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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-08-18 · 33 (18.8.1911) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 545 Nr. 33 Dr. Wochs der Gäste gehören zum allermindesten zur Hälfte zu den Hebräischsprechenden. Man hört ebenso viel Hebräisch wie Deutsch, und alle andern Sprachen verschwinden daneben. Diejenigen Delegierten, die kein Hebräisch verstehen, sind nicht imstande, den Verhandlungen des Kongresses so zu folgen, wie es im Interesse der Verhandlungen wünschenswert. ist und überall hört man jetzt auch von den deutschen Delegierten aus dem Reiche, dag sie nunmehr auch daran gehen wollen, nicht bloß theoretische Freunde der hebräischen Sprache zu werden, sondern an die Erlernung der Sprache selbst zu gehen. Damit haben aber der Zionismus und die mit ihm engverbundene Listaäiut ’i b r i t einen ungeheuren Erfolg errungen. Also auch in der hebräischen Sprache vollzieht sich jetzt der Ueber-gang von der Theorie zur Praxis, von der politischen Erwägung zur praktischen Arbeit. Es bleibt natürlich abzuwarten, wie weit die Wortführer der praktischen Arbeit selbst bei sich mit dieser eminent wichtigen praktischen Arbeit Ernst machen werden. Am verworrensten war bisher die Frage der neuen Leitung. Da aber die bisherige Mehrheit selbst fest entschlossen ist. den neuen Männern zu weichen und ihnen eine unzweifelhafte Mehrheit einzuräumen, so ist es keine Frage, daß diese in homogener Weise zustande kommt» Die russische Liste Marburg, H a n t k e, Sokolow, Schm. Lewin und Viktor Jacobsohn wird allem Anschein nach glatt gewählt werden und daneben ein weiteres Aktionskomitee eingesetzt werden, das ans 23 Personen bestehen soll und in dem die neue Leitung eine 2/3 bis s/4 Mehrheit haben wird. Ein neuer Präsident wird nicht wie bisher gewählt. Das neue Organisationsstatut setzt au Stelle der bisherigen konstitutionellen Monarchie eine Oligarchie. Die fünf neuen Direktoren der Partei werden ein Kollegium bilden, das aus sich einen Vorsitzenden wählen kann, wenn es will, dem die Befugnisse eines Primus inter Pares, nicht die Präsidialgewalt zufällt. Dieser Primus wird voraussichtlich Professor Dr. Otto Warbnrg in Berlin sein. Denn eine der Hauptforderungen der nunmehr zur Leitung kommenden bisherigen Opposition ist die Verlegung des Bureaus nach Berlin. In Köln wird vielleicht noch der Nationalfonds verbleiben, aber wahrscheinlich auch er nicht. Neben dem Kongresse geht dauernd eine Reihe interessanter Veranstaltungen her. Murray Rosen b erg aus London führte kinematographische Aufnahmen aus Egypten und dem Lande Israel vor, von denen besonders B e z a l e l lebhaft interessierte. Dr. Heinrich Löwe hielt einen Lichtbildervortrag über „Jüdische Volksarbeit in Erez Jisrael" nach nur neuen Aufnahmen, vor allem von den Nationalfondsbesitzungen. Prof. Auhagen gab einen Lichtbildervortrag über Kolonisationsmöglichkeiten im vorderen Orient. Christliche Freunde des Zionismus veranstalten eine Propagandaversammlung, in der ebenfalls Direktor Auhagen der Hauptreferent war. Dr. Z o l l s ch a n hielt einen Vortrag über Rassenproblem, A h a r o n i-Jerusalem sprach über das von ihm geleitete naturhistorische Museum. Daneben ein Konzert zu gunsten der Nationalbibliothek, eine große Emigrationsversammlung, ein Meeting der Histadrüt, Kommers und dramatische Aufführungen; Festesstimmung in ganz Basel. Hoffen und wünschen wir, daß etwas Gutes herauskommt, etwas Ersprießliches für das arme gehetzte jüdische Volk. Erster Tag. In Anwesenheit von 429 Delegierten aus 25 Ländern und etwa 1300 Gästen hat am 9. August im Stadtkasino zu Basel der zehnte Zionistenkongreß begonnen. Eröffnet wurde der erste Tag der Beratungen durch eine große Rede des Präsidenten Wolffsohn, der mit Freuden! feststellte, daß die Bewegung erstarkt sei und. weiter. fortschreite. Nicht so gut sei es um die gesamte Wochenschrift Judenheit bestellt, deren Lage sich überall in der Welt verschlechtert habe. Den einzigen Lichtpunkt, die einzige Besserung sehen wir in der Türkei. Dort haben unsere Brüder nach den politischen Umwälzungen der letzten Jahre die gleichen Vorteile von der errungenen Freiheit erhalten, wie die übrige Bevö kerung des ottomanischen Reiches. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die dort den Juden gewährt wurde, ist allem Anscheine nach ernst gemeint. Sind doch die Türken stets freundlich zu den Juden gewesen und haben sie doch schon in jener finsteren Zeit, als wir überall geächtet und verfolgt wurden, den aus Spanien vertriebenen Inden Gastfreundschaft und ein Asyl gewährt. Mit dieser Tatsache haben wir gleich von vornherein gerechnet und rechnen auch heute mit ihr, obgleich sich anscheinend gegenwärtig auch dort Strömungen bemerkbar machen, die sich gegen den Zionismus richten. Diese ourch Unkenntnis oder gar Böswilligkeit einzelner hervorgerufeuen Stimmungen können nicht von langer Dauer sein, weil sie auf falschen und unwahren Voraussetzungen beruhen. Traurig und schmerzlich ist es für uns nur, daß auch einzelne Juden, Söhne unseres eigenen Stammes, mithelfen, die öffentliche Meinung gegen uns aufzubringen, ohne zu bedenken, daß sie damit das Wohl der jüdischen Gesamtheit gefährden. Die Wahrheit wird aber durchdrmgen und mit ihr die E.kenntnis, daß der Zionismus dem ottomanischen Reiche ebensoviel Vorteile und Nutzen bringt wie dem jüdischen Volke selbst. Das ottomanische Reich ist Jahrhunderte hindurch wirtschaftlich vernachlässigt worden; es ist auf eine Einwanderung nützlicher Elemente jetzt mehr als jemals zuvor angewiesen. Bessere, nützlichere und loyalere Einwanderer als die heimatlosen Juden aber wird es niemals und nirgends finden! Vorläufig ist diese Erkenntnis dort noch nicht durchgedrungen. Die Debatten in der türkischen Kammer über den Zionismus haben deutlich gezeigt, wie wenig noch unsere Bestrebungen in vielen türkischen Kreisen bekannt sind, wie vollständig ste auch von solchen, die sie dem Namen nach kennen, verkannt werden. Unsere Schuld ist es aber nicht, daß über uns allerlei Märchen und Lügen verbreitet werden. Von der ersten Stunde an haben wir alle unsere Verhandlungen in der vollsten O-ffentlichkeit geführt. N cht ein einziges Mal haben wir hinter verschloffenen Türen getagt, nicht ein einziges Mal geheime Sitzungen abgehalten, weil es bei uns eben keinerlei Geheimnisse gibt und wir nichts zu verbergen haben! Wir haben feierlichst erklärt, daß wir in der Gesetzgebung der freiheitlichen Türkei die Garantien für unsere persönliche und nationale Sicherheit erblicken, daß es unser Bestreben ist, unsere Wohlfahrt und unser Schicksal mit dem des ottomanischen Reiches zu verknüpfen, indem wir uns in einem Teile dieses Reiches, in Palästina, auf dem Boden unserer Väter, eine Heimstätte errichten wollen. Nur grobe Unkenntnis oder Bosheit können es fertig bringen, uns nachzusagen, daß wir die Lostrennung Palästinas vom ottomanischen Reiche erstreben, daß wir ein selbständiges, jüdisches Königreich errichten wollen. Den Leuten, die solches behaupten, scheint — soweit sie es ehrlich meinen — eine Verwechslung des Zionismus mit dem alt- und neutestamentlichen Meffiasglauben vorzuschweben. Es ist ja richtig, daß Millionen Juden und die gesamte Ehristenheit an die meffianische Zeit, die mit der triumphierenden Rückkehr der Juden nach Palästina verknüpft ist, fest glauben. Auch unsere grenzenlose Liebe für Palästina verdankt diesem Glauben ihren Ursprung, aber niemals ist es uns modernen, . praktischen Zionisten eingefallen, meffianische Tendenzen in unsere Bewegung hineinzutragen. Niemals haben wir mit den religiösen Gefühlen der vielen Millionen Gläubigen ein solches frevelhaftes Spiel zu treiben uns unterfangen. Um das Kindermärchen glaubhafter zu machen, daß wir ein jüdisches Königreich in Palästina gründen wollen, wird auch versucht, uns Herzl's Buch „Der Judenstaat" als die Grundlage unserer Bewegung entgegenzuhalten. Aber gerade dieses Argument ist der beste Beweis für die Unrichtigkeit solcher Behauptungen. Als Herzl den Judenstaat schrieb, kannte er den Zionismus kaum. Er hatte die grandiose Idee, die brennende Judenfrage radikal zu lösen durch die Gründung eines Judenstaates irgendwo in der Welt, wo ein freies Territorium dafür zu haben wäre. Als Herzl aber mit uns Zionisten in Fühlung trat, als er den Zionismus kennen gelernt hatte und wir unter seiner Leitung den ersten Zionistenkongreß hier in Basel abhielten, da war von einem Judenstaat nicht mehr die Rede. Klipp und klar haben wir in unserem Programm unsere Wünsche, unsere Hoffnungen und unser Ziel zum Ausdruck gebracht und sestgelegt: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina". Nicht einen Judenstaat, sondern eine Heimstätte, auf dem alten Boden unserer Väter, in der wir uns.als Juden, ohne verfolgt und bedrängt zu werden, national ausleben können. Dazu brauchen wir die öffentlich-rechtliche Sicherung l Wie diese zu erreichen ist, hängt von den politischen Verhältnissen ab. Unter dem alten Regime stellten wir Wünsche auf, die den damaligen Verhältnissen angepaßt waren. In der neuen freiheitlichen Türkei erblicken wir — ich wiederhole es — in den konstitutionellen Einrichtungen die volle Garantie unserer persönlichen und nationalen Sicherheit. Was wir aber verlangen müssen, ist, daß dem jüdischen Einwanderer in Palästina die Möglichkeit gegeben wird, das ottomanische Bürgerrecht ohne jedwede Einschränkung zu erlangen und daß er dann den jüdischen Volksfitten entsprechend ungehindert leben kann. Diese Garantte. die uns nur durch das öffentliche Recht gesichert werden kann, müssen wir verlangen, in unserem eigenen Interesse, aber auch.

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