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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-08-18 · 33 (18.8.1911) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 33 Seite 543 >' L ärifeis."««*.» ..«i-. -2^. Dr. Blochs Wochenschrift auf das physisch-klimatische Milieu das Hauptgewicht legt, daß die äußere Statur (natural enviromnents) das Maßgebende für unser geschichtliches Schicksal ist, während Lazarus als Völkerpsychologe den intellektuellen Faktor als den entscheidenden ansieht. Wir wollen diese Stelle von Buckle zitieren, auf die der Vers, hiuzielt, weil diese, vom Standpunkte der jüdischen Ethik interessant ist. Sie befindet sich in dem bahnbrechenden Werke „History of Civilisation“, I. Teil, 4. Kapitel, dort heißt es: „Unfraglich hat nichts in der Welt eine so geringe Veränderung erlitten als die großen Grundsätze, aus denen das Moralsystem besteht. Andern Gutes zu tun, ihnen zu Liebe die eigenen Begehrungen zu unterdrücken, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, den Feinden zu vergeben, die Leidenschaften zu unterdrücken, die Eltern zu ehren, die Vorgesetzten mit Achtung zu behandeln — diese und ein paar andere Sätze sind der wesentliche Inhalt der Moral. Aber sie sind schon vor Jahrtausenden bekannt gewesen und nicht ein Jota ist ihnen hinzugefügt worden durch die Predigten, Homilien Und Texte, welct e Moralisten und Theologen hervorgebracht haben/ In der Anmerkung Nr. 14 zur Stelle heißt es ferner: „Jeder Gelehrte weiß, daß die Sittenlehre des Neuen Testamentes ' keinen nicht, schon früher ausgesprochenen Satz enthält . . . die Behauptung aber, daß das Christentum habe vorher unbekannte moralische Wahrheiten mitgeteilt, verrät entweder grobe Unwissenheit oder geflissentllche Täuschung". In der darguf folgenden... Anmerkung zitiert er den Ausspruch Mackintosk, daß ^üiehr als 3000 Jahre sind seit Abfassung des Pentateuch verflossen, und kein Mensch wäre imstande zu sagen, daß die L^benstegeln feit jener fernen Zeit sich in irgend einer wichtigen Hinsicht geändert haben." Es ist merkwürdig, daß auch Lazarus dasselbe behauptet, ja noch weiter als Buckle geht, daß, wie wir oben gesehen, schon der Kant'sche Sitteubegr.ff. ferner die Verwerfung aller utilistischen und eudämouiftischen Prinzipien im Pentateuch enthalten sei. Wenn dem wirklich so ist, welche Fortschritte hat dann die Ethik seit 3000 Jahren gemacht? Wir müssen also den Fortschritt d r Ethik höchstens in der Ausbreitung und Vertiefung der Ideen und in der intensiveren Ausübung derselben suchen. Mit Gedanken über Rache, Reue u. s. w. schließt der dritte Abschnitt. 'Der vierte Abschnitt trägt die Ueberschrift „Die Gestaltung der Sittlichkeit, welche geschaffen werden soll". Zu dem Begriffe, daß die Gesellschaft ein Organismus sei, muß auch das ethische Motiv hinzutreten. Man muß von der Familie zur Gesamtheit überschreiten. Das Gewissen des Einzelnen ist gestützt, daß es Teil einer Gesamtheit :st. Weder. Individualismus noch der Kollektivismus in ihrer Einseitigkeit haben Recht. Die Ethik weist ihnen Grenzen an. Einer tiefer dringenden Erkenntnis bleibt es Vorbehalten, beide miteinander zu vereinigen und eine höhere Weltanschauung zu begründen. „Zwei Bewegungen können in ihrer Richtung und Bedeutung verschieden sein und doch zugleich von demselben Wesen vollzogen werden; um ihre tigene Achse dreht sich die Erde, zugleich bewegt sie sich um dw Sonne und vielleicht auch noch mit dem Sonnensystem um eine Zentralsonne. So bewegt sich der Mensch um sein eigenes Ich, zugleich um die Sonne der Idee in Gemeinschaft mit allen übrigen Wesen. Und die Idee des Guten und-Allgütigen ist die Zentralsonne, um welche alles Gewordene sich bewegt, um den Abglanz desselben und die Lebenskraft von demselben zu empfangen/ Der - Verfasser trägt ferner vor die Anschauung der jüdischen Ethik über die Kollektiverscheinungen als Ehe, Familie-u. s. w. Die Schule ist das Mittelglied zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, woran sich ethisch-pädagogische Betrachtungen knüpfen. Wir schreiten nun zur Ethik der Gesellschaft und der einzelnen Kreise derselben. Gemein-' samkeit ist wohl unsere starke Seite, aber wenig Ordnung und noch weniger -Unterordnung. Dieses ist unsere schwache Seite, Der Rabbinismus war bestrebt, mehr die Innerlichkeit auszubauen, dieses hinderte die Hineinbildung in die wechselnden und fortschreitenden Knlturverhältniffe. Hier liegt also vorzugsweise die ethisch-wissenschaftliche Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft des Judentums. Das Schlußkapitel spricht über Staat, Volk und Menschheit, über Ethik und Politik. „Was im' früheren Dasein des Geistigen in der Tätigkeit als Inhalt Wert hatte, was den inneren Bestand im Individuum oder in der Volksseele ausmacht, das muß auf der Schwelle des Bewußtseins bleiben. — Die Schwelle des Bewußtseins in der Volksseele!" — In diesem Gedanken zeigt Lazarus sich als echten Herbartianer. Endlich klingt das Werk in messianischen Hoffnungen aus. Für die Ueberzeugung, daß erst in der Zukunft, bei geweihtem und liebevollem Zusammenschluß der Menschen, der Stämme, der Völker, der Staaten die Erlösung kommt, die messianische Idee sich erfüllen wird; in der Zukunft, wenn die Worte Recht, Liebe nicht bloßes Lippenwerk, nicht bloß leerer Hauch und Rauch bleiben, sondern führende Kraft in den Herzen sein werden. vom Anbrmnrkt des Lebens. An dM Unrechten gekommen! In Bochum ereignete sich vor einigen Tagen der folgende köstliche Fall: In einem dortigen Wartesaal in Gegenwart mehrerer jüdischer Bürger erlaubte sich ein auswärtiger „gebildeter" Herr eine Bemerkung, die eine sehr große Angehörigkeit darstellte und die anderen schwer beleidigen mußte. Zum Ueberdruß wurde der gute Mann auch noch tätlich. Da „griff" ihn einer der Israeliten mit gewandtem Arm, legte ihn über und verabreichte ihn unter dem Beifall und der Zustimmung aller Anwesenden eine Lektion, an die jener noch lange denken wird. Wie ein begossener Pudel schlich der Gezüchtigte von dannen und kann lachen, wenn für ihn die Wartesaalgeschichte nicht obendrein ein böses und teures gerichtliches Nachspiel hat. Die» Christenstraße in Jerusalem!. Die Gerichte Jerusalems befallen sich augenblicklich mit einer Angelegenheit, die ein nicht geringes allgemeinjüdisches Interelle beanspruchen darf. Es gibt in der Heiligen Stadt eine Straße, zu der die Christen den Juden den Zutritt versagen. Es ist dies die Straße Haret el Nafsara, wo die Kirche des heiligen Grabes gelegen ist. Jeder Jude, der sie betritt, muß gewärtig! sein, von der fanatisierten Menge angefallen und tätlich beleidigt zu werden. Im vorigen Jahre wurde ein Herr Philipp Kieferndorff, welcher die Straße passieren wollte, gröblichst beleidigt und mit Steinen beworfen. Als einige Passanten ihn fragten, ob er eigentlich Jude sei oder nicht, antwortete er: „Euer Gott selbst war ja Jude." Die Menge, die durch diese Antwort erbittert wurde, warf sich auf ihn, und nur durch die Intervention eines angesehenen Griechen wurde das Opfer des Angriffs vor weiterer Unbill bewahrt. Herr Kieferndorff ist nun tatsächlich nicht Jude, hat jedoch stets an jüdischen Dingen reges Interelle genommen. Cs ist anzunehmen, daß er vor dem Gericht der konstitutionellen Türkei fern Recht finden wird. Denn obwohl die Juden der Stadt stehts bemüht sind, die Gefühle der Andersgläubigen im gleichen Maße zu schonen, wie sie selbst auf Rücksichtnahme Anspruch erheben, so wird doch niemand einer Gruppe der Bevöllerung das Recht der brutalen Selbsthilfe zuerkennen, wenn sie die Benutzung einer öffentlichen Straße Leuten verwehren will, die gleichermaßen wie sie selbst zu den öffentlichen Lasten beitragen.

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