnen gelungen ist, ihr den kostbarsten Besitz, den inneren Frieden, zu erhalten.“ Dr. Stern erwiderte Hierauf im Wesentlichen folgendes: „Bor Jahren war in unserem jüdischen Museum ein herrliches Bild zu sehen. Eine Schar Juden schritt matt und müde über eine Eiswüste. Vor ihnen und hinter ihnen dichter Nebel. Sie wußten nicht, weshalb sie ihre Heimat verlassen mußten und noch weniger wußten sie, wohin ihr Weg führt. Aber vorne, wie ein Wegweiser schritt ein Jude mit dem Sefer Thora in der Hand. Die Thora war ihr Leitstern. Bei dem Anblick dieses Bildes erinnerte ich mich an eine Szene, die ich in den 80 er- Jahren des vorigen Jahrhunderts an der galizisch-russischen Grenze erlebte, als ich in jener Schreckenszeit für unsere verfolgten russischen Glaubensbrüder die Hilfsaktion leitete. Diese gehetzten Juden hatten ihre ganze Habe eingebüßt, alles ließen sie zurück, nur ein Sefer Thora war der Schatz, den sie gerettet haben. Unsere heilige Thora ist auch der Schatz, den Sie, meine hochverehrten Herren, zu hüten haben und auch mit Hingebung hüten. Und ich bin glücklich, daß Sie Ihre verantwortungsvolle Pflicht unter der Aegide eines Oberrabiners tun, wie es unser von uns allen tief verehrter und hochgeschätzter Oberrabiner Dr. Güdemann ist. Hierauf folgte die Abordnung des Oesterreichisch-ungarischen Kantorenvereines und der Wiener Kantoren, geführt vom Herrn Oberkantor kais. Rat Josef Singer. An der Deputation nahmen ferner teil: Oberkantor Josef Morgenstern, die Kantoren Kaufmann, Löwit, Rosenberg und der Bereinssekretär Dr. L ö w y. Nach dem vom Vereinspräsidenten Oberkantor kais. Rat Singer mit Wärme vorgetragenen Begrüßungsworten verlas Dr. L ö w y die Adresse, in welcher der folgende Passus hervorgehoben sei: „Schöpfend aus den Lehren unserer wechselvollen Geschichte,' haben sie stets daran festgehalten, dass die.Pflege des Kultus im Geiste unserer Tradition die Grundlage eines jeden jüdischen