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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-08-18 · 33 (18.8.1911) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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hange mit den Grundgedanken der Ethik, die die Heiligung des Lebens als Ziel betrachtet. Die jüdische Tugendlehre hat zum höchsten Inhalt, daß der Mensch Gott ähnlich werde. „ Gürtern kann man nicht vergelten, schön ist, ihnen gleich zu sein", sagt Schiller. Nun kommt der Verfasser auf die Pflichten wfiin zu sprechen. Die Ideen, die realisiert werden sollen, sind schön beschrieben und gruppiert. In der Auseinandersetzung über das Verhältnis der Pietät und Kritik redet der Verfasser derfreien Forschung das Wort, ähnlich wie in seinem Aufsätze „lieber Aufklärung" inseinen „Idealen Fragen". Durch gar zu große Pietät wird die Wahrheit oft gefährdet. Pirtät öesteht nicht darin, zu glauben, daß der Lehrer die Wahrheit unbedingt gefunden, sondern, daß er diese unbedingt gesucht hat. Nur gegen leichtfertige Kritik soll Pietät einen Damm bilden. Vom Jünger verlangen wir Pietät, vom Meister Kritik. In seinen Betrachtungen über die „Ordnung" zeigt Lazarus sich als Lehrer seines Volkes. Alle Kulturtätigkeit, die in Bibel und Talmud so hoch geschätzt wird, wurde im Mittelalter beiden Juden etwas Sittlichgleichgültiges. Ethisch wertvoll war ausschließlich das Studium des Gesetzes. Es ist dies ans die schreckliche Ungunst der Verhältnisse zurückzuführen. Aller Segen der Kultur war uns fremd geworden. Wir müssen auch hier zurückerobern, was wir besessen haben. Nicht mit neuer, sondern mit unserer alten, eigenen Weisheit sollen wir unseren Grift beleben; nicht im Sinne einer Konzession an weltliche Bestrebungen, sondern im großen und hohen Sinn einer religws-sittlichen Forderung. Ebenso verhält es sich mit dem Staatsleben; weil dieses aufhörte, gewinnt die jüdische Ethik Mehr individualistischen Charakter, der ethische Gesamtberus tritt zurück und wurde gleichsam vertagt bis zur mkssianischeu Zeit. Heute, wo die Ghettomauern gefallen sind, muß er hervortreten. Auf Schritt und Tritt begegnen wir in Lazarus' „Ethik" dieser oder ähnlichen Bemerkungen, daß die jüdische Ethik wohl eine Sozmlekhik sei, doch ihre Durchbildung auf sozialem Gebiete, ihre praktische Anwendung auf gesellschaftlichen Problemen als solche nicht genügend durchgeführt sei. Dem Anscheine nach ist dieser Vorwurf auch begründet. Es wird mehr die ethische Ausbildung des Individuums vorgetragen. Doch möchten wir dem gegenüber erwidern, daß dieser Vorwurf nur vom Standpunkte des Völkerpsychologen berechtigt erscheint, der sich nur mit den Problemen der Gesellschaft beschäftigt, sein Forscherauge nur auf die großen organischen Gebilde der Menschheit richtet, als Sprache, Religion, Mythus, Sitte, Recht, Staat usw. auf jene großen Völkergedauken, in denen sich die Psyche der Menschheit geradezu in Lapidarschrift objektiviert. Kein Wunder, daß bei Lazarus die Gesellschaft das Primäre, das Individuum etwas Sekundäres, ja fast zu einer bloßen Abstraktion wird. Bei einer solchen Forschung trifft oft das Gegenteil des Sprichwortes zu, daß man vor Wald nicht die Bäume sieht, vor lauter Gesellschaft übersieht man das Individuum, wie dies bei dem Ethnologen Bastian der Fall war, der behauptete: Nicht der Mensch denkt sondern e s, — d. h. die Menschheit — denkt in ihm. Allerdings geht Lazarus nicht so weit, doch im § 444 stellt er den Gedanken der Gesellschaft höher als das Individuum. Im Anschluß an Virchow's Vorlesung über Huxley behauptet er, die Gesellschaft sei eim Organismus. In anderen Worten, der soziale .Organismus wird nicht durch die Summe der zu ihm gehörigen Teile erschöpft. Diese Analogie hat ' gewiß vom völkerpsychologischen Standpunkt einen großen heuristischen und methodologischen Wert und hat auch Lazarus, dies wollen wir gestehen, im Gegensätze zu Spencer und seiner Schule, das Bild nicht für die Sache genommen. Doch könnte man zur Rechtfertigung der jüdischen Ethik behaupten, daß diese die Gesellschaft nur als Organisation, aber nicht als einen Organismus ansieht, in welchem, biologisch zu sprechen, jede soziale Zelle, jedes Individuum unabhängig vom Ganzen über sich selbst bestimmen kann. Die freie Selbstbestimmung des Individuums ist ja der Grundgedanke der jüdischen Ethik. Wenn also die Gesellschaft eine Organisation ist, so wird der Charakter des Ganzen wohl bestimmt durch seine Teile. Wo die einzelnen Individuen ethisch-sittlich sind, so ist es auch die Gesellschaft, deshalb wurde das Hauptgewicht auf die sittliche Ausbildung der Einzelnen gelegt, weil ans der Summation der sittlich Einzelnen sich der Charakter der Gesellschaft mit mathematischer Notwendigkeit ergibt. Im Molekül wirken dieselben physikalischen Gesetze, wie im Konglomerate derselben. Auch die großen ethisch-gesellschaftlichen Massenorganismen, wie Recht, Sitte usw. sind nur Schöpfungen von Individuen, sie gleichen jenen Nebelflecken am Firmamente, von welchen die Astronomie mit Hilfe des Teleskopes zeigt, daß diese nur aus einzelnen Sternen bestehen. Allerdings — und darin liegt der geniale Gedanke von Lazarus, in der Begründung der Völkerpsychologie und ihrer Anwendung auf die Ethik — für das Studium der verwickelten psychisch-ethischen Phänomene Giguen sich diese Massengebilde besser, weil die psychische Tätigkeit in größeren, geradezu in groben Zügen zum Vorschein komme, was beim Individuum nicht der Fall ist.*) Weiter bespricht der Verfasser die Beziehungen der Erhik zur Naturwissenschaft. Beide sind nicht von einander abhängig. Die naturwissenschaftlichen Ansichten der Alten sind überholt worden, aber der ethische Wert ihrer Schriften blieb unberührt. Die erworbene Ansicht von den Naturerscheinungen, ihrer Entstehung und den Gesetzen ihrer Entwicklung bestimmen in keiner Weise die sittlichen'Aufgaben des Menschen. In den letzten Jahren hat sich leider ein Umschwung vollzogen, der dieser Behauptung widerspricht. Die Uebertragnng der Darwinschen Formel vom „Kampfe, ums Dasein" auf die Ethik, erschüttert geradezu die Säulen unserer althergebrachten, jüdisch-sittlichen Weltanschauung; daß die Menschheit nicht degeneriere, sondern zu Zimmer höheren Formen sich entwickle, verlangt man, daß man das treibende Agens, den Motor der. Höherentwicklung, daß man den Darwinschen „Kampf ums Dasein" verschärfe. Diese Schule hatte keinen geringeren Wortführer als den Modephilosophen Nietzsche, der in seinen geistessprühenden Aphorismen nicht den Frieden, sondern den Krieg verkündet, daß man die Schwachen, Kranken und Mißratenen zu Grunde gehen lasse, damit diese die Rasse nicht verderben, daß man das Glück vieler Millionen einem Gattungsideale hinopfere, kurzum, daß man die Welt zu einem großm Zuchtstalle umgestalte. Wie schön widerlegt Läzärüs die Ethik Nietzsche's im § 464 — er ahnte also doch die verheerende Wirkung der falschen Uebcrtraguyg naturwissenschaftlicher Schlagwörter auf die Ethik. „Falsche und voreilige Bilder verwirren die Gedanken. Die Notwendigkeit des Kampfes ums Dasein von der Natur auf die menschliche Gesellschaft zu übertragen, ist eine täuschende. Nicht Kampf, sondern Friede! Nicht schadenfroher Kampf, sondern friedlicher, gedeihlicher Wettstreit! Wenn die Menschen redlich wollen, so gibt es keine Notwendigkeit, daß ein Teil derselben ein elenves Dasein führen muß. Nur darf die Sorge für die Gesamtheit nicht bloß ein Almosen sein, welches man der Gesellschaft darbringt, sondern diese Sorge muß den Kernpunkt aller Sorgen bilden. Humanität in dem Sinne, daß jeder Mensch au der Arbeit der Gesamtheit, aber auch am Erfolg, am Lohn derselben wohlgemessen Anteil haben soll; diese Humanität ist nicht ein Ornament im Bau der Gesellschaft, sondern den Grundplan derselben soll sie gestalten:" Der Verfasser spricht dann über Recht, Wohltätigkeit und deren Ausübung. Die alte Frage nach dem moralischen Fortschritte, die Buckle verneint,. wird bejaht durch das Maß von Energie und eindringendem Verständnis der Wohltätigkeit. Lazarus ist von Haus aus ein Gegner Buckle's, der *) Ueber diese Probleme handle tcö ausführlich in meiner Preisschrift „Philosophie der Geschichte, Völkerpsychologie und Soziologie in ihren gegenseitigen Beziehungen." Berner Studien. Band XVIII.

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