Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Seite 575 '•S'-üaSEJft. u.-a»v -» Dr.Blochs Geister. Es ist ein intellektueller Rückgang entschieden zu verzeichnen. Bezeichnend ist endlich, daß man sich auf diesem Kongresse gar nicht klar war, ob der hier vertretene Zionismus eine Partei oder eine Bewegung darftellt. Wer wäre darüber früher im Unklaren gewesen? Trotzdem man Herzl feierte und pries, trotzdem sein Bild den Saal zierte, trotzdem die Einberufung des Kongresses unter seinen Auspizien geschah, waren seine Tendenzen vergessen und sein Programm war bei Seite gestellt. Im Vordergründe des Saales stand das Bild Herzls, im Hintergründe aber erhob sich eine neue.Führergestalt, nach der man sehnsüchtig auslugte, die man schon in den Saal verlangte, und der man gleich dem toten Helden huldigte: Achad Haam. Zuihmgehtalso die Entwicklung des Zionismus. Aus dem Persönlichen ins Prinzipielle übersetzt heißt das, was sich vor unseren Augen begab und begeben wird: Kleinkolonisation Palästinas mit allen Mitteln und Aufrichtung eines jüdischen Zentrums in Zion. Dort muh im Sinne von Achad Haam — I. M. Ginsburg — der jüdische Geist, der Judaismus, voll und ganz verkörpert werden. Zur Lösung dieser grohen Aufgaben, praktische Kolonisation und geistige Erfassung, genüge es nicht, Personen zu haben, welche bereit wären, das Land zu kolonisieren. Diese Personen müssen von der Nationalidee durchdrungen und zu grohen Opfern für die grohe Idee bereit sein. Solange aber in der jüdischen Masse das nationale Gefühl fehle und man sich..mit dem religiösen oder mit nur allgemeinen menschlichen Gefühlen begnüge oder einfach auf Indifferentismus stohe, sei die Schaffung eines Zentrums in Zion unerreichbar. Man müsse nach „Belebung der Herzen" streben. Diese mühten von allen die nationale Entwicklung störenden Golusauswüchsen befreit werden und vor allem mühte die neue Generation für die neue gröhe Aufgabe erzogen werden. Achad Haam stellt aber auch praktische und politische Forderungen: Er agitierte für die grohe palästinische Kolonialgesellschaft mit dem Sitze in England, die alle zum Verkaufe stehenden Grundstücke in Palästina erwerben und unter ausgewählte, arbeitsliebende Menschen verteilen soll. Er will Kolonisation, aber nur mit. Erlaubnis der türkischen Regierung und fordert gute Beziehungen der türkischen Administration zu den Kolonisten. Man sieht, wie Achad Haams Ideen schon auf diesem Kongresse mächtig wurden. Die politischen Erwägungen des zehnten Kongresses gingen aus auf die Gewinnung der Gunst und des Wohlwollens der herrschenden Partei in der Türkei. Eine selbstverständliche Sache, besonders nach den grohen Angriffen, die der Zionismus im türkischen Parlament erfahren. Dah man aber so kleinlich, so mutlos, so verschreckt war, den Herzlichen Iudenstaat mit dem Basler Programm, Staat also mit Heimstätte zu korrigieren, will mir nicht gefallen und war ein Golusstückchen. Es glaubt ohnedies der politische Iungtürke nicht dem Worte, sondern den Taten und Offenheit schafft immer gute Freunde. Achad Haams Lehren sprach Ussischkin in der „Kulturdebätte" aus, als der „Misrachi" die Sabbatentweihung der jüdischen Arbeiter zur Sprache brachte. Da setzte auch er das religiöse Gefühl dem nationalen nach. ’ . Es sind blendende Sätze, die der geistige Zionismus predigt, aber seine Lehren sind Irrlehren, wie die .Taten der praktischen Zionisten Schädigungen des großen Gedankens des Zionismus. Auf der praktischen Basis kann wohl weiter gearbeitet werden. Man hat jetzt mehr wie früher. Man wird Kolonien gründen. Man wird Land kaufen, Oelbäume pflanzen, Häuser bauen, aber das Grohe, das Ganze, das Land wird man damit nicht gewinnen. Man WochMchtift wird jedoch Anhänger, Geldgeber, Freunde, Gesinnungsgenossen verlieren. Es fehlen die grohe Begeisterung, der Schwung, das Politische, d. h. das Staatenbildende, das. was die Staaten zur Mithilfe bei der Erwerbung zwingt. Die Majorität der Bevölkerung wird durch Kleinkolonisation nicht geschaffen. Das Langsame, Heimliche läßt die Türkei nicht zu. Das kann sie hindern. Das Grohe, das Allgemeine, das- Ideale, das Weltbewegende, die staatliche Aktion kann sie schwerer hintanhalten. Die Kleinkolonisation in Palästina ist gleich der Kolonisation in Argentinien, ist eine philanthropische Arbeit, aber keine Tat. Und was das nationale Gefühl als des ersten und wichtigsten Antriebes betrifft, so ist er nach meiner Meinung im Iudentume nicht vom religiösen zu trennen. Ich beuge mich tief vor Achad Haams jüdischem Wissen und Können. Ich fühle mich gegenüber seinem umfassenden Eindringen in die jüdische Literatur und Sprache sehr gering. Aber gerade meine diesbezügliche Unschuld dürfte hier die richtigere Erkenntnis bringen als Achad Haams übersättigter Literarismus. als sein überfeinerter Kritizismus. Bei ihm hat offenbar die Literatur das Ideal erschlagen. Das jüdische Ideal ist die Religion. Das Wesen des Judentums ist sein Gottesglaube. Wer an dessen Stelle das bloße Fühlen als geschichtliche Einheit — so versiehe ich Achad Haams nationales Gefühl — setzt, zerstört das Wesen der jüdischen Geschichte, die Aufrichtung des Eottesglaubens. Zur Erfassung politischer, sozialer und kultureller Erscheinungen und deren Bewertung gehört nicht bloß einseitige, wenn auch tiefe Kenntnis eines Gegenstandes. Man muh universellen Blick haben. Nur mit der Gottesfahne, mit der Thora, in der höchste soziale Erkenntnis verkündigt wird. welche die weiteste soziale Praris lehrt, in der alle Gebote der allgemeinen und notwendigen Tugenden verzeichnet sind, nur mit dieser Fahne errichtet man in Palästina ein jüdisches Zentrum, denn der jüdische Gottesglaube ist eine gewaltige Triebfeder. eine Weltbewegende Kraft. Die Geschichte hat es bewiesen. Dem Zionismus darf die Religion nicht Privatsache sein, denn die jüdische Religion macht das Wesen des Juden,aus. Weil Achad Haam das nicht gelten lassen will, weil er seine Lehre auf der falschen Annahme eines vom religiösen Gefühle getrennten nationalen Gefühles beim Juden aufbaut, weil er also den Haupttrieb zum Zionismus, der staatenbildend sein soll, nicht kennt, ist der „geistige" Zionismus ohne Basis. Achad Haam führt seine Anhänger auf ein schlechtes Geleise. Der Zionismus, der auf dem zehnten Zionistrnkongreh siegte, ist nicht die Zukunft des Judentums. Die „Ethik des Judentums."* *) Von Rabbiner Dr. Alois Schwelger, Eger (Erlau). IV. Wir haben nun den Inhalt der „Ethik des Judentums" von Lazarus dargestellt. Jetzt tritt an uns die Aufgabe, .vom allgemein wissenschaftlichen Standpunkte aus dieses vorzügliche Werk zu beurteilen, als auch den ihm gebührenden Rang im Systeme der Wissenschaft der Ethik kennen zu lernen?) *) Die „Ethik des Judentums". Von Prof. Dr. M. L a z a r u s. Zweiter Band. Aus dem handschriftlichen Nachlasse deS Verfassers, herausgegeben von I. Winter und August Wünsche. Frankfurt am Main. Verlag von I. Kaufmann, 1911. LV -j- 404 Seiten (Groß- Oktav). *) Wir müssen den geehrten Leser um Entschuldigung bitten, wenn wir in dieser Fortsetzung einige abstrakte Gedanken vortragen. Man wird den Leistungen jüdischer Gelehrter so selten gerecht, möge es wenigstens in einer jüdischen Zeitschrift geschehen. Mit Bettüben