Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr 35 QPo BIOCll’S XXVI» Zentraloroan für die gesamten Ilnteressen des Judentums -□ : - Wien, 1. September 1911 Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wie», IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. ö(j - - — ===0 Q p Verugsprris für Srfierrrirh: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplars 50 Heller. FLr's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Dis 4mal gespal» 3 rene Pettrzeile 24 Heller. G O0 0(3= O =öo A. ft. Pofisparftayrnsrnl Slesrtng-Verkebr Mr. 810.076. Rsdattion und Administration: *■ Wien IX/i, Hahugaffe Nr. 15. I, Telefon Nr. 14.847. <J no - —Oo Inhalt: Leitartikel: Englische Pogroms. — Der zehnte Zionistenkongreß. — Die „Ethik des Judentums". — Jahrmarkt: Professor Stracks Gutachten im jüngsten Berliner Talmudprozeß. Der jüdische Begründer der reichsdeutschen konservativen Parte». Juden im Sport. Die jüdischen Altertümer der Schweiz. Der Präsident der Wiener Kultusgemeinde. — Korrespondenzen: Ter achtzigste Geburtstag des Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern. Eine Rundfrage über die Freizügigkeit der Juden. Die geplante Kreditbeschränkung der Juden — derzeit unmöglich. „Christliche Behandlung? Wiener jüdischer HandwerkSburfchen in Deutschland. Der Pogrom in England. Jüdische militärische Knabenhorte in Rußland. Demonstrationen in einem Theater. Ein jüdischer Kaufmann von einer Brigantenbande entführt. Juden in den Petersburger Hochschulen. Politischer Antisemitismus in der Türkei. Mittelalterliche Verfügungen gegen jüdische Advokaten. Nordaus Kongretzrede in Rußland konfisziert. Vertreibung der bucharischen und afghanischen Juden. Der Sabbat der jüdischen Soldaten. Das Jubiläum einer gelehrten Jüdin. — Vermischtes — Feuilleton Zur Geschichte der Sephardim in Bosnien. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Englische Pogroms. Als Anhang zu dem Riesenstreik der englischen Eisenbahner, zu den schweren Ausschreitungen der Ausständigen und des Pöbels hat es m den Minendistrikten von Südwales, aber auch in London und Manchester große Verfolgungen der Juden gegeben. Speziell im Distrikt von Monmouthshire mit dem Hcruptort Tredegar wurden regelrechte Plünderungszügr gegen die Juden unternommen, Welche zu Hunderten Hab und Gut im Stiche ließen, um. nach London zu flüchten. In London selbst aber wurde im Iudenviertel der größte Teil aller Läden geplündert und hier wie an allen anderen Orten der Exzesse mußte das Militär wiederholt Bajonettangriffe machen. Das sind Nachrichten, welche die größte Bestürzung Hervorrufen. Denn diesmal handelt es sich nicht nur um die sonst beklagte Tatsache, daß wiederum die Rechtlosigkeit der Juden das Mittelalter wieder hat aufleben lassen und unschuldige Menschen um die Früchte jahrelanger Arbeit gebracht, an Körper und Seele schwer geschädigt hat. Der Schauplatz ist es vor allem bei den beklagenswerten Ereignissen, welcher das Beklagenswerteste ist. Daß die Exzesse sich in England ereignen konnten, ist der größte und aufrichtigste Schmerz aller Juden. Denn das Königreich Großbritannien hatte einen stolzen historischen Ruhm, der seine Ehre vor der Weltgeschichte vergröberte und erglänzen machte. Es war bis jetzt das Asyl der Welt. Wer auf den Molo des Themsehafens getreten war, der war teilhaftig der Magna Charta welche jedem Einwohner von England Leben und Eigentum aber auch das freie politische und religiöse Bekenntnis gestattet. Nach England richteten sich denn auch immer sehnsüchtig die Blicke Hunderttausender von Juden, welche in den östlichen Ländern Europas lebten oder vielmehr schmachteten, welche nichts verbrochen hatten und doch wegen ihrer Religion sich die Behandlung und Verachtung für gepeinigte Sklaven haben gefallen lassen müssen. Diese Armen find nun um ihre schönste Zufluchtsstätte ärmer. Dann aber noch ein anderes, ein größeres Moment. England ist immer in der Welt der begeisterte Anwalt des Rechtes und der Menschlichkeit gewesen. Wenn es in den Ländern des staatlichen Antisemitismus, wenn es in Rußland und Rumänien, in Persien und Marokko für die Juden nicht mehr auszuhalten war, dann war es neben den Vereinigten Staaten von Nordamerika vornehmlich England, welches durch einen diplomatischen Vertreter an die grausame Regierung einen Ratschlag ergehen ließ, der fast immer wie ein Machtwort wirkte und das Unerträgliche wieder erträglich machte. Dieser große moralische Einfluß ist nun wahrscheinlich verloren. Denn die britischen Gesandten werden schwerlich im Auslande wirksamen Fürspruch erheben können für die Juden, welche doch in England selbst Exzessen ausgesetzt waren, wie sie viel schlimmer nicht gedacht werden können und mit den großen historischen Pogroms in Rußland verglichen werden müssen. Man fragt sich nun. wie derlei Raubzüge und Brutalitäten der Masse haben entstehen können, gerade in einem Lande, in welchem die Achtung der Bürger vor dem Gesetze so groß ist, daß selbst der fast besinnungslose Trunkenbold jeder Aufforderung eines Polizisten ohne Widerspruch folgt und die Richter die moralisch höchste Behörde sind. Gleich die ersten offiziellen Nachrichten waren mit einer Erklärung bei der Hand: Die walisischen Juden wären meist die Hausbesitzer in den Minendistrikten und ihre fortwährenden Zinssteigerungen hätten die Erbitterung Ihervorgerufen. Eine recht fadenscheinige Erklärung, selbst wenn man den ganz außerordentlichen Fall annehmen will, daß gerade Juden in einem Minendistrikt mit seiner immer zu Streik und Unruhe geneigten Bevölkerung ihre angeblich so hohen Kapitalien' angelegt haben sollten. Es ist doch gewiß, daß die jüdischen Hausbesitzer keine höheren Zinse verlangt haben als die christlichen. Aber man hat nichts davon gehört, daß sich die Ausschreitungen auch gegen Engländer gerichtet hätten. Nun wird die antisemitische Logik gewiß auch noch die Erklärung auftischen. daß sich die Juden als Krämer und Zwischenhändler der Ausbeutung des Volkes schuldig gemacht hätten. Wieder eine Spiegelfechterfinte. Denn in den Städten haben die Plünderungen in den Iudenvierteln stattgefunden