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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-08-18 · 33 (18.8.1911) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 545 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 33 im Jnterrffe des ottomanischen Reiches selbst. Denn nur als freies, allen anderen ottomanischen Völkern gleichgestelltes Volk werden wir in der Lage sein, das zu leisten, was ein Volk, wie das unsrige zu leisten vermag, zum Nutzen deS gesamten ottomanischen Reiches ebenso sehr, wie zu unserem eigenen Wohl. Denn es ist unser Traum und sehnlicher Wunsch, in einem blühenden und mächtigen ottomanischen Reiche ein blühendes und glückliches jüdisches Volk zu sein. Das und nichts anderes ist unser Ziel. Dieses Ziel ist groß und erhaben, denn eS birgt in sich die Helle Zukunft unseres Volkes. Wir müssen uns stets "bewußt bleiben, daß unser Ziel nicht rasch, nicht ohne schwere Arbeit zu erreichen ist, daß wir alle unsere besten Kräfte einsetzen und uns mit Geduld und Ausdauer, vor allem aber mit Mut ausrüsten müssen. Unsere gefährlichsten Feinde, die wir mit der größten Energie bekämpfen müssen, sind der Kleinmut und die Schwachgläubigkcit. Diese Feinde könnten uns dazu verleiten, bei der ersten Schwierigkeit die Flinte ins Korn za werfen, unser Baseler Programm einzuschrävken und den jeweiligen Zeitumständen anzupaffen. Eine solche Politik würde dazu führen, daß wir und alle anderen den Glauben an uns selbst verlören, und daß niemand uns noch ernst nehmen würdet Unsere Parole muß sein: Standhaft, fest und treu! Standhaft zu unserem Programm, fest das hohe Ziel im Auge und treu unserer Sache und uns selbst! Die Verabschiedung des Organisationsstatuts, die Sanierung der Finanzen durch Schaffung neuer Einnahmequellen; sodann die Emigrationsfrage, die zum ersten Male den Zionistenkongreß beschäftigt; die nationale Sprache und die Frauenarbeit im Zionismus. An erster Stelle aber die Einwirkung einer neuen Leitung. Er, Wolffsohn, trete von der Leitung zurück im Interesse der Bewegung und aus Rücksicht auf seine Gesundheit. Der Präsident führte sodann in einem kurzen Ueberblick über die Entwicklung der zionistischen Bewegung aus, was in der auf die Periode Herzl folgenden zweiten Periode, die er als die Kölner Periode bezeichnet, für die Festigung und den Ausbau des Zionismus, der in der Periode Herzl begründeten Institutionen geschehen ist, die die Grundsäule und der feste Kitt der Bewegung geworden sind. Die Aufzählung dieser praktischen Leistungen ruft lebhaften Beifall hervor. Nunmehr beginne der dritte Zeitabschnitt der zionistischen Geschichte unter erfreulicheren weit günstigeren Bedingungen als die Kölner Periode. Mit einem Aufruf zur Einigkeit schloß Präsident Wolffsohn leine Eröffnungsrede, die minutenlang stürmischen Beifall entfesselte. Unter den vom Präsidenten nunmehr mitgeteilten Begrüßungsschreiben wird das des Regierungsrats des Kantons Basel-Stadt mit besonderem Beifall ausgenommen. Die Regierung versichert in ihrem Willkommensgruß die herzliche Teilnahme der Bevölkerung Basels an dem Ringen um die großen Ziele, die den Kongreß bewegen. Die Versammlung erhob sich zum Zeichen des Dankes für den liebenswürdigen Empfang. Es schloß sich hieran die Verlesung eines Begrüßungsschreibens der Juden von Basel. Präsident Wolffsohn: Geehrter Kongreß! Im Namen des Aktionskomitees stelle ich den Antrag, der türkischen Regierung zu dem großen Unglück, das Konstantinvpel durch den Brand betroffen hat, unser Beileid auszusprechen und im Namen des Kongresses den Betrag von 5000 Francs für die armen Unglücklichen beizusteuern. (Stürmischer allseitiger Beifall.) Ich habe von Ihrem enthusiastischen Beifall, der allgemein war, Kenntnis genommen und werde ihn der türkischen Regierung übermitteln. Und nun erteile ich unserm Meister Dr. Max Nord au das Wort. Aus der Rede Dr. Nordaus. Es entspricht der Bedeutung dieses zehnten, dieses Jubelkongreffes, daß er in denselben Räumen gehalten wird, die dem ersten zur Wiege gedient haben. Symbolisch soll darin die Einheitlichkeit der zionistischen Entwicklung angedeutet werden. Freilich, zu jubilieren haben wir heute weniger Ursache, als zu irgend einer Zeit, seit der Zerstörung des zweiten Tempels, Das jüdische Volk lebt gegenwärtig die düstersten Tage seiner Geschichte in der Zerstreuung. Feinde ringsum! Ueber die kleinen Nadelstiche, die Moralisten Mißhandlungen, denen wir uns durch stolze Zurückhaltung, dauernde Selbstüberwachung, Vorsicht im gesellschaftlichen Verhalten entziehen können, setzen wir uns im ganzen mit geringer Einbuße an Würde und mit wenig wirklichem Schaden hinweg. Aber was sollen wir in den Ländern anfangen, wo mau amtlich keine Vorurteilslosigkeit uns gegenüber heuchelt, wo man uns nicht die Komödie der gesetzlichen Gleichberechtigung vorspielt. Dort arbeitet -man mit der wilden Energie der Mordlust auf unsere vollständige Vernichtung hin. Der Ausdruck, daß man die Juden „entrechten »nt» proletarisieren" wolle, ist viel zu schwach; der Jude ist vogelfrei, er muß sich ergeben plündern laffcn, seinen Hals widerstandslos den Messern der Mörder darbieten. Sind die Verbrecher Beamte, so gibt es gegen sie weder Kläger noch Richter; sind sie Private, so werden sie mitunter verurteilt, um alsbald begnadigt zu werden. Wenn man an den Juden keine Gewalt verübt, so erpreßt man ihnen wenigstens ein willkürlich bemessenes und nach Belieben erhobenes Lösegeld und unterhält in ihnen mit allen Mitteln der raffniertesten Verängstigung einen dauernden Zustand des Bangens und Zagens vor den Möglichkeiten der nächsten Stunden, der ihr Hirn und Nervensystem zerrüttet. Nicht einmal wirtschaftliche Proletarier läßt man sie sein, man verhindert sie, Lohnarbeiter zu werken durch Aufenthaltsverbot in den Jndustriebezirken. Auf die Vertierung und die langsame Abwirkung ist es abgesehen. An Millionen schuldloser Menschen wird da ein Verbrechen begangen, für die es in der an Massenmorden so reichen Geschichte kein Beispiel gibt. Wie nehmen die Schönredner, die Amtlichen, die Regierenden, noch vielmehr als die Privaten, den Mund voll von Fortschritt, Entwicklung, Menschenwürde, Gerechtigkeit!. Und wenn man sie anruft und fragt, wie sie dieses Massenverbrechen seelenruhig mitansehen können, murmeln sie etwas wie: „In die inneren Angelegenheiten, souveräner Staaten darf man sich nicht einmischen!" Dieses Grundgesetz von der Achtung der Unabhängigkeit des souveränen Staates gilt aber nur, wenn er stark ist; ist er schwach, dann greift man in seine inneren Angelegenheiten nach Herzenslust ein, so tief, wie man das irgend für nützlich hält. Wenn man die „Menschlichkeit", die „menschliche Gemeinbürgschaft" der Regierungen und Völker anruft und von ihnen Taten fordert, bann antworten sie trocken: „Was bringt uns die Tat der Menschlichkeit ein??" (Heiterkeit, Beifall und Zustimmung.) Und haben Regierungen und Völker sich ausgerechnet, daß ein Schritt zugunsten von Millionen ruchlos mißhandelter Nebenmenschen ihnen kein Profitchen abwirft, so weisen sie das ihnen zugemutcte uneinträgliche Geschäft kaltblütig zurück, dann ziehen sie den Kontorrock aus, sind wieder Idealisten (Heiterkeit), beglückwünschen sich zu ihrer adeligen Gesinnung und brandmarken uns Juden wegen unseres Schachergeistes und unserer semitischen Unfähigkeit, uns zu vornehmer, idealer Selbstlosigkeit zu erheben. (Stürmischer, minutenlanger Beifall und Händeklatschen.) Ich sehe nur noch ein Land, das seine Grenzen gegen die Masseneinwanderung der verfolgten Juden und ihre bäuerliche Ansiedelung nicht grundsätzlich versperrt hat: Die Türkei. Im weiteren Verlaufe seiner Rede bespricht Dr. Nordau in scharfer Weise die Haltung der den Zionismus bekämpfenden, türkischen Juden und spricht die Meinung aus, daß die wichtigste Aufgabe des Zionismus jetzt sei, die türkische Regierung und die einflußreichen Staatsmänner des türkischen Reiches und nicht zulctzt die Bevölkerung in der Türkei davon zu überzeugen, daß der Zionismus nichts anstrebe, was den Staatsinteressen der Türkei zuwiderlaufen könnte. Auf Antrag des Herrn Prof. Dr. Ch. Weizmann, des stellvertretenden Vorsitzenden des Permanenzausschusses, wurden folgende Herren als Funktionäre des Kongresses gewählt: Als Präsident: Dr. MaxNordau; als Vizepräsidenten : Dr. M. I. Bodenheimer, Dr. A. Marmor e k, Adolf Stand, Dr. E. W. T s ch l e n o w und Ing. M. Ussischkin. Als Beisitzende: A. Böhm, D. Florentin, I. Goldberg, Prof. R. Gottheil. L. Keßler, I. Moser, S. Pineles, Rabbiner Reines, Dr. Weil (Basel). In der Nachmittagssitzung erstattete zunächst Herr G o l d r e i ch (Köln) den Bericht des Legitimationsausschusses — drei Mandate werden wegen ungenügender Wählerzahl für ungiltig erklärt worauf Präsident Wolffsohn die Debatte über den Bericht des Aktionskomitees einleitete. Er verlas unter anderem einen Brief des Mitgliedes der Leitung, Herrn Jacobus K a u n (Haag), in dem dieser seinen Standpunkt zu den einzelnen Punkten der Tagesordnung darlegt. Prof. Dr. Otto Marburg (Berlin) erstattete den Bericht des Palästinarefforts. Die Arbeit in Palästina sei vorwärts gegangen. Der Referent besprach eingehend alle Institutionen der Bewegung in Palästina. Nach ihm sprach Herr Böhm (Wien), der die Arbeit der Leitung kritisierte. Der nächstfolgende Redner Herr Doktor D a i ch e s mahnte zur Einigkeit. Er hob weiters hervor, daß die Leitung die politische Arbeit richtig geleitet habe. Er verlangte ferner, daß die kulturelle Erziehung der Jugend im Lande Israel im Sinne des traditionellen Judentums erfolge, DrI Ravenna (Ferürra) wies auf einige Aeußeruugen des „Ieune Turc" bezüglich Italien hin, worauf Präsident Wolffsohn erklärte, daß die zionistische Organisation von den wärmsten Gefühlen der Dankbarkeit gegenüber dem König, der italienischen Regierung und dem italienischen Volk erfüllt sei. Für die eingerückten Aeußerungen in manchen Blättern, die der zionistischen Organisation nicht unterstehen und auf die wir keinen Einfluß haben, können

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