Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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- Cicero 1× ep/1024888
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Seite 564 Dr. VWHs WochMchrift Nr. 34 hält Dr. R. K atzenelsohn ein Referat Über die jüdische EmigrationSfrage. Er führt unter Anderem folgendes aus: Die Auswanderung her Juden aus Rußland übertrifft die Auswanderung nller anderen Völker. Wenn die jüdische Auswanderung aus Ryßland sich weiter in demselben Maße entwickeln wird, so wird die Zahl der jüdischen Auswanderer größer sein, als dieZahl der aus Spanien vertriebenen Juden. Für uns kann es nur e'ine Emigraüonsfrage geben, nur eine Emigrationsfrage: nach Palästina! Die Auswanderung der Juden aus Rußland geschieht nicht lediglich aus ökonomischen Gründen, vielmehr hat sie ihre Ursache in den politischen Verfolgungen...Der Prozentsatz der auswandernden Kinder hat in der jüdischen Emigration die höchste Zahl erreicht. Auch zeichnet sich die jüdische Emigration dadurch aus, daß sie zu einem großen Teile aus intelligenten, gelernten Arbeitern besteht. Der Referent appelliert an die jüdischen Organisationen, sie möchten die jüdische Auswanderungsfrage mit größerer Tiefe behandeln und für die Regelung der jüdischen Emigration mehr Sorge tragen, als bisher der Fall. war. Er stellt den Antrag: Der zehnte Zionistenkongreß stellt fest, daß die bisherigen Versuche zur Regulierung der Emigration ungenügend sind und daß es Aufgabe dex Zionisten ist, sich mit der jüdischen Auswanderung zu befassen, insbesondere mit der Einwandexpng in Palästina. Der Antrag wird angenommen. L. Motzk in hält ebenfalls ein Referat über die Emigrationsfräge und führt unter Anderem folgendes aus: Die bisherige Methode der jüdischen Auswanderung führte nur zur Zersplitterung unserer Kräfte. Diese Methode hat dem jüdischen Volke große ^Schäden gebracht, selbst wenn sie Einzelnen oder Gruppen zugute kam. Die Auswandererfrage ist nur ein Ausdruck der allgemeinen Judenfrage» Ferner kritisiert der Referent das Verhalten vieler großer, jüdischen Korporationen zu der jüdischen Auswanderungsfrage, die nicht in ihrer ganzen Größe und Tiefe aufgeworfen wird. Er bemängelt das Fehlen eines Prinzips bei der Auswanderungstäiigkeit dieser Korporationen und bemerkt, daß dort, wo sie ein solches Prinzip aufgestellt haben, dieses ein entnationalisirendes war. Deshalb sollten die Zionisten sich umso mehr gegenüber dem Plane einer Gesamtorganisierung der Arbeit in Form eines Emigrationskongreffes nicht gleichgültig verhalten. Motzkin stellt den Antrag: Der Zionismus erblickt in der jüdischen Auswanderung nicht nur ein Resultat allgemeiner wirtschaftlicher Verhältnisse, sondern in erster Reihe eine Folgeerscheinung der historischen Judennot. Wenn auch die endgültige Lösung der Emigrationsfrage mit der Lösung der Judenfrage, das heißt, mit der territorialen Konzentrierung in Palästina verknüpft ist, fo erblickt gleichwohl der Zionismus in^der Regelung der Emigration eine temporäre Lebensfrage der bedrängten, jüdischen Maffen und steht in jedem Bestreben, das auf die Zerstreuung dieser Massen ausgeht, eine antinationale Tendenz. Der Zionismus schließt sich daher allen Bestrebungen nach Gesamtorganisierung der Auswanderungshilfe an, begrüßt mit Freude die Idee eines Emigrationskongresses, auf dem die zionistische Organisation vertreten sein soll. Die Parolen des Zionismus sollen dabei folgende sein: a) Allgemein-jüdische Organisation und Regelung der Auswanderung; d) Konzentration, nicht Zerstreuung; ' e) Erforschung aller Arbeitsmöglichkeiten im Orient." Davis Tri et sch meint, die Emigration nach Nordamerika ebenso wie die nach Argentinien habe uns zur Genüge gezeigt, daß die Juden noch immer mehr der städtischen Anstedlung, als der ländlichen zugetan sind. Die Auswanderung nach Palästina ist für uns mit bedeutend weniger Kosten verbunden, als die nach Nordamerika. Während die Auswanderungskosten nach Nordamerika pro Familie ca. 1000 Mk. betragen, reichen für die Auswanderung einer Familie nach Palästina ca. 200 Mk. aus. Die Türkei ist auf die Einwanderung aus Europa, insbesondere von Juden angewiesen. Wir müssen alle Mittel ergreifen, um die jüdische Einwanderung nach dem Orient zu fördern. Zu diesem Zwecke stellt Tr i et sch folgenden Antrag: „Der Kongreß beschließt die Schaffung eines zionistischen Emigrationskomitees mit dem Sitze in Berlin, und mit folgenden Zwecken: a) Sammlung informativer Materialien über alle Möglichkeiten jüdischer Einwanderung nach Palästina und anderen (vorzugsweise den nächstgelegeuen) Gebieten des Osmanischen Reiches, d) Verbreitung dieser Informationen, Realisierung (resp. Beihilfe zur Realisierung) der gefundenen Möglichkeiten." Die Anträge Motzkin und Trietsch werden einer 8 gliedrigen Kommission zur Prüfung überwiesen. Schluß der Vormittagssitzung gegen 17s Uhr. /ji: Vierter Tag. 8. Sitzung, de« 13. August, Nachmittags. Vizepräsident Ussischkin eröffnet die Sitzung gegen 4 Uhr in hebräischer Sprache. Diese Sitzung wird im Ganzen der Frage der geistig-kulturellen Renaissance gewidmet und vom Präsidenten ausschließlich in hebräischer Sprache geleitet. Es wird mitgeteilt, daß das Mitglied des engeren Aktionskomitees Jacobus K ann-Haag den Verstorbenen Maler Josef I z r a e l s in das Goldene Buch des Nationalfonds eintragen läßt. Der bekannte hebräische Schriftsteller, Nahum S o k o l o nimmt das Wort zu einem hebräischen Referat über die hebräische Sprache. Er führt u. A. folgendes aus: Es gab eine Zeit, in der die hebräische Sprache die lebendige Sprache unserer Nation war. Und wie lebte diese Sprache! Sie zeigte, daß sie alles vermöge, eine unversiegbare Quelle von Kraft und Lust für jedes Gebiet geeignet, für jedes Zeitalter paffend, drm Heiligen dienend und das Alltägliche umfassend, klar deutend und farbenreich, zart und blühend in junger Liebe in Schir-Haschirim, herzerschütternd und wehklagend mit Jermijahu, die urewigen Wege der Vorsehung erforschend mit Jjob, in unvergleichlicher, keuscher, naturreiner Bescheidenheit erzählend mit Ruth. Andere Zeiten kamen, schlaff hingen die Harfen an den Trauerweiden an den Bächen Babylons. Die Lewiim wollten das Lied Gottes auf fremden Boden nicht mehr anstimmen — sie stimmten es aber doch an! Die Sprache trieb die herrlichsten Blüten weiter. Und wie erblühte diese Sprache wieder im goldenen Zeitalter der Juden Spaniens! Nie hatte in der Weltgeschichte eine solche Renaissance einer Sprache stattgefunden. Sind in tausend Jahren nach Homer. Ovidius und Cicero neue Homer, Ovidius und Cicero erstanden? Aber mehr als tausend Jahre nach Jeschajahu, Jirmijahu und Jechezkul sind neue gottbegnadete Seher erstanden, die Halewi, die Gabirol, die Jbn-Esra, weil der Genius unserer Sprache nicht gestorben ist. Kein Volk in der Welt hat es so tief verstanden wie das unirige, welche Bedeutung die Sprache für die Erhaltung und die Entwicklung der Nationalität hat. Die Sprache ist eine Hochburg des Volkstums^ So oft unser Volk seine Sprache auf- Mgebep, hat, ist ihm der wahre Quell seines Seins abgeschnitten worden. Die Restauration ' des Volkes unter Esra und Nechemia begann mit der Wiederbelebung der hebräischen Sprache; die Rettungstat R. Jochanan Ben Sakkais für die Erhaltung des Volkstums nach dem Verlust! der politischen Selbständigkeit war bekanntlich die Gründung einer Schule für jüdisches Wissen. Ohne Hebräisch sind wir gar nichts. Und ist es nun schicklich, daß wir dieses unschätzbare und edelste Gut des jüdischen Volkes vernachläffigen? Aber der Worte seien genug gewechselt worden; wir wollen Taten sehen: Referent stellt demgemäß folgende Anträge. 1. Der X. Zionistenkongreß erkennt die Notwendigkeit an, einen hebräischen Schulverein zu gründen, der die WiedeMlebung der hebräischen Sprache als der gemeinsamen Nationalsprache des jüdischen Volkes bezweckt. 2. Der Kongreß möge die Initiative ergreifen zur Gründung eines Allgemeinen hebräischen Sprachvereins und einer Spracha k a d e m i e. 3. Der Kongreß beschließe die Schaffung eines hebräischen Ressorts am Zentralbureau. Der Vortrag wird mit stürmischem langanhaltendem Beifall angenommen. Dr. Nacht (hebräisch) betont die Notwendigkeit, neben der Förderung der hebräischen Sprache, als der Form unseres nationalen Seins, den historisch nationalen Inhalt des Judentums, der! woruehmlich in der/jüdischen Religion zu finden ist, nicht zu vernachlässigen. Er rügt daher manche antireligiösen Ausfälle seitens einiger hebräischer Schriftsteller. Dr. D a i ch e s gibt der Freude darüber Ausdruck, daß man schließlich dazu gelaugt ist, den Kongreß im Zeichen der hebräischen Sprache und Kultur abzühalten. Er beantragt: Der Kongreß möge beschließen, daß die zionistischen Vereine die Gründung von hebräischsprechenden Gruppen anstreben und die Jugend dazu heranbilden sollen, das Hebräische als Umgangssprache zu benutzen. Mit Genugtuung hebt er hervor, daß Sokolow die Bibel als das Fundament der hebräischen Kultur bezeichnet hat. Darauf werden vier Generalredner gewählt. Berlin spricht im Namen des Misrachi seine Freude darüber aus, daß der Kongreß endlich die Bedeutung des Hebräischen anerkennt. Er teilt mit, daß es gelungen ist, das Grundkapital für die Tachkemonischule in Jaffa auf 125.000 Mk. zu erhöhen. Er beantragt: „Der Kongreß möge es allen Zionisten zur Pflicht machen, für die hebräische Sprache und Literatur, zu wirken. Diese Arbeit könne aber nur von den Föderationen gemäß Ihrer Anschauungen geleistet werden". S y r k i n hebt die Notwendigkeit hervor, im engeren Aktionskomitee ein Kulturressort zu bilden. Zlatopolsky spricht ebenfalls über die dringende Notwendigkeit, die hebräische Sprache und Kultur innerhalb der zionistischen Organisation mit allen zu Gebote stehenden und noch zu schaffenden Mitteln nach verschiedenen Richtungen "-hm zu fördern. Chasanowitsch (jüdisch-deutsch) spricht sich gegen die' von Sükolow vorgeschlagenen Resolutionen aus, da dieselben nicht den Anschauungen aller Parteien der zionistischen Organisation entsprechen: Im Namen der Poale-Zionisten erklärte er, daß sie wohl die hebräische Sprache als die nationale Sprache der jüdischen Vergangenheit und Zukunft anerkennen und zu fördern bestrebt sind, messen jedoch der jüdischen Umgangssprache (dem jüdisch-deutschen) die Bedeutung eines volkstümlichen Bindemittels für die großen jüdischen Massen der Gegenwart bei. Daher könne nicht das Prinzip der Ausschließlichkeit des Hebräischen als der einzigen nationalen Sprache vom Kongreß ausgesprochen werden. Er beantragt, die Kulturarbeit soll als eine autonome Angelegenheit der zionistischen Vereine anerkannt werden. Von deutscher Seite wird der Antrag' gestellt, diese Rede im Wesentlichen hebräisch zu übersetzen, da sie einem großen Teile des Kongreffes sonst unver-, stündlich bliebe. Feldstein. Es wird mitgeteilt, daß Herr Feldstein die 8. Sitzung des X. Zionistenkongreffes, die die erste hebräisch geleitete Sitzung darstellt, ins Goldene Buch des Nationalfonds eintragen läßt. Gegen 9 Uhr wird die Sitzung geschlossen.