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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-01 · 35 (1.9.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 574 Nr. 35 Dr. Blochs und hier konnten doch die Krämer niemanden anders äusbeuten als das jüdische Publikum. Man sieht also, daß die antisemitische Verteidigungsr^re für die Erzesse stecken bleibt. In England hat nichts anderes stattgefunden, als eine Wiederholung der Zeiten König Johanns, als mittelalterliche Ausbrüche von Roheit gegen ganz unschuldige Juden. Wenn das gerade jetzt geschah, so ift die Erklärung nicht in Zinsfteigerungen und erfundener Ausbeutung zu suchen, sondern sie liegt bedeutend näher. Einiges beigetragen hat gewiß der Umstand, daß die Bergarbeiter und der Mob von Liverpool, London und Manchester viele Elemente unter sich haben, die aus Europa zugereist und von hier aus mit antisemitischen Traditionen bepackt waren. Der Hauptgrund aber ist das Auftreten des derzeitigen englischen Schatzkanzlers, des schottischen Pfarrerssohnrs Henry Lloyd-George. Dieser führt den Kampf gegen das Haus der Lords. Nun erlaubte sich aber Lord Rothschild anderer Meinung zu sein, als der Schatzkanzler. Lloyd Seorge will für die Flottenausgaben Grundsteuern einführen> Rothschild Einfuhrzölle. Immer noch wurden solche politische Differenzen in England nobel und vornehm aüsgetragen. Lloyd-George fand es jedoch für richtig, gegen Rothschild die schwersten antisemitischen Angriffe zu richten, und ,ihm als Juden, also geduldeten Fremden jedes Recht zur Einmischung in englische Angelegenheiten zu verbieten. Diese Rede hat eine große Zeitungshetze hervorgerufen und viel mehr gewirkt, als die Agitation für die Alien Bill, das milde gehandhabte Einwanderungsgesetz. Die Kampagne Lloyd-Georges ist es, die jetzt, in der Zeit der großen Erregung, als giftige Saat aufgegangen ist. Die englische Regierung, die nicht nur die Weltmacht Englands, sondern auch der Zivilisation bewacht, wird gewjiß mit energischen Erklärungen und Maßnahmen die weitere Verbreitung einer Bewegung..Zu verhindern wissen, die eine für die engliche Kultur sehr schmerzliche Erscheinung vervorrief, hoffentlich aber nur eine vorübergehende Episode. Der sehnte Zwnrstenkongreß. Basel, 9. bis 15. Aagrrst 1911. Von Direktor Dr. S. Kronberger. Es wurde von allen Teilnehmern betont und ausgerufen, daß es ein Friedenskongreß ist. Es gab in der Tat im Gegensatz zum neunten Kongreß in Hamburg (1909) keine Stürme, verhältnismäßig wenig Debatten, zumeist ruhige und fast stets einhellige Abstimmungen. Das Resultat dieses Kongresses war eine Folge der Hamburger Kämpfe und einer sodann in Berlin getroffenen Vereinbarung. Als princeps moriturus, als Führer, der verschwinden sollte, begrüßte David Wolfsohn, der bisherige Präsident des engeren Aktionskomitees, der erste Nachfolger Herzls, den Kongreß. Der zweite Leiter der Partei, mit Wolfsohn geistes- und gesinnungsverwandt, auch zum Abtreten bestimmt, Bankier Jacobus Kann, war gar nicht zum Kongreß erschienen. Um so mehr galten heuer jetzt schon ihre Erben und vorausbestimmten Nachfolger. Professor Dr. Otto Marburg, das nominelle Haupt der neuen Leitung brauchte nicht viel Anstrengung, um sich gegen seines langjährigen früheren Kollegen Kann Angriffe zu wahren. Kann ist zwar ein bedeutender Bankier, ein Edelmensch und begeisterter Jude, kennt Palästina und die Welt,' aber er hat ausgespielt. Dr. Hantke» der zweite westjüdische Führer, entwickelte schon bei der ersten Debatte des Kongresses ein Programm der Zukunft, Sieger aber waren und den ganzen zehnten Kongreß WochMschnft beherrschten Na hum Sokolow und Ingenieur M. Ussischkin. Der hebräische Kongreßtag in der Mitte der Tagung, an dem dieser präsidierte, jener referierte, ist gleichsam das Symbol des Sieges. Ussischkin hatte noch zu Herzls Zeiten dahin getrieben und so lange nicht gerastet, bis eben jetzt der Zionismus Herzls am Boden liegt und der Sieg der „Chowewe Zion", und des .»geistigen" Zionismus vollendet ist. Auch Watbürg und Hantle werden bald abgehen müssen. Die volle Etablierung des Odessaer Chowewe- und Achaad-Haamschen Zionismus ist nur eine Frage weniger Jahre. Vorläufig wird Berlin Sitz des neuen Zionismus sein. Es soll der Riß zwischen früher und einst, zwischen Herzls und Ussischkins Geist, zwischen dem politischen und dem praktischen Zionismus nicht gleich so deutlich werden^ Man läßt die zwei Westjuden in der Leitung, weil man sie beherrschen und ob ihres Fleißes verwenden kann, und weil man sie zur Erhaltung der Meinung, der Zionismus sei noch eine Weltbewegung, was Geld und Ansehen bringt, braucht. Man übersiedelt noch nicht ganz nach Rußland, weil man dort aus politischen, russisch-politischen Gründen das Regime nicht aufrichten kann. Was ich vor sechs Jahren öffentlich ausgesprochen, was der Tod Herzls und die ihm vorausgegangenen Ereignisse, die Angriffe Ussischkms und Genossen alle Einsichtigen lehrte, das hat der zehnte Zionistenkongreß gebracht: der politische Zionismus ist tot. Die Chowewe- Zionisten von Odessa, die dortige „Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer in Palästina und Syrien" ist Herrin aller durch diesen erworbenen und geschaffenen Machtmittel geworden, der jüdischen Kolonialbank in London und ihrer Filialen in Jaffa und. Konstantinopel, des Nationalfonds, der Oelbaumspende/ der Siedlungsgenossenschaft, der Palästina Land Development Company, des Vezalel, des Gymnasiums, der Presse und anderer Einrichtungen. Die kleinlichen, engherzigen, eigensinnigen und kurzsichtigen Kleinkolonisatoren, welche wenig kulturelle und sehr wenig politische Schulung haben, besitzen nun große Mittel, die sie nicht aufgebracht. Bezeichnend für die Richtigkeit dieser unserer Darstellung ist der Dank, den Herr Ussischkin gleichsam höhnend an David Wolfsohn aussprach. Er dankte ihm nicht für die vielen und große Verdienste seit Herzls Tod, für die aufreibende Arbeit. Er dankte nicht dem Manne, der sich das Herz im Zionismus kränk gemacht hatte, der durch die Arbeit gewachsen war, nein, er dankte ihm. daß er in der zionistischen Partei einen neuen Titel geschaffen, den eines gewesenen Präsidenten! Er dankte Wolfsohn für sein Abtreten. Der Geist, der aus solchem Handeln spricht, kann sicher leine ideale Strömung bewerten. Bezeichnend ist ferner für die Wandlung der Verhältnisse, daß Sokolow und Ussischkin den Kongreß beherrschten. Ihr hebräischer Kongreßtag leerte den Kongreßsaal. Die Ostjuden behaupteten durch Kenntnis der Sprache den Saal und die Tagung. Ob aber die Sprache auch den Sieg der Idee bei den Wissen und Macht besitzenden Westjuden bedeutet öder bezwecken wird, ist fraglich. Man geht vorwärts und nicht rückwärts: man hat auch durch Setzung altdeutscher Monatsnamen statt der gebräuchlichen die Zahl der Nationaldeutschen nicht vermehrt. Bezeichnend ist demnach auch» daß kern Engländer sprach. Die früher so maßgebenden Männer .wie Cowen und Greenberg schwiegen. Außer Nordau, dessen Eröffnungsrede zu den festlichen Gewohnheiten des Kongresses gehört. — wir furchten, es wird die letzte fein, nicht durch Nordau — waren die Intellektuellen des Westens, früher eine Zierde der Kongresse, ferngeblieben oder verstummt. Was vom Westen in die Debatte eingriff, waren „kleine"

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