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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-01 · 35 (1.9.1911) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Bkochs WochchMM Sette 57» Der Präsident der Wiener Knilusgemeinde. *) Von Dr. Heinrich Schreiber, Vorstandsmitglied der israel. Kultusgemeinde. Die Wiener Kultusgemeinde wird morgen (29. August) den 80. Geburtstag ihres Präsidenten feiern; sie wird diesen Gedenktag mit vollem Recht und mit großer Begeisterung begehen. Dr. Alfred Stern ist ein Name, der auf den Blättern der Tagesgeschichte seiner Vaterstadt vielfach prangt, der verdienstlich und rühmend dort verzeichnet ist als Gemeinderat und Referent des kommunalen Budgets; als unerschrockener, freisinniger Vertreter der städtischen Interessen und gemeinwirtschaftlichen Bestrebungen; ein geschickter, gewandter Politiker, der zeitlebens auch mit der Feder für seine Prinzipien und Ansichten einzustehen wußte und den politischen Gegnern manchen schmerzhaften Hieb auch auf diesem Gebiet versetzt hat, selbst zu einer Zeit noch, da er die Gemeindestube bereits verlassen, die Funktion eines Stadtvaters nicht mehr bekleidet hatte. Noch heller aber glänzt sein Name in den ereignis- und schicksalsreichen Annalen der Wiener Judengemeinde, welche die größte ist unter den Gemeinden der europäischen Kulturstaaten. Auf einem kleinen, fast unansehnlichen Körper sitzt ein interessanter, ungemein ausdrucksvoller Kopf, durchgeistigt von vieler, schwerer Gedankenarbeit, belebt von hellen, scharfblickenden Augen, das Ganze umrahmt von dünnen Haaren, die über den Rand des kahlen Schädels sich wellen, und eine« kurzen, nicht allzu angegrauten Barte. Und wenn die schmalen Lippen sich öffnen, dann entströmt ihnen ehern und glockenrein der Ton der gewandten Rede, wohlgesetzt und durchbildet, fesselnd und ergreifend. Dann fallen die Worte bald leise und bedächtig, bittend und mahnend, bald streng und herausfordernd, bald feierlich und getragen, dann wieder heftig und stoßweise, lockend und abweisend, wie es der Moment ergibt, der Anlaß fordert. Und dem Eindrücke und dem Zauber dieser Suada kann sich Niemand entziehen, auch die Gegner nicht, an denen es ihm wahrlich nicht gebricht. Spricht er (und er liebt es, sich vernehmlich zu machen), dann hängt man gerne an seinen Lippen, die einen, diermit sich fortreißt, aber auch die anderen, die er treffen wollte, mögen sie darüber murren und ihm ihren zornigen Widerspruch auch merken lassen. Das ficht ihn nicht an» Er geizt nicht nach Beifall, wenn er ihm auch schmeichelt, er scheut nicht den Mißfall, wenn er ihn auch nicht sucht. Ein kluger, nüchterner Sinn läßt ihn die Dinge kühl und sachlich erfassen; Ueberschwenglichkeit nnd Emphase liegt in ihm nicht und er liebt sie auch nicht. Mit festem Willen und eiserner Hand versteht er es, den Widerstand zu brechen, den Widerspruch einzudämmen und, wenn die Wogen der Erregung besonders hoch gehen, durch konnivente Politik auch diese zu glätten. Man muß ihn an der Arbeit sehen, diesen wetterfesten, in Stürmen erprobten Steuermann, an der schweren komplizierten Arbeit, welche es in der reichverzweigten Verwaltung eines so großen, mit den vielfältigsten Aufgaben betrauten Gemeinwesens zu verrichten gibt. Da ist er trotz seiner Jahre der erste und der letzte am Platze; nicht die kleinste Agende entgeht seinem Augenmerk; keine Angelegenheit, welche die Glaubensgemeinde betrifft, sei sie noch so geringfügig und dem Geringsten seiner Glaubensbrüder eigen, möchte er aus seinem Wirkungskreise missen. Die Wohlfahrt der zahlreichen jüdischen Bevölkerung unserer Stadt, ihre geistigen und sittlichen Güter, ihre kulturellen Interessen stehen ihm obenan, nicht weniger aber liegt ihm die Unterstützung und Förderung der Armen und Kranken, die Festigung der finanziellen Tragkraft der Gemeinde, die große Stiftungsvermögen ver¬ *) Wir entnehmen diese glanzend geschriebene Charakteristik der «Neuen Freien Presse" vom 39. August l. I. waltet und deren, jährlicher Etat nach Hunderttausenden zählt, unablässig am Herzen. Der Druck, der auf seinen Glaubensgenossen lastet, die bitteren Kränkungen und empfindlichen Zurücksetzungen, die ihnen widerfahren, fühlt er als persönliche Unbill und eigene Schmach, und wo es gilt, sie abzuwenden und abzuwehren, diese Leiden und Schmerzen zu lindern und zu heilen, da reckt und streckt sich dieser Mann zu ungeahnter Höhe, da steht er an der Spitze der unerschrockensten Kämpfer und Helfer, tut es dem greisen Führer niemand zuvor. Seine Initiative ist unerschöpflich. Um Neues zu schaffen, gönnt er sich keine Ruhe und Rast. Er will seine Gemeinde immer größer und ansehnlicher machen, die Stellung der Wiener Glaubensgenossen im Staatsleben bessern und heben, ihren Gemeinsinn fördern, ihre Eintracht festigen und ihren Einfluß stählen. Er hat den Gemeindebund ins Leben gerufen, hat die Wohlfahrts¬ und Fürsorgeeinrichtungen der Wiener Gemeinde wesentlich vermehrt, hat für die Ausgestaltung und Erweiterung des jüdischen Spitals unter vollem Einsatz seiner persönlichen Geltung Außerordentliches geleistet, hat durch Erwerbung eines beträchtlichen Komplexes den Bestand des Friedhofes auf absehbare Zeiten gesichert, und an dem Neubau eines repräsentativen Verwaltungsgebäudes und eines monumentalen Gotteshauses, würdig der Stellung und Bedeutung der Wiener Judenschaft, arbeitet er mit heißem Atem, um so seinem segensreichen Schaffen die Krone aufzusetzen. Mitschöpfer des jetzigen Gemeindestatuts, ist er zur Kräftigung des Gemeindesäckels dem (von K l i n g e r ersonnenen) Gedanken der höher besteuerten Kurie Gevatter gestanden und hat trotz der vielfachen Anfechtungen mit aller Zähigkeit, an dieser Institution festgehalten, doch auch erkennen lassen, daß er einer etwaigen zeitgemäßen Ausgestaltung der Gemeindeversassung nicht gerade abhold sei. Daß er der Pflege des Unterrichts und der gottesdienstlichen Einrichtungen durch Berufung hervorragender Gelehrter, Rabbiner und Meister des Tempelgesanges wirksamst gedient hat, erhöht die ihm entgegengebrachte Dankbarkeit. So ist er voll und ganz in das Leben seiner Gemeinde hineingewachsen, hat er es auf allen Gebieten gedeihlich befruchtet, die Würde und die Ehre der Gemeinde und ihrer Angehörigen eifersüchtig und treu behütet und bewacht. So ist er den jüdischen Bürgern dikser großen, herrlichen Stadt eine ehrfurchtumflossene, patriarchalische Gestalt, der an Kraft und Lebendigkeit die Last der Jahre nichts anzuhaben vermochte, ein starker Sachwalter, dessen Geist die Erfahrung geläutert und geklärt hat, dessen Ecken und Kanten sich in langen Kämpfen geschliffen, dessen Wille Festigkeit mit Einsicht und Milde paart, dessen Selbstlosigkeit und Wohltätigkeit zum Vorbilde gereicht, ein Mann, der Achtung gebietet und zur Ehrerbietung zwingt» und dessen Wirken unvergänglich verbunden ist mit der Entwicklung und dem Gedeihen der Wiener Judengemeinde. Tausend Herzen werden ihm an seinem Jubeltage eutgegenschlagen, tausend Segenssprüche ihn geleiten, und so sei auch mit diesem Gedenkblatte der Name des Präsidenten Dr. Alfred Stern liebevoll bekränzt. Korrespondenzei,. Der achtzigste Geburtstag des Präfideute» der Wiener israelitischen Knltnsgemeinde Doktor Alfred Ster». Die am 39. August d. I. stattgehabte Feier des 60. Geburtsfestes des Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der hohen Wertschätzung, deren fich der Jubilar nicht nur in den Kreisen der Judenschaft der Reichshauptstadt des Reiches und des Auslandes, sondern auch in den angesehensten politischen. juristischen und publizistischen Kreisen

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