Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-01 · 35 (1.9.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021963--20469-3045510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

■iH.^lu. ,1:^ SHfc iSETE. ->«». WKil. Nr. 35 Dr. Blochs WochMchrift Seite 577 geistigen Schätze unbenutzt, ließ das Feld vollständig frei für Wundt, der ein Jahr später mit seiner völkerpsychologischen Ethik auftrat und alle Erfolge und allen Triumph der Priorität allein einheimste. Trotz aller Genialität und Tiefe machte Steinthal nicht den Effekt den LazaruS' Ethik machte, selbst im Kreise des Judentums nicht; obgleich seine Begeisterung für seine angestammte Religion in derselben oft mit Feuerschrift anflodert. Ganz auf völkerpsychologischem Boden steht die Ethik Wundt's. Die Quelle der Ethik ist das sittliche Bewußtsein, wie es sich in Recht, Religion und Sitte objektiviert. In diesen sittlichen Massenerscheinungen offenbart sich unmittelbar die Volkspsyche, weil durch die geradezu naturgesetzliche Art ihrer Entstehung diese dem wechselvollen Spiele individueller, persönlicher Eingriffe entzogen sind. Ein Dritteil seines Werkes widmet er der Beschreibung der sittlichen Tatsachen, ein Dritteil schildert die Entwicklung der sittlichen Weltanschauungen von den Griechen bis zum heutigen Tage. Sonderbarerweise widmet Wundt der jüdischen Ethik kein Sterbenswörtchen, wiewohl er in den letzten Auflagen wenigstens schon Gelegenheit gehabt hätte, sich über dieselbe in der bereits erschienenen „Ethik" von Lazarus zu orientieren. Erft im letzten Dritteil abstrahiert er die Prinzipien. Dieser Ethik .steht Lazarus' Werk am nächsten. Er schrieb keine allgemeine Ethik, auch keine neuen ethischen Prinzipien wollte er ableiten; er trachtete nur, die ethische Seite der Volksseele Israels zu enthüllen, die geheimsten Tiefen seines sittlichen Daseins. - Der Charakter des Werkes mußte also notwendig deskriptiv sein. So können wir nun die psychologischen Motive erklären, die Hermann Cohen veranlassen, an dem ersten Teile der „Ethik" von Lazarus Kritik zu üben. (Septemberheft 1900 der Grätz-Brann'schen Monatsschrift.) Nicht allein, daß Cohen — wieLazarus sagt, II. Th., S. XXXIX — „von Grund und von Haus" sein Gegner sei, sondern auch weil die Methoden dieser beiden Denker verschiedene sind. Cohen, der Neukantianer, läßt gleich Kant das Senkblei seines Scharfsinnes mehr in die Tiefe, er denkt also eher vertikal, während Lazarus der horizontalen Methode den Vorzug gibt. Es ist dies der alte akademisch talmudische Gegensatz zwischen dem td und D'in npiy Tract. Horajoth 14 a zwischen dem Vielwisser und dem Scharfsinnigen, oder logisch ausgedrückt zwischen induktivem und deduktivem Denken. Aber auch in diesem geistigen Kräfteparallelogramma liegt die Wahrheit in der Resultante. Lazarus milderte den Kantschen Sittenbegriff und benimmt ihm die metaphysische Spitze. Kant sagt, die praktische Vernunft sucht zu den bedingten Gütern, nach welchen der Mensch strebt, ein unbedingt höchstes Gut. Zu diesem gehört vollendete Tugend, Heiligkeit. Nun aber kann kein sinnliches Wesen heilig sein. Es kann sich nur der Heiligkeit als einem Ideal in unendlichem Progreß annähern. Solch unendlicher Progreß ist aber nur in einer unendlichen Fortdauer der persönlichen Existenz möglich. Wenn also das höchste Gut verwirklicht werden soll, so muß die Unsterblichkeit der Seele vorausgesetzt werden. Nach Lazarus wird das ethische Ideal des Judentums auch mit dem Begriff der Heiligkeit bezeichnet. Es ist aber nicht nötig, dieses in das Jenseits zu versetzen, sondern kann auf Erden schon verwirklicht werden. Wohl kann der Einzelne nicht heilig sein, heilig in der Einzahl ist nach biblischem Schrifttume nur Gott. Aber die Gesamtheit kann in wahrem und eigentlichem Sinne heilig sein oder werden. Ueber die Beziehungen der jüdischen Ethik mit dem Glauben an ein jenseitiges Leben spricht Lazarus in den 88 137—139, ferner § 366 in streng konservativem Sinne. * * * „Treu und frei" war das Losungswort von Lazarus; die Devise, die er auf seinen Leichenstein meißeln ließ. Treu zum Judentum und frei in der Ausübung desselben. Ueberlieferung ohne Prüfung ist blind und blöde. Neuschöpfung ohne Pietät ist kalt und unfruchtbar. Das Alte muß immer neugeboren, gleichsam neu in der Seele geschaffen werden, das Neue muß aus den Wurzeln des Alten emporwachsen. In das Alte muß man sich vertiefen, zum Neuen muß man sich erheben. Diese Grundsätze kommen auch in seiner Prinzipienlehre der Ethik zum Ausdruck, u. zw. wie wir die Prinzipien derselben auf die nun vollständig veränderte soziale Lage des Judentums anzuwenden haben. Die Heroen des Geistes sind ein Produkt der Volksseele. Dies ist einer der Elementarsätze der Völkerpsychologie, weil der Gesamtgeist der Nation in ihnen wje die Strahlen in einem Prisma sich sammeln und dieser findet wieder in ihnen neue Triebe und neue Bildungskraft. Im Leben von Lazarus spiegeln sich die Strahlen des echtjüdischen Humanitätsideales, in seinen Schriften die ethische Substanz des jüdischen Volksgeistes. Die geist- und lichtvolle Behandlung, die Zusammenfassung des Stoffes, welche sich mit gründlicher Gediegenheit paart, werden gewiß auch dem II. Teile solch glänzenden literarischen Erfolg sichern, wie dem ersten. „Diesem Werke gehörte seine ganze Sorge, seine letzte Arbeitskraft bis zum Erlöschen .... möge es mit desto dankbarerer Pietät empfangen und mit einem Abglanz jenes heiligen Eifers durchforscht werden, der ihn selbst allezeit beseelte". Mit diesem Wunsche übergab Frau Nahida die fünfte Auflage der „Ethik" der OÖffentlichkeit. Mit diesem Wunsche schließen wir nun unser Referat, denn die „Ethik des Judentums" von Lazarus ist nun in ihrer Vollendung eine Apotheose des jüdischen Humanitätsideales. vom Anbrmarkt des Lebens. Professor Stracks Gutachten im jüngsten Berliner Takmudprozch. In dem Prozeß gegen Buch-Buchow, verantw. Redakteur der „Staatsb.-Ztg", sollte Prof. Strack nach dem Berichte der politischen Blätter in seinem Gutachten u. a. gesagt haben: „daß der Schulchan Aruch zwar einen Auszug aus dem Talmud, aber kein Gesetz darstelle. Schon im Mittelalter hätten sich die Rabbiner, ebenso wie in der Neuzeit selbst die orthodoresten Rabbiner, gegen den „Schulchan Aruch" erklärt. Der Talmud selbst enthalte einige Stellen, die nicht zu billigen seien, im allgemeinen aber sei er ein wirkliches Sittengesetz. Es würden den Juden gerade nach dieser Richtung hin verschiedene Sachen nachgesagt, die aber sämtlich nicht richtig seien" usw. Hiergegen schreibt Herr Prof. Strack: „Was die antisemitischen Blätter gelegentlich meiner Aussagen als Sachverständiger in dem letzten Prozesse gegen den Redakteur Wilh. Buchow über mich geschrieben haben, lese ich nicht, obwohl mir Einiges sogar zugeschiickt ist. Ich lege aber Wert darauf, daß durch die jüdische Presse keine falsche Vorstellung verbreitet werde über das, was ich wirklich gesagt habe. Selbstverständlich habe ich nicht gesagt, daß der Talmud ohne alle Bedeutung für das Judentum sei. Ich habe ihn vielmehr als Rechtsquelle bezeichnet, zu der jeder, der das jüdische Religionsgesetz kennen wolle, zurückgehen müffe. Zum Talmud in diesem Sinne gehören auch die Gaonim, die Poskim, die bekannten Codices, besonders der Schulchan Aruch. aber diese nur mit den bekannten Kommentaren Bevr ha-golah, Siphthe Kohen, Bai r-heteb usw. Dafür habe ich auf das inhaltreiche Werk von David Hofsmann, der Schulchan-Aruch, 2. Aufl. (Berlin 1394) ausdrücklich hingewiesen. Was die Sittenlehre des jetzigen Judentums betreffe. fuhr ich fort, dürfe man weder nach der einen noch nach der anderen Seite Einzelsätze aus dem Talmud

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.