Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Setre 576 Dr. Vlochs WochMchrift Nr. 35 „Die Völkerpsychologie ist die Vorhalle der Ethik", mit diesem klassischen Satze leitet Wundt sein mächtiges System der Ethik ein. In dieser Sentenz wird ein neues Programm ausgedrückt, eine neue Methode verkündet, durch dessen Verwirklichung Wundt's Ethik in die Reihe der klassischen Werke der Philosophie eiugerciht wurde. Wir wollen in keiner Weise die Verdienste Wundt's um die Ethik schmälern. Nur gerade das, was seinem Werke die Originalität verleiht, die Einführung der völkerpsychologischen Methode in die Ethik, verdankt er der Inspiration Lazarus dem „verdienstvollen Forscher" — wie ihn und Steinthal Wundt in der Einleitung seiner „Völkerpsychologie" apostrophiert — der diese Methode zuerst verkündete. Diese von Lazarus verkündete Methode ist nichts anderes, als die Einführung der Induktion in die Ethik, die bis in unsere Zeit hinein rein spekulativ oder metaphysisch betrieben wurde. Man kümmerte sich nicht um die Erfahrung. Ihren Höhepunkt erreicht diese Methode in der „Ethik" Spinozas. Erst Abhandlungen über die durch sich selbst existierende Substanz, daß man kaum den Titel des Werkes mit dem Inhalte in Zusammenhang bringen kann, und aus diesen Quelle des Metaphysischen wird die Ethik deduziert, daß es keinen freien Willen gebe, weil alles nach dem Prinzipe der inner» Notwendigkeit geschehe; deshalb gebe es an sich weder Gutes noch Schlechtes, gibt es kein Sollen, sondern nur ein Sein. Haupttugend ist die Erhaltung des eigenen Sein in Verbindung mit dem unendlichen Sein. Mitleid ist ein leidender Affekt und als solcher schlecht. Nur aus Vernunft soll man Andern Hilfe gewähren. Nicht minder streng verfährt Kant, der ebenfalls die Ethik spekulativ ableitet. Auch er verwirft das Mitleid, führt die Moral auf die Pflicht zurück. Es ist hier nicht der Ort, auf die ethischen Systeme dieser beiden großen Denker einzugehen. Diese Systeme bilden streng geschlossene Gedankensteht man oft, wie arische Kritiker an jüdischen Verfassern ihr Mütchen kühlen. So z. B. brachte die von Lazarus begründete Zeitschrift, die er 30 Jahre lang redigierte und nun als das Organ des Vereines für Volkskunde erscheint, anläßlich des Hinscheidens ihres Begründers einen Nekrolog, der überall peinliches Befremden erregte. Das Verdienst, die Völkerpsychologie begründet zu haben, wird ihm rundweg abgesprochen, mit Berufung auf da» angebliche Urteil berufener Kenner wird mit der „Ethik" ebenfalls kurzer Prozeß gemacht und das nur wenig Gute, das ihm nachgesagt wird, ist, talmudisch gesprochen, ein Bileamssegen. Herr Dr. Alfred Leicht, ein Schüler und der Herausgeber der posthumen Werke von Lazarus, reagierte in einer direkten Broschüre auf diese Herabwürdigung von LazaruS. Die Werke jüdischer Gelehrter werden geradezu mit Röntgenstrahlen geprüft und findet man nur leise Anklänge in Plan oder Methode an ein anderes Werk, so ist man mit dem Urteil auch fertig. Doch wollte man diesen Maßstab auch an Werken nichtjüdischer Gelehrter anlegen, so müßten wir manchen Originalität absprechen. Nur ein Beispiel. Wundt gilt heute als der Philosoph Deutschlands xar exeellence. Mit Recht. Er ist für die Deutschen das, was Spencer seinerzeit für England war. Aber wenn man ein boshafter Kritiker sein wollte, was könnte man nicht Vorbringen. Nicht davon wollen wir sprechen, wie viel er Fechner auf dem Gebiete der experimentellen Psychologie verdankt. Wir wollen nur die Anregungen hervorheben, die er von jüdischen Philosophen erhalten. Wundt's Hauptleistung, „Der psycho-phystsche Parallelismus", ist bekanntermaßen eine Erneuerung des spinozistischen Monismus, der Geist und Materie, psychische und Physische Phänomen als die beiden Attribute derselben Substanz auffaßt. Ferner die Begründung der Völkerpsychologie durch Lazarus gab seinen Studien einen neuen Schwung. Sie ersetzte ihm das Experiment, das nur auf die niederen Sinneswahrnehmungen, aber nicht auf die verwickelten höheren psychischen Phänomen anwendbar ist. Und nun seine Studien über die Sprache, primitive Literatur, Epos, Mythus und Religion, die in den letzten fünf Bänden seiner „Völkerpsychologie" niedergelegt sind. Jeder Fachmann weiß, das Wundt hier auf Gefilden wandelt, die Steinthal urbar gemacht. Wäre nun das Raffenverhältnis dieser genannten Gelehrten ein umgekehrtes, wäre Wundt semitischer Abstammung gewesen, in welches Geheul wäre die ganze Meute rassenreiner Kathederarier, Literaten, Studenten ausgebrochen. Alle feine wirklich großen Verdienste um die Wissenschaft wären verschwiegen oder nur vorübergehend berührt worden, hingegen würde man bis zum Ueberdruß auf die Impulse Hinweisen, die er von andern erhalten, und Haarklein würde man beweisen, daß er kein origineller, im besten Falle nur ein Weiterdenker sei, der es vortrefflich verstehe, die Goldbarren, die ehrliche arische Gelehrte aus den tiefen Schachten der Wissenschaft hervorgeholt, auszumüuzen ufw. gäuge, sind bis zur äußersten Konsequenz zähe durchdacht. Gerade diese strikte Einhaltung der vertikalen Gedankenrichtung verursacht, daß die horizontale Ethik nicht die rechte Würdigung findet* Große Gebiete des Lebens werden außeracht gelassen, und zwar vorerst, daß jedes Ethos auch sein Pathos hat, die psychologische Tatsache, daß bei jeder menschlichen Handlung oder Wahrnehmung unbedingt ein leises Gefühl mitklingt. In dieser höchsten menschlichen Wissenschaft kommt der Mensch gar nicht zu Worte. So spricht Spinoza über Leidenschaft und Affekte, als wenn es sich um Linien, Flächen und geometrische Körper handeln würde, entsprechend dem Titel seines Werkes „Mliiea oräino geometrica demonstrata.“ Nicht viel besser ist der ethische Rigorismus Kants, die finstere Uebertreibung, daß die Pflicht nur mit Widerstreben getan werde. In einer bekannten Xenie verspottet Schiller diese ethische Strenge folgendermaßen: „Gern dien.' ich den Freunden, doch tu' ich es leider mit Neigung Und so wurmt es mich oft, daß ich nicht tugendhaft bin. Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten, Und mit Abscheu alsdann tun, was die Pflicht dir gebeut. Weit realer sind die englischen Empiriker, die die Ethik auf die Psychologie stützen und von gewissen Tatsachen des individuellen Seelenlebens ausgehen, als vom Lust- und Unlustgefühl. Doch reichen diese nicht hin, die ethischen Erscheinungen der Masse zu erklären. Mit der Begründung der Völkerpsychologie durch Lazarus wurde auch die Ethik wie so viele andere. Geisteswiffenschaften aus ihrem deduktiven Schlummer geweckt. Sie bekam eine exakte Grundlage. Wir müssen die ethischen Grundauschauuugen von den Tatsachen des sittlichen Lebens abstrahieren. In andern Worten: Nicht allein von der Studierstube aus diktieren wir, was recht und schlecht ist, sondern betrachten wir auch die humanen Institutionen und Taten, in welchen der ethische Wille der Menschen sich äußert» so werden wir jene ethischen Elementargedanken finden, die die Menschen charakterisieren. „Taten sind die Sprache des Willens", sagt Herbart. Im Jahre 1874, als Lazarus sein 25jähriges Doktorjubiläum feierte — also 12 Jahre vor dem Erscheinen der Ethik von Wundt — schrieb an ihn Steinthal: „Und sie — nämlich die Völkerpsychologie — würde mir doch nicht ins Herz gewachsen sein, wenn sie nicht der Ethik den sichern Boden bereitete." In der Vorrede seiner „Allgemeinen Ethik" in der schon erwähnten Zueignung lesen wir ferner: „Ich eigne das Buch Dir zu, lieber Lazarus .... obwohl Du Dir das Beste darin selbst sagen kannst, gerade weil ich den Schlußstein meines Systems Dir verdanke. Ohne den von Dir zuerst fixierten Begriff des objektiven' Geistes hätte ich wohl nicht die klare Anschauung von dem iutelligiblen Reiche bekommen." Nun würde man erwarten, daß Steinthal, der mit dem Begriffe der Völkerpsychologie gleichsam wie mit einem Zauberstabe neue Quellen der Erkenntnis entdeckte, die Philologie, die Probleme über Mythus, Religion, über Entstehung des Epos vollständig umgestaltete und diesen Wissenschaften ganz neue, bisher unbetretene Pfade wies, diese neue Methode auch auf die Ethik anwenden werde. Bei der Abfassung seiner „Ethik" verließ ihn wohl nicht sein Scharfsinn, auch nicht die Tiefe, aber er verließ seinen guten Geist, die Völkerpsychologie. Er verkündet in derselben diametral entgegengesetzte Gedanken, daß die Ethik unabhängig von aller Erfahrung sein müsse (§ 55 f.) ganz wie Kant und Herbart. Ja, auch in Bezug auf die Systematik ahmt er vollständig Herbart nach, so in der Aufstellung der fünf Ideen, in welchen wir die praktischen Ideen Herbarts erkennen. Erst im letzten Kapitel kommt die Völkerpsychologie eigentlich zu Worte. Steinthal hatte so viele grundlegende anthropologische Studien gemacht, alle Hilfsmittel standen ihm zu Gebote, ja er selbst forderte, wie wir gesehen, die völkerpsychologische Methode für die Ethik, doch ließ er diese