Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 562 Nr. 34 Dr. Blochs WochMchrift Wohltätigkeitsverein unter dem Präsidium der leider allzufrüh verschiedenen, unvergeßlichen Frau kais. Rat Dr. S. Krüger begrüudet wurde; die Zahl der im Jahre 1909 dort unentgeltlich verpflegten Mädchen betrug 61, der Kostenaufwand K 25.000; seither wurde dem Horte ein Arbeiterinnenheim angegliedert. Weiters muß hier der unter der unermüdlichen Fürsorge der Frau Sofie G r ü n f e l d stehende Verein für israelitische Ferienkolonien „Ferienheim" genannt werden, der 278 Knaben,;250 Mädchen mit einem Kostenaufwande von K 13.736 96^ in Ferienkolonien sandte. Schließlich finden wir noch das israelitische Lehrlingshaus, IX., Grüne Thorgasse 26, eine Schöpfung des bereits erwähnten Vereines zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten: Zahl der unentgeltlich Verpflegten; Auslagen K 3886*31; außerdem wurden bloß beherbergt: 29 Lehrlinge. Hiezu sei bemerkt, daß noch zahlreiche andere jüdische Vereine außerordentlich humanitär wirken, doch. finden sich eben im statistischen Jahrbuche der Stadt Wien über ihre Tätigkeit keine Details. Ein wenn auch höchst bescheidenes Symptom für die allmälige gerechtere Beurteilung wenigstens gegenüber alten, erwerbsunfähigen Juden und Jüdinnen mag vielleicht darin gelegen sein, daß die Zahl der jüdischen Pfleglinge in den städtischen Versorgungshäusern zugenommen: es waren 1905 unter 3019 männlichen Pfleglingen 18 Juden n tt 1906 „ 3056 „ tt 11 tt n tt 1907 „ 3115 tt 21 tt n tt 1908 „ 3187 tt 27 tt n ft 1909 „ 3037 „ tt 26 tt weiters waren 1905 unter 3130 weibl. Pfleglingen 26 Jüd. „ 1906 - 3267 „ tt 23 n „ 1907 * 3371 „ tt 28 „ „ „ 1908 „ 3194 , tt 19 „ „ .. 1909 * 3338 „ 31 „ Gerade angesichts dieser Ziffern wird' man ermessen können, welchen Segen die israelitische Kultusgemeinde durch die Errichtung und Erhaltung ihrer Versorgungsanstalt verbreitet und wie vielen Unglücklichen und Bedauerswerteu sie einen ruhigen und glücklicheren Lebensabend bereitet; die Zahl der von ihr unentgeltlich beherbergten und verpflegten Personen betrug 385 (166 männliche und 219 weibliche) und verursachte einen Kostenaufwand von K 191.213 65. * * * Damit sind die dem statistischen Jahrbuche der Stadt Wien für das Jahr 1909 zu entnehmenden Ziffern zu Ende. Wie eingangs erwähnt, geben sie oft gerade in solchen Punkten keine Aufklärung, wo eine solche dringend wünschenswert wäre; wer ihnen aber aufmerksam folgt, auf ihre Ursachen und Folgen näher eingeht, wird manchen wichtigen Fingerzeig finden. Vom Jahrmarkt des Lebens. Jostif Israels und -er marokkanische Jude. Josef Israels war nicht nur dem Namen nach Jude. Die Raffe lag ihm im Blute. Er hat sie in seiner Kunst nicht oft absichtlich!, das heißt durch Wahl der Vorwürfe hervorgekchrt, aber sie sprach sich aus in dem Zuge nach trüben, melancholischen Stoffen, und er selbst betonte sein Judentum mit der Ruhe und Ueberlegenheit eines Mannes, der genau weiß, daß sein Genie schwerer als jedes Vorurteil wiege. Vor zehn Jahren etwa schrieb Israels über eine Reise, die er auf spanischem Gebiet unternommen, ein Buch voll frappierender Beobachtung. In Marokko geriet er in ein finsteres Häuschen, in dem er nicht weiter zu schreiten wagte. „Als ich unentschlossen stand, hörte ich einen Aufruf in hebräischer Sprache. Da ging ich weiter und gab mich — gleichfalls hebräisch — als holländischen Juden zu erkennen. Ich war eingetreten in einen dunklen Raum, erleuchtet durch ein kleines, längliches, horizontal liegendes Fensterchen, iwill heißen ein viereckiges Loch, das nachts oder W Unwetter verschlossen werden konnte. Grell schien das Licht durch das Viereck und zeichnete sich auf hem Steinflur ab. In der Nähe dieser Oeffnung stand ein langer Tisch mit schiefen Beinen und darüber lag ein Weißes Pergament, das beinahe ganz den Tisch bedeckte und mit einer Rolle nach unten hing. Da saß hinter .dem Tisch der jüdische Gesetzrollenschreiber, beide Arme auf das Pergament gestützt und wandte sein fürstliches Haupt mir zu. Es war ein prächtiges Gesicht, fein und durchsich? tig, bleich wie Alabaster, Fallen, lleine und große, liefen um die Augen und die große gekrümmte Nase. Ein schwarzes Käppchen bedeckte den weißen Schädel und ein langer weibgelber Bart lag in großen Strähnen über das beschriebene Pergament. Er saß in einer Art Lehnstuhl ohne Rückenlehne; und zwei. Krücken lagen neben ihm auf der Erde. Auf diesen humpelte er mit mir nach dem offenen flachen Dache. Hier lagen Matten, worauf er sich niederließ und mich ersuchte, mich neben ihn zu setzen. So sitzend, das fremde Land vor mir, neben mir den langbärtigen Alten, auf den Matten des flachen Daches von Marokko überkam mich das Gefühl, als ob ich in diesem Augenblicke in einer Welt lebte, von der ich eibmal geträumt hatte." Das schreibt Josef Israels. Und man ha tein Bild vor Augen, als ob ein großer Künstler es gemalt hätte. Mit der Inbrunst eines unausschöpflichen Herzens. Gräfinnen Potocki auf dem jüdischen Friedhof. Im Wilnaer jüdischen Friedhofe spielte sich dieser Tage eine kleine Sensation üb. In einer herrschaftlichen Kutsche fuhren zwei Damen der gräflich Potockischen Familie vor dem Haupttore des alten großen jüdischen Friedhofes in Wilna vor und baten den Friedhofwächter, ihnen das Grab des daselbst ruhenden Mitgliedes der Familie Potocki, der, wie bekannt, seinerzeit zum Judentum übergetreten war, zu zeigen. Der Wächter führte die Damen auf das gewünschte Grab. Die Damen verlangten allein zu bleiben. Sie blieben nahezu anderthalb Stunden an dem Grabhügel ihres jüdischen Verwandten wortlos und in Gedanken versunken stehen. Als sie nachher den Friedhof verließen, überreichten sie dem Friedhofwächter eine größere Summe, mit dem Aufträge, das Grab in Stand zu halten und von Zeit zu Zeit mit frischen Blumen zu schmücken. - Ein Bcksuch bei den Samarianern. Vor einiger Zeit unternahmen 25 Schüler des hebräischen Gymnasiums in Jerusalem einen Ausflug nach Sichem, um diese uralte Stadt zu besichtigen und insbesondere die Sekte der Samarianer, die einen Teil der Stadt bewohnen, kennen zu lernen. Wie die hebräische Zeitschrift ,.Havr" erzählt, wurden die jüdischen. Gymnasiasten mit ihrem Lehrer von den Samarianern aufs Freundlichste aufgenommen. Diejenigen, die der hebräischen Sprache noch mächtig sind, begrüßten die Gäste in dieser Sprache, während die anderen den kurzen Willkommengruß: „Israel", sprachen, indem sie dabei die rechte Hand ans Herz legten! Die Samarianer sind eine Gruppe von Juden, die sich zur Zeit des zweiten Tempels separiert und eine eigene Sekte gebildet hatten, Sie errichteten am Berge Gerizim ein Heiligtum, indem sie anNahmen,' daß der