Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 844 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 33 Blinde!nstenographie für Yiddisch. Die „British Md ForeiM Blind Association" in London beschäftigt sich gegenwärtig mit einem interessanten Versuch. Es handelt sich um die Anwendung des englischen Braille-Systems für Stenographie auf hebräische Buchstaben, um es für die stenographische Aufnahme yiddischer Vorträge verwenden zu können, Dieses yiddische Stenographie-System soll hauptsächlich den vielen blinden Kindern zugute kommen, die das Londoner East-End aufzuweisen hat. Auf der letzten Konferenz über Blindenerziehung, die in London stattfand, fungierte als offizieller Protokollführer der blinde Maurice I. Myers, ein Jude, der nicht nur selbst ein hervorragender Stenograph und Maschinenschreiber ist, sondern ein eigenes System für Stenographie erfunden hat, das in England jetzt sehr verbreitet ist. Jüdische' Soldaten in Audienz beim Zaren. Jüdische Soldaten aus Odessa, Kischeneff und Kiew beschlossen, in den nächsten Tagen nach Petersburg zu reisen. Und hoffen, beim Kaffer von Rußland eine Audienz zu erlangen, um ihm ihren Protest gegen die Ausschließung der Juden vom Militärdienst vorzulegen. Die Führer der Deputation waren bereits einmal beim Zaren in Audienz und es ist interessant, wie einer derselben den Verlauf der Audienz erzählt. Am 4. August 1910 — erzählt er — hatten wir sechs Personen, unter Führung des verstorbenen Barons David von Günzburg, das Glück, vor dem Kaiser in Zarstoje-Selo zu erscheinen. Als der Kaiser erschien, sanken wir in die Knie, ich hielt in der Hand ein Sefer- Thora und wandte mich an Seine Majestät mit folgender Ansprache: „Eure Majestät! Das Sefer-Thora bringe ich Eurer Majestät dar als Geschenk von meinen Kameraden, den jüdischen Soldaten, die an dem japanischen Krieg beteiligt waren. Das ist unsere Fahne, die wir schon seit Tausenden von Jahren hüten, wir trugen sie durch Feuer und durch Wasser: sehr viel mußten wir ihretwegen leiden und dennoch halten wir sie fest in unseren Händen. Wir bringen sie Eurer Majestät als Geschenk für den Kronprinzen." Seine Majestät dankte uns, befahl uns aufzustehen und begann -uns ausrufragen, wie es uns im Kriege ergangen sei und wie wir jetzt leben. Da fing ich zu weinen an und erzählte, wie man uns aus Kiew vertreibt, und daß wir jetzt keinen Ort finden, wo wir einen Tag verbringen oder eine Nacht uns ausruhen könnten. Gestützt auf das Manifest vom 14. August 1904 ließen uns, daß man uns nicht mehr vertreiben werde und und Kind vertrieben. Der Kaiser war zu Tränen gerührt und beruhigte uns, daß man uns nicht mehr vertreiben werde, und daß wir überall, wo wir uns wohl fühlen werden, frei wohnen'dürfen. Man gab uns jedem 50 Rubel uyd ein Bahnbillett zweiter Klasse zur Heimreise und wir fuhren zurück nach Kiew." Diese Erzählung, die im „Haint" reproduziert ist, klingt wie eine Ironie Mf die heutigen Zustände in Rußland.; * Der zehnte Zi»mste«k«mgreß i« Kasel. (Von unserem Spezialberichterstatter.) Basel, den 14. August 1911. In dem Zeichen des Friedens tagt der zehnte Zionistenkongreß in Basel. Es ist eine eigene Sache mit dem Frieden. Er wird am meisten dann im Munde geführt, wenn hinter dem Frieden der Krieg bereits wartet. Hier ist es anders. Cm großer Teil des Kongresses, die weitaus große Mehrheit hat mit den Wünschen einzelner, die vielleicht irgendwie vom Ehrgeiz geleitet werden, nichts zu tun, wenn sie auch ebenso gegen ihren Willen und zum mindesten nicht mit Absicht diesen Bestrebungen dienen. Die weitaus größte Zahl der Delegierten wünscht ehrlich den Frieden, wenn auch der Preis dieses Friedens die bedeutendste Persönlichkeit ist, die augenblicklich in der zionistischen Partei wirkt. Wolffsohns Rücktritt aus der Leitung ist der Preis des Friedens. Dieser ist damit sehr hoch bezahlt. Da aber die russische Landsmannschaft auf diesem Preis besteht und da die Berliner Freunde Wolffsohns zum großen Teile bereit sind, diesen Preis zu zahlen, der ihnen selbst keinen Nachteil bringt, so ist der Friede besiegelt. Die friedliche Stimmung prägt den Diskussionen ihr Aeußeres auf. Aber wenn am ersten Tage die Debatte infolgedessen sehr matt und geradezu unbedeutend war, so erhob sie sich bereits am folgenden Tage zu einer bedeutenden Höhe. An den Bericht des Nationalfonds knüpfte sich die erste Kulturdebatte und in ihrem Verlaufe stieg die Stimmung bes Kongresses, bis sie in einer ebenso temperamentvollen wie witzigen und tiefangelegten Rede von Doktor Schemarjahu L e w i n gipfelte. Der Angriff der Misrachifraktion wurde abgeschlagen, und diese Federation sah sich genötigt, ihre Resolution vor der Abstimmung zurückzuziehen. Dagegen gab Dr. T s ch l e n o w im Namen des Präsidiums erneut die Erklärung ab, daß von seiten der Partei nichts geschehen würde, was geeignet sein könnte, o Me Gesetze der Thora und ihren Geist zu verletzen. Nach einer andern Richtung? jedoch bedeutet dieser Kongreß eine erhebliche Abweichung?-von der bisher in der Partei allein giltigen Politik. Wenn auch das Wort „Judenst a at" niemals ein offiziell zionistischer Begriff war, so bedeutet doch seine offizielle Ablehnung in der Eröffnungsrede des Präsidenten einen Rückzug von weittragender Bedeutung von der Politik des Zionismus, wie sie seit dem ersten Kongresse sich bewegte. Die neue Leitung hat damit bereits vor ihrem Amtsantritt alle politischen Traditionen aus der Herzlichen Zeit beiseite geschoben und kann nur ein A r b e i t s k o m i t e e sein, das sich damit begnügt, praktische Kleinarbeit zu leisten. Der von der früheren Opposition, die nunmehr die Leitung übernimmt, verlangte Zug ins Große ist damit völlig verlassen, umso mehr als die einzige Persönlichkeit, die diesen Zug ins Große oft zeigte, nämlich W o l fff o h n, voraussichtlich gänzlich aus der Leitung scheiden wird. Denn sein Verbleiben als Leiter der Kolonialbank vermag wohl unbedachte Schritte der neuen Leitung zu verhindern, nicht aber eigene Initiative zu ergreifen. Dabei zeigt sich schon heute, daß Wolffsohn zwar viele Feinde hat, seine Nachfolger aber nicht einen einzigen Anhänger, der ihnen so folgt, wie Wolffsohns Mehrheit ihrem erkorenen Führer. Der Friede wird also auch darin bestehen, daß in den nächsten zwei Jahren nichts Neues in Angriff genommen werden dürfte, wohl aber, daß man an den notwendigen Ausbau der Parteiiustitutionen gehen wird. Von ganz besonderer Bedeutung auf diesem Kongresse^, ist der Umstand, daß man auf ihm Gelegenheit hat, die ungeheuren Fortschritte und das unaufhaltsame Wachstum des Hebräischen zu beobachten. Wenn auf dem ersten Kongreß nur der Delegierte der jüdischen Kolonien im Lande Israel eine hebräische Rede gehalten hat, so nimmt das. Hebräische heute bereits diegleiche Stellung wie das Schriftdeutsche ein, während das Jüdischdeutsche nur wenig, das Russische überhaupt kaum gehört wird. Die Sitzung am Sonntag wurde vom Präsidium ausschließlich hebräisch geleitet. Die meisten Reden waren hebräisch und als ein Mitglied der Poale Zion in jüdischdeutscher. Rede einem großen Teile des Kongresses unverständlich geblieben war, wurde die hebräische Bitte ausgesprochen, diese Rede dadurch zum Verständnis zu bringen, daß man sie ins Hebräische übersetze. Sowohl die Delegierten, wie die Tausende